Die Heimat ist die Heimat

von Ingeborg Henrichs
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" Ja, weißt du, Sophie, was soll ich dazu sagen?" Die mittlerweile hochbetagte Nachbarin, ich kenne sie seit meiner Kindheit, blickt mich fest an. " Auch nach über siebzig Jahren ist es so, die Heimat ist die Heimat. Wir mussten damals fliehen, meine Eltern, die Geschwister und ich. Über vieles aus dieser schweren Zeit möchte ich heute nicht mehr sprechen, doch wir haben es überstanden. Die Pferde habe ich an den Abenden in fremde Scheunen geführt, wo uns ihr dampfender Atem wärmte. Den spüre ich noch heute."
Ihre wachen klaren Augen leuchten auf bei dieser Erinnerung und ich kann sie mir gut vorstellen, das junge Mädchen von einst wird spürbar, ungebrochener Lebenswille, den grausamen Umständen trotzend, ihnen Mut und Tapferkeit entgegensetzend. Ihre Hände, mittlerweile wie beschützt von der Pergamenthaut des Alters, scheinbar so zart, ruhen auf dem blütenweißen Damasttischtuch neben der Kaffeetasse. Die blauen Adern auf dem Handrücken, diese unerschütterlichen Flüsse des Lebens - erzählen Geschichten.
" Ach, wie interessant", antwortet sie freudig auf meine Neuigkeiten, " dein Kollege ist mittlerweile Bürgermeister geworden in der Stadt nahe meinem ehemaligen Heimatdorf. Sieh mal an, so spielt das Leben. Ich bin hier, habe ein Zuhause, vielleicht sogar eine neue Heimat gefunden, und andere können nun in Friedenszeiten dahin gehen, von wo wir einst fliehen mussten."
Die gemütliche Kaffeerunde nimmt ihren Lauf, ein munterer Austausch von Alltäglichkeiten. Man erfreut sich am Zusammensein in vertrauter Runde und im aufsteigenden Dampf des frisch nachgeschenkten Kaffees treffen sich unsere Blicke.

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Kommentare

02. Okt 2018

Eine schöne, tröstende Geschichte, liebe Ingeborg ... dass man jetzt, in Friedenszeiten, nach dorthin gehen kann, von wo man einst fliehen musste. Auch ich werde im Frühjahr für einige Tage nach dorthin gehen, von wo aus meine Mutter einst fliehen musste. Auch sie hat während der Flucht mindestens einmal mit Freundin und Kindern in einem Pferdestall übernachten müssen.

Liebe Grüße und danke - für die sehr gut erzählte Geschichte,
Annelie

04. Okt 2018

Liebe Annelie, Liebe Anouk, Liebe Susanna,
ganz herzlichen Dank an euch für die freundlichen Reaktionen und eure persönlichen Erfahrungen zum Text. Es ist bereichernd für mich, wenn ich wissen darf, wie meine Geschichte betrachtet wird. Seid herzlichst gegrüßt von Ingeborg

03. Okt 2018

Liebe Ingeborg , dies erinnert mich an meine inzwischen verstorbene Großmutter. Beide Großeltern mussten aus der Heimat fliehen. Nur wenige Geschichten aus der alten Heimat habe ich erzählt bekommen: die meisten , als Oma dement wurde. Da erinnerte sie sich so klar, so völlig klar an ihre Kindheit in Schlesien, sie verfiel in alte Sprachmuster, rezitierte Gedichte ..sie wurde im Bruchteil einer Sekunde jung auf ihrem altersgezeichneten Gesicht.
Auch für sie blieb doch die Heimat die Heimat

Eine wunderschöne Geschichte , an der du uns dort teilhaben lässt, liebe Ingeborg.
Alles Liebe,
Anouk

03. Okt 2018

Du hast ein plastisches Bild gezeichnet und eine schöne friedliche Stimmung erzeugt. Die Kaffeerunde mit dem Austausch der Frauen, die Zufriedenheit der Älteren, trotz ihres harten Lebens. Das alles empfinde ich als gut und wohltuend.

Herzliche Grüße, Susanna