Es bleiben die Steine

von Freddy Freddy
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Na dann,
zog der Schimmel vom Dachbalken zum Isolierschaum. Knisterte ihn an. Fraß an der Statik. Dann am Einkommen. Im Namen der Konsequenz stampfte der Notarstempel einen Notarstempeldruck: Die Dienstleister von Abriss und Abräum verrichteten ihr täglich Werk:
Es blieben die Steine.
Einwohner des Tals stehen vor den Steinen, halten ihre Rollatoren fahrbereit geölt und sagen: „Der schlimmste Winter sei der Sommer im Tal“, daraus habe zu folgen:
„Alle haben Schimmel. Außer ein Haus“, womit gelte:
„Jasmin hat Glück gehabt“, dennoch:
„Niemand tat was. Schon wieder Abriss. Unrecht mit Unrecht vergolten.“
Sie nicken sich zu.
„Wie heißt die Kleine eigentlich?“

*

Jasmin,
ein ungewöhnlich zartes Kind, sehr zart für ein Baby, aber Sorgen brauchen Sie sich nicht. Eine Frühgeburt mit 2400 Gramm, man man, ein Fliegengewicht. Diese kleine Schönheit, Jessie lacht, strahlt, sie ist das zerbrechlichste überhaupt, liebt Jasmin sie an, und bei der Ärztin fühlt sie sich bestens aufgehoben, wie schön das sei, sie lacht. Alle lachen, als beginne hier etwas und selbst die eingewohnten Omas lachen, die ihre Rollatoren eingeparkt und gesichert haben und so schöne Tipps geben, zum Auskochen der Babywindel. Es gibt kostenfreien Traubenzucker und Bonbons, selbst für Oma Mellitus, sind ja kein Zahnarzt, lacht die Sprechstundenhilfe, auch so eine gescheiterte Frühverrentung, Jasmin dankt allen so herzlich, ist es nicht schön, dieser Tag, jetzt mit Bude, jetzt mit Ausbildungsaussicht, bald hält der Schulbus wieder im Dorf, sie wird: Krankenschwester, ganz sicher, im Klinikum am Waldrand, sie wird: Krankenschwester und irgendwann treibt Inkasso-Toni, Christbaumzüchter und Vater der Treusorge, den Unterhalt des Albanen ein, des biologischen Jessie-Vaters, sie hat ein Wort gelernt: Chromosomenspender, buchstabiert es gut: Der albanische Chromosomenspender.

*

Im Büro des Ortsvorstehers,
„Die 17“
„Ist abgerissen. Die 43“
„Hat Schimmel. Und müsste instandgesetzt. Alle haben Schimmel, außer“
„Jasmin, ja, Jasmin. Unser Neugeborenes. Sonne im Winter, das ist irre im Tal. Es bleibt“
„Moment, die Talstraße 36?“
„Neben Jasmin und dem kleinen? Balkon an Balkon? Fünfe neben dem Baby? Neben unserem einzigen Baby?“
„Das Schreiben des Bürgermeisters hat die Talstraße 36 als Unterkunft benannt. Hier.“
„Hier, ja, hier, ich bin der Ortsvorsteher, ich weiß. Sie ist eben erst eingezogen. Ganz frisch.“
Die Ehefrau hat die Scheiben mit Zeitung poliert, sie kann's einfach.
„Du bist nervös.“
„Ja klar. Ich bin der Ortsvorsteher. Ich, nicht Toni. Ich bin es.“
„Sollen wir Mittag machen?“
Sie kann die Buchteln so himmelperfektsüß kochen, es sei ein talbekannter Genuss. Sie blicken: Talausgang und nackte Bäume von billiger Hand. Christbaumzucht Toni, Merry Christmas and a happy new year und ein Haus spiegelt die Sonne, das Haus der Wintersonne, wo die Jasmin ein Neugeborenes so treudoof hütet - denkt er.

*

Jasmin,
klar, von Mentholzigaretten werden die Finger auch gelb. Dennoch gilt: Kein Rauchen vor Babys, Kindern und Behinderten.
Das Kinderbett „übernahm“ der Christbaumzüchter, hat das Gitter in Schneeweißlack angestrichen:
„So unbefleckt.“
„Kannst gleich abhauen.“
„Ich sag ja nur.“
„Ich sag ja nur auch.“
Die Waschmaschine spendeten die Landfrauen, Babys bei uns, Babys mit uns, eine Eins A Waschmaschine, Turbolader, mit Programmen:
„Jasmin, wir brauchen so etwas nicht und Solidarität ist wichtig, ganz wichtig, wir sind eine Talgemeinschaft.“
„Vielen Dank. Ja, echt, danke, ja.“
„Wir freuen uns sehr. Wir haben viele Kinder erzogen, wenn du Hilfe brauchst, sag' bescheid oder komm' vorbei.“
Das Fernsehgerät spendete der Ortsvorsteher: Eine silbrige, glänzende Flüssigkeit läuft aus, die bei Berührung knistert, soll die Soap dich bilden und lehren vom perfekt gezogenen Lid- und Schlussstrich,
Jasmin.

*

Auf der Christbaumzucht,
wandert Toni samt Frau die Parzellen im Forstschritt ab. Sie zählen sich zum möglichen „Bankrott“: Trockene Sommer, trockene Weihnacht.
„Stell dir vor, Steiner nimmt die Talstraße 36.“
„Wie? Du meinst, als Unterkunft?“
„Verteidigung. Ich sage: Verteidigung. Das ist der Staatszerfall.“
„Jasmin, in der 38. Die ist alleinerziehend.“
„Das ist klar. Der Vater stapelt Holz aufm Balkan.“
„Chromosomenspender. Passt besser.“
Toni schüttelt einen Christbaum.
„Zu trocken. Schau. Der wird nix.“
„Der ist für den Ortsvorsteher“, sagt die Ehefrau.
„Der ist für den Ortvorsteher“
„Und wir schützen das Tal“, sagt die Ehefrau.
„Und wir schützen das Tal“, sagt der Christbaumzüchter und blickt auf das Haus der Talstraße 38. Ein Fernsehlicht brennt.

*

Rausche durch, rausche weiter, rausche an Bach, an Tal, Bäume unter Bäume, an alter Waldschenke samt Kegelbahn, an Christbaumzucht, rausche weiter und achte auf das Haus ohne Schimmel, das Haus der Wintersonne, sage: Verteidigung der Dörfer, buchstabiere es.
Busscheinwerfer der Buskolonnen blitzen zwischen Himbeer- und Brombeergestrüpp und Toni schreibt an Jasmin, es wird gefährlich, zu gefährlich, es ist alles so verdammt gefährlich, das ist: Der Staatszerfall, er betont das -s- lispelnd, der Staatszerfall, in der Aufregung versagt das sozialistisch-logopädische Training der Kindheit.
Staat-s-z-erfall, Lispeltrauma! Staat-s-z-erfall, Lispeltrauma! Er hasst das Wort.
„Die Gemeinde nimmt fünf auf, fünf an diesem Ort.“
„Sie dort! Sie, ja, Sie: Five! Xamsa! Five!“
Meldung: Ein Bus hält an, Jasmin kippt das Fenster und hinaus geht der Blick auf Ankömmlinge. Dem Abhaken von Busfahrer und Polizist. Den Köfferchen im Kegellicht. Vier Männer, in zerrupften shabby Jeans und rippchenschlank. Jasmin schließt das Fensterkipp. So ist das eben. Tja. Die Nachrichten Tonis? So ein dämlicher Mist, Gefahr, du mich auch, denkt sie. Jessie schläft gut und im Fernseher berichten sie nichts. Die Welt will verarbeitet sein, die Ankömmlinge verschwinden im Nachbarhaus. Gute Nacht.

*

Tja,
es gab da diesen Mann, diesen einen Mann, der von der Christbaumzucht ins Tal zog, der ein dickes Vorhängeschloss zuschloss, am Rande vertrockneter Nordmanntannen, sich eine Beruhigungs-Mentholzigarette anzündete, der seine schweren Stiefel anzog und zum Himmel schaute: Keine Drohne wird mich sehen.
Klar war das Nacht.
Das einzige Kind im Tal gelte zu schütze, Jasmin, die prallste Spätpubertät seit Jahren und dass sie, dass sie sich mit albanischen Landarbeitern verdingte, nee, also wirklich, nee.
Es gab da diesen Mann, der hörte, man solle handeln und nicht stehen. Wieder keine Drohne am Sternenhimmel, er stapft vor das Haus. Das Heim, er greift in einen Beutel der Steine. Der Fluchtweg führt hintenrum, ein Klammergriff um Elbsandstein, daneben, in einer Flasche guten bayerischen Klosterbräus, schwappt die transparente Flüssigkeit.
„Es ist die 38“, hatte ihm die Frau gesagt.
„Die 38.“
Lichtlos, das Tal.
Er nimmt den Stein, verdammter Mist, einundzwanzig, zweiundzwanzig, zielen, werfen, beten, der Stein verfehlt die Scheiben.
So fühlt sich das an.
Er nimmt einen zweiten Stein, einundzwanzig, zweiundzwanzig, zielen, werfen, beten, wieder so ein hoher Bogen, wieder so eine schöne Flugbahn und im Flug rotieren die Flächen des Elbsandsteins so schnell, jetzt erkennt er: Der Stein wird treffen. Adrenalin sifft ihn durch, in nächtlichster Talstunde, bis die Scheiben klirren mögen. Der hohe Ton wird ihn nicht verschrecken. Der Stein rotiert, rotiert, trifft den Fensterrahmen, fällt ab:
„Mist.“
Es gab da diesen Mann, hatte Jasmin immer gesagt, diesen einen Mann, der sagte, man muss etwas tun, man muss für sein Tal handeln. Keine Drohne kreist am Himmel und kein Polizist hört den Datenverkehr ab.
Er packt die Flasche bayerischen Klosterbräus. Die hübsche Landschaft auf dem Etikett darf niemals in Flammen aufgehen, hat er mal zu den Arbeitern gesagt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, zielen, jetzt leuchtet ein roter Punkt auf, im rechten Fenster, ein Signalpunkt des Menthols an die Nacht, verdammter Mist, er harrt aus, nicht zielen:
„Jasmin?“
„Die 36. Es ist die 36.“

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Kommentare

12. Okt 2019

Die Welt des Mitteilens scheint mir RIESIG zu sein.
Gern gelesen.
HG Olaf