Grenzterror

von Thomas Stein
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Am 4. August war dann das Maß voll. Es sollte ein „heißer Tag“ werden, obwohl draußen nur gefühlte 20 Grad herrschten. Dieser August machte dem Hochsommer keine Ehre. Der Hofposten, in seiner dünnen Sommerbluse, der auf dem Laufgitter über den Mauern der Schweinebuchten fröstelnd seine Runden drehte, überwachte die Freistunde und ich sang ihm vor: Auf der Mauer, auf der Lauer sitzt `ne kleine Wanze… Sie kamen zu viert, legten mir Knebelketten an und schleiften mich ziemlich brutal in den Keller. Ein Tritt in den Hintern beförderte mich in die Gummizelle. Hier brauchte ich nicht zu schreien, denn der Raum war absolut schalldicht. Wände und Fußboden, die ganze Zelle mit einer Größe von etwa acht Quadratmetern, hatten sie komplett mit Gummi verkleidet. In der Decke, hinter Panzerglas, befand sich eine kleine schwache Funzel, deren trübes Licht kaum ausreichte um die Klappe in der Tür zu erkennen, die auch nahtlos mit Gummi überzogen war. Ich lief auf und ab, sprang hoch und auch gegen die Wände und verlor bereits nach gefühlten zehn Minuten, wer weiß schon ohne Uhr wie lang 10 oder 20 Minuten sind, die Lust an der sportlichen Übung. Nach ein oder zwei Stunden ging die Klappe auf und ich konnte an den Schulterstücken sehen, dass ein Leutnant vor der Tür stand.
Aufgrund Verstoßes gegen die Hausordnung wurden sie mit zehn Tagen Einzelarrest bestraft. Die nächsten zehn Tage verbringen sie hier, lassen sie es sich gut gehen. Bevor ich ihn beschimpfen konnte, schloss er die Klappe wieder. Jetzt hatte ich eine ungefähre Ahnung davon, wie es meinen Vorgängern in diesem Raum ergangen war. Dunkel, eng, bedrückend, zum Verrücktwerden. Eine Fluchthelferin, die vorher oft aus dem Fenster brüllte und die Posten beschimpfte, weil sie ihr beim Waschen zusahen, war hinterher lammfromm. Zehn Tage in der Gummizelle, das wäre die Hölle und da wollte sie nicht mehr rein. Weichei, hatte ich gedacht. Nach drei oder vier Stunden wusste ich, dass diese Frau viel härter war als ich. Sie hatte es geschafft und zehn Tage in diesem Grab ausgehalten. Ich würde es nicht schaffen, aber das brauchte ich ja auch nicht. Das Lachen aus meinem Mund klang selbst für mich, als mein eigener Zuhörer, etwas irre und ich dachte einen Moment lang, ob die hier wohl ein Tonband mitlaufen lassen. An den imaginären Zuhörer gewandt sagte ich: Dies bitte alles Prof. Szewczyk vorspielen, es wird für das Gutachten benötigt! Aber warum sollte hier ein Mikrofon installiert sein? Ich war doch der Einzige, der laut mit sich selbst sprach und mir hörte bestimmt kein anderer zu. Ich zog meinen Hausschuh aus und brauchte in dem diffusen Licht ein paar Minuten, bis ich die halbe Rasierklinge aus der Sohle herausgefriemelt hatte. Dann machte ich mich ans Werk. Es war gar nicht so einfach, einen kleinen Schlitz in das harte Gummi zu schneiden ohne die Klinge abzubrechen. Als mein Zeigefinger etwas blutete, hielt ich die Klinge mit dem Ärmel der Trainingsjacke fest und arbeitete weiter. Es war hier unten ziemlich warm, viel wärmer als draußen oder in der Zelle oben, so dass mir schon bald der Schweiß den Rücken herunterlief.
Aller Anfang ist schwer! Als ich aber mit beiden Händen in den Schlitz greifen und ihn erweitern konnte, waren nur noch Kraft und Ausdauer erforderlich. Ich riss das Gummi etwa zwei Meter auf und darunter kam Steinwolle zu Vorschein, die auf der Haut juckte. Hinter der Steinwolle befand sich eine graue Wand. Der Haufen Steinwolle hinter mir wurde immer größer. Ein kleiner Schnitt in vertikaler Richtung und schon konnte ich unter zur Hilfenahme der Füße die Gummizelle weiter entkernen. Ich weiß nicht, wie lange ich gearbeitet hatte, aber als ich mir mein Werk besah, wurde mir angst und bange. Die Zelle war völlig ruiniert. Wenn der Leutnant wiederkäme, irgendwann würden sie mir hier ja auch mal was zu essen bringen, dann rettete mich nichts mehr. Keine Mutter würde im Türrahmen stehen und schreien. Aber wenn ich mir jetzt die Pulsadern aufschneide, quer natürlich, ich wollte ja nicht verbluten, dann könnte die Prügel vielleicht nicht so heftig ausfallen, weil der Leutnant keine Lust auf Blut an seiner Uniform haben würde. Ein Versuch war es jedenfalls wert. Es ist nicht einfach sich den Arm mit einer durch das Gummi stumpf gewordenen Rasierklingenhälfte aufzuschneiden. Ich quälte mich recht ordentlich und glaube, dass eine Tracht Prügel, selbst wenn ich dabei meine Zähne eingebüßt hätte, auch nicht schmerzhafter gewesen wäre. Aber dann hatte ich es geschafft und aus der Wunde floss Blut. Ich fing es mit der rechten Hand auf und strich mir dir rote klebrige Flüssigkeit über das Gesicht und den Hals. Jetzt musste ich wieder laut lachen. Was würden die denken, wenn sie mich so sahen? Nach meinem „Selbstmordversuch“ versteckte ich die halbe Rasierklinge hinter der verbliebenen Gummierung in der Steinwolle. Die sollten sie nie finden. Aus dem Arm tropfte es noch, als der Spion zur Seite geschoben wurde.
Dann ging alles ganz schnell. Ein Oberleutnant schloss die Tür auf und brüllte nach draußen: Sani, schnell! Drei Posten stürmten in die Zelle, verdrehten mir die Arme auf den Rücken und brachten mich raus. Dabei wurden ihre Uniformen blutig. Der Sani untersuchte mich und sagte zu dem Oberleutnant: Ist nicht so schlimm wie es aussieht, nur das linke Handgelenk. Der Oberleutnant fragte mich, wie ich das angestellt hätte und ich erwiderte, dass ich eine Rasierklinge besitze, die sie aber niemals finden werden. Nachdem der Sani mir einen Verband um das linke Handgelenk angelegt hatte, musste ich mich nackend ausziehen. Selbst die Mundhöhle und der Arsch wurden inspiziert und dann bekam ich einen anderen Trainingsanzug und neue Hausschuhe.
Mit Handschellen versehen wartete ich in einer leeren Zelle auf dem Hocker sitzend und von einem Soldaten und einem Unteroffizier bewacht. Ich versuchte die beiden in ein Gespräch zu verwickeln, aber sie antworteten nicht. Auch meine Frage, ob sie nicht sprechen könnten oder dürften wurde ignoriert. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, aber es müssen wohl Stunden vergangen sein, als mir der Oberleutnant einen Becher Tee und zwei Brötchen, eins mit Wurst

Ich habe kürzlich diesen Auszug in einem anderen Forum zur Kritik gestellt. Mich würde interessieren, was Literat Pro dazu sagt?

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Kommentare

22. Mär 2018

Lieber Thomas,
Du hast als Jugendlicher nach Deinem Fluchtversuch Schreckliches erlebt in der DDR. Die dargestellte Szene ist drastisch, brutal, schwer erträglich, selbst als Leser kaum auszuhalten.
Leser, die Dich und Deine Geschichte nicht kennen, und einfach den Text anklicken, werden sicher nicht wissen, um welche Zeit es sich handelt und worum es geht, vielleicht wären deshalb ein, zwei Sätze zur Vorstellung nötig.

Herzliche Grüße, Monika

24. Mär 2018

Hallo Monika! Danke für den Hinweis. Ich wollte das Buch selbst nicht erwähnen, weil ich den Vertrag mit BoD in den nächsten Wochen kündige. Aber da ein 2. (inzwischen von mir bearbeiteter Text) demnächst folgen wird, könnte ich vielleicht voranstellen: Aus meiner Autobiographie....

22. Mär 2018

Ja, der Text nimmt wirklich mit -
das soll er aber ja auch ...
Ich gebe Monika recht: Einige kurze (chronologische)
Hinweise (in der Beschreibung) wären ganz gut.
Die Kleinschreibung der Höflichkeitsform (SIE) erschwert
das Lesen ein wenig - wobei der Terminus "Höflichkeit"
an der Stelle merkwürdig anmutet ...

LG Axel

24. Mär 2018

Sollte ich das Sie besser groß schreiben? Ich dachte, dass macht man nur im Brief?

24. Mär 2018

Also, aufgrund der Verwechslungsgefahr gilt für diese Höflichkeitsform ("Sie/Ihnen")
generell die Großschreibung.
Die Chose mit dem Brief trifft lediglich aufs Duzen/Du zu - hier existiert eine Wahloption
zwischen Groß- und Kleinschreibung.
(Wobei es in "klassisch" konzipierten Gedichten durchaus angemessen und sinnvoll
sein kann, "Du" statt "du" zu verwenden ...)

LG Axel

26. Mär 2018

Ich werde es verbessern undzwar im gesamten Buch. Da ist die Suchfunktion in Word echt hilfreich.

26. Mär 2018

Ja, das macht es dem Leser etwas leichter - und es gibt eben
keine Verwechslungen mit dem Plural.

LG Axel

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