Hundert Jahre Spiel im Morgengrauen und ein Einwand, der zu spät kam
Am 5. Dezember 1926 druckte die Berliner Illustrirte Zeitung die erste Folge von Arthur Schnitzlers Spiel im Morgengrauen. Es geht um eine Spielschuld über elftausend Gulden. Stefan Zweig hielt die Summe für übertrieben.

Der Vorabdruck lief am 9. Februar 1927 ab. Schnitzlers Buchausgabe bei S. Fischer wurde am 9. März durch das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel angekündigt, veröffentlicht wurde sie in den Tagen vor dem 1. Mai. Die Handlung spielt zwischen einem Sonntagmorgen und dem darauf folgenden Dienstag. Oberleutnant Otto von Bogner wurde unehrenhaft aus dem Militär entlassen und hat neunhundertsechzig Gulden aus der Kasse seines Arbeitgebers entnommen. Eine Revision steht an. Leutnant Wilhelm Kasda hat hundertzwanzig Gulden, will das Geld aber im Kartenspiel beschaffen und fährt nach Baden.
Konsul Schnabel gibt keine Quittung
Das Café Schopf in der Weilburgstraße hat es wirklich gegeben. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, bei Schnitzler ist es sonntags der Ort einer Hasardpartie, an der ein Regimentsarzt teilnimmt, ein Advokat, ein Theatersekretär, ein Schauspieler und ein gewisser Konsul Schnabel. Was der Konsul außerhalb dieses Tisches ist, erfährt niemand. Konsul eines kleinen Freistaats in Südamerika, heißt es, mehr nicht. Als ein Leutnant eine anzügliche Bemerkung über Konsuln unerforschter Landstriche fallen lässt, fragt Schnabel zurück, ob man sich denn erkundigt habe, ob er satisfaktionsfähig sei. Danach lässt man ihn in Ruhe.
Gespielt wird Einundzwanzig oder Baccarat. Die Bank wandert, der Regimentsarzt Tugut legt sie zu Beginn mit zweihundert Gulden auf. Am Ende der Nacht steht Kasdas Schuld bei elftausend, und auf die Frage, ob es etwas Schriftliches brauche, antwortet Oberleutnant Wimmer, man sei ja alle Zeugen.
Der Gläubiger bestimmt die Frist, legt die Bank und kennt als Einziger seine eigene Deckung. Was sich seit 1926 verschoben hat, ist die Zugänglichkeit von Angaben über Anbieter und deren Konditionen. Wer heute wissen will, wer hinter einem Angebot steht, findet dazu Verzeichnisse und Vergleichsseiten, und Plattformen wie Casino AT helfen Nutzern, Online Casinos in Österreich zu finden, ohne dafür jemanden am Tisch fragen zu müssen. Im Café Schopf gilt, was am Tisch gesagt wird. Wer dort verliert, ist auf das Gedächtnis der Anwesenden angewiesen.
Nur scheitert Kasda nicht daran. Um zwei Uhr früh liegen viertausendzweihundert Gulden vor ihm, der Konsul erklärt, es sei genug, und Kasda spielt weiter. Beim Nachtmahl im Garten des Restaurants Stadt Wien, unter einer Eiche, reden die Herren vorher noch über berühmte Kartenpartien im Jockeiklub, und der Advokat Flegmann bemerkt ganz ernsthaft, das Hasardspiel sei und bleibe ein Laster. Niemand widerspricht ihm. Gespielt wird trotzdem weiter, bis in den Morgen, und im Wagen zurück nach Wien hält Schnabel fest, Ehrenschulden seien bekanntlich innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu bezahlen. Dann verlegt er den Termin auf Dienstag zwölf Uhr mittags und reicht seine Visitenkarte. Helfersdorfer Straße fünf, fünf Minuten von der Kaserne.
Vier Jahre lang hieß die Novelle Bezahlt
Der Titel, unter dem der Text bekannt ist, stand erst zwei Wochen vor dem Erstdruck fest. Am 29. September 1923 notiert Schnitzler in seinem Tagebuch Novellenpläne und dass er ein paar Zeilen zu „Bezahlt“ begonnen habe. Im März 1924 spricht er von der begonnenen Offiziersnovelle, im Juni desselben Jahres davon, er habe „Bezahlt“ vorläufig zu Ende diktiert. Im Oktober 1925 feilt er an einer Novelle namens „Beglichne Schuld“. Ab Jänner 1926 heißt sie durchgehend „Badner Novelle“, und erst am 22. November taucht „Spiel im Morgengraun“ auf, in seiner Schreibweise, in Klammern hinter der Abkürzung.
Drei der vier Arbeitstitel benennen Geld oder Schuld. Das Spiel steht erst in jenem, der zwei Wochen vor dem Druck gefunden wurde.
Die digitale Ausgabe verzeichnet 204 Erwähnungen der Novelle über acht Jahre, allein 95 im Jahr 1926. Am 5. Dezember, dem Tag, an dem die erste Folge erschien, steht keine davon. Schnitzler arbeitete am Roman, begleitete seine Frau Olga am Klavier und las Jakob Wassermann. Zehn Wochen später, am 15. Februar 1927, korrigierte er den Text für die Buchausgabe, an einem Tag, den das Tagebuch vor allem wegen einer Reihe unerfreulicher Telefongespräche festhält.
Zweig schrieb drei Wochen nach der Auslieferung
Aus Salzburg kam am 18. Mai 1927 ein langer Brief, verspätete Gratulation zum fünfundsechzigsten Geburtstag, dazu Dank für die Novelle. Zweig habe die ersten drei Fortsetzungen in der Zeitung gelesen, die weiteren versäumt und im Buch genau dort weitergelesen, wo ihm die Kontinuität genommen worden sei. Kein Zug der Figuren sei ihm entfallen. Schnitzler dunkle den Konsul bewusst ab, schreibt er, und gerade dadurch erfülle sich die Gestalt.
Dann der Einwand. Zweig, selbst aus wohlhabendem Haus, habe bei seinem Vater nie einen Tausendguldenschein gesehen und könne sich kaum ausdenken, woher Leopoldine diese Note so rasch aufgetrieben habe. Elftausend Gulden seien damals eine kleine Villa in Hietzing gewesen. Tragischer wäre ihm erschienen, wenn ein armer Teufel von Leutnant schon an achthundert Gulden zugrunde ginge.
Im Text wird anders gerechnet. Dort entsprechen elftausend Gulden ungefähr der Gage von drei oder vier Jahren, mit Zulagen. Als Kasda die Frau seines Onkels um das Geld bittet, bereut er kurz, nicht zwölftausend genannt zu haben. Dann fällt ihm ein, der Konsul gebe sich womöglich mit zehn zufrieden, und er lässt es bei elf.




