Ungeheuerliches aus dem Lande Beitrost

Bild von Alf Glocker
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Ich betrachte, in Beitrost lebend, die Vorgänge und bin ent-zückt. Kein Zücken erfüllt mich, denn was ich sehe, ist atemberaubend: Immer wenn ein Mensch stirbt, tritt ein Ungeheuer an seine Stelle. Jeder Mensch, der selbst kein Kind hat, muss erleben, wie ein Ungeheuer 5 davon vorweisen kann, die an die keine Stellen seiner keiner Kinder treten. Ich sehe, wie die letzten Menschen auf den von Ungeheuern überfüllten Straßen und Plätzen spazieren gehen, und freue mich, noch einen entdeckt zu haben.

Noch arbeiten die Menschen für den Unterhalt der Ungeheuer, deren seltsame Gesänge aus den Hallen ihres ungeheuerlichen Gottes dringen und von ungeheuerlichen Ereignissen künden. Noch wird alles einigermaßen menschlich umgetrieben, aber die Unmenschen, die mit den Ungeheuern verbündet sind, arbeiten akribisch und psychologisch bis ins Kleinste durchdacht, daran das geschäftige Treiben zum Erliegen zu bringen, damit sich in Bälde, außer den Ungeheuern, nichts mehr bewegt. Aber es gibt keine Beschwerdestellen!

Ungeheuer dürfen im Lande Beitrost weder angeklagt noch verurteilt werden, denn das schöne Land ist nicht mehr Beitrost, sondern ein ganz anderes Land geworden, in dem Menschen nichts mehr zu sagen haben, außer sie verkünden: „Wer noch ganz Beitrost ist, der achtet nicht mehr darauf!“ Das ist der neueste Slogan, der täglich häufiger, dadurch untermauert wird, daß Menschen nur durch die Präsenz der Ungeheuer zu echten Menschen werden und Ungeheuer grundsätzlich völlig harmlos sind.

Immer wieder werden mittelalterliche Hexenverbrennungen als schlechte Beispiel erwähnt, bei denen sich die Vorfahren der Menschen nicht mit Ruhm bekleckert hätten, weil sie die als „Hexen“ apostrophierten Frauen nicht geachtet, sondern verfolgt haben. Den Menschen wird vorgeworfen, sie hätten, im Dienst der amtierenden Macht, Menschen statt Ungeheuer mit dem Tode bestraft. Dabei ist es heute wieder genau das Gleiche: Menschen werden als Verfolger angesehen, obwohl sie selbst die Verfolgten sind!

Wenn einer von ihnen aufmuckt, wirft man ihm vor, nicht mehr ganz bei Trost zu sein! „Du halluzinierst!“, sagen die Mächtigen, die heute leider wieder das Ziel im Auge haben, die Schmähung und Verletzung der Menschheit zu betreiben. Aber sie reden wirres Zeug! Sie verkünden öffentlich, Ungeheuer seien die besseren Menschen und Menschen seien in Wahrheit Ungeheuer, und sie verweisen auf eine ganz neue Bildungsschiene, die konsequent diese komische Schein-Wahrheit permanent verkündet.

Somit ist jeder, der genau DIESE Bildung nicht besitzt oder ablehnt ein bedauernswerter Analphabet, dem eben nicht mehr zu helfen ist, und er von daher rechtmäßig zu ersetzen sei! In Beitrost könne man nicht dulden, daß jemals wieder Hexenprozesse stattfinden. Deshalb werde jetzt und für alle Zukunft verboten, Ungeheuer beim Namen zu nennen, aber erlaubt, Menschen zu verhexen, bevor ihnen der Prozess gemacht werde, damit man bei Trost bleibe und sich mehr wundern solle, über die grässlichen Zeichen,

die überall an den Wänden, den Reklameflächen und auf den Bildschirmen, wie zu übersehende Fanale des Ungeheuerlichen ausgestellt sind. Daß auf die Ungeheuer bald künstliche Monster folgen werden, zieht leider überhaupt keiner in Erwägung … so etwas denkt man nicht, wenn man sich doch z. B. auch alternativ verlieben kann. Und wer wäre dafür besser geeignet als ein Ungeheuer?! Ungeheuer sind ausdauernd, sie sind zwar nicht pflegeleicht, erscheinen aber zunächst einmal so.

Was später mit all jenen geschieht, die den Ungeheuern vertraut haben, interessiert weder Monster noch Menschen, da Monster Garanten der Macht sind und Menschen bald ausgestorben sein werden. Man bedenke: Alle, die in einem Pferch geboren wurden, sind Schafe! Sollte man rechtzeitig auf das leise Knurren achten, das von den Schafweiden her dröhnt und sich fragen, wer es ausgestoßen hat? Des Weiteren wäre zu beachten, daß Schäferhunde nicht gerne gesehen sind, da sie Herden zusammenhalten können.

Dreh dich um, Mensch, der du bist, um nicht mehr zu sein! Blicke in dich und erkenne das imaginäre Ungeheuer, das man dir einzureden versucht! Füge dich in dein Schicksal – erkenne, daß es eines Menschen nicht würdig ist, Mensch zu sein! Misstraue dir selbst und akzeptiere ungeheuerliche Entscheidungen, deine Zukunft betreffend, bevor du dich, logisch begründet, zu beklagen anschickst. Gib den Schlüssel zu deiner Seele in die Hand von Unmenschen, denen Monster mehr am Herzen liegen als du … Juhuu!

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Kommentare

19. Apr 2021

Jetzt, da ich nach dem Lesen deines Textes um ein Jahr älter geworden bin,
darf ich sagen, es gefällt mir sehr !
HG Olaf

21. Apr 2021

Ungeheuer putzen nicht -
nicht bei Tag und nicht bei Künstl Licht!

LG Alf

Alles Gute zum Geburtstag lieber Olaf
(wenn's stimmt - sonst aber auch...wir werden ja jeden Tag älter)

LG Alf