NACH CORONA, IM NOVEMBER 2020

von Gerfried Bedenkirch
Mitglied

AFTER CORONA (Dennoch keine Begegnung im November 2020)

Ich sehe durch die Seitenscheibe des Café Sonnenblume. Da sie der einzige Gast ist, muss sie auch mein Date sein. Gar keine Frage. Sie starrt auf den Kindle, liest konzentriert. Immerhin, so viel weiß ich nun schon mal. Sie liest gern. Das ist ein Punkt für sie. Ich wüsste nur zu gern, welchen Schmöker sie in Bearbeitung hat. Das kann man bei den E-Books leider nicht sagen. Waren das noch schöne Zeiten, als man am Einband erkennen konnte: „Aaah, sie liest einen K. Vonnegut, den guten alten Precht oder einen Heinrich-Heine-Band! Damit punktet sie enorm bei mir….“ Samstag ist´s, der 14. November 2020. Seit einigen Wochen kehrt in ganz Deutschland die Normalität zurück. Endlich. Auch hier in Meppen.

Da diese Dame überhaupt nicht wahrzunehmen scheint, was so um sie herum vor sich geht, studiere ich sie noch ein wenig. Ich bin deutlich vor der Zeit da, habe noch über 10 Minuten. Schön. Ich sehe ihre wattierte Jacke mit nettem Kuschelpelz, eindeutig C & A. Die hängt locker über der Stuhllehne. Sie ist also ein Freigeist. Gut. Allerdings bemerke ich Deichmann-Günstig-aber-gut-Stiefeletten, leider aber auch so eine Linea Blu Tasche, schwarz, abgegriffen. Und sie trägt einen Tchibo-Winter-Kollektion-Pullover, der schon im letzten Jahr ein Renner war. In diesem Jahr aber… Na ja. Denim-Jeans, nicht gerade best choice als hippe Hose für eine Endvierzigerin. Aufgenähte Flicken und zwei kunstvoll gerissene Löcher sollen in jedem Fall signalisieren: „Seht her, die fetzige Foxy Lady… Trendy Fetzenjeans, trendy Babe, leider ein wenig angekokelt. Aber immer noch ultracool, immer noch ein Hingucker, oder?“ Es ist der Typ Frau, der grundsätzlich, nur zur Sicherheit, ein gekünsteltes Lachen hinter gut jedem Satz herschickt. He, oder habe ich Klischee-Denken im Schädel? Bin ich vorurteilsbelastet? Habe ich sie nicht mehr alle? Könnte doch ganz nett sein… Kurzhaar-Schöpfchen, Brillenträgerin, Marlboro Lights liegt neben dem GRANDE Macchiato, der Keks blieb unangetastet. Alles ganz nett. Leider dreht sie sich nicht zur Seite. Seiten blättert sie um, indem sie nur kurz, aber sehr energisch auf den Bildschirm tippt. Mit dem rechten thumb und, sehr originell, dabei kurz an jenem leckend. Ob sie das mitkriegt? Ich glaube, sie weiß es gar nicht… Es erheitert mich. Sie scheint ein Gewohnheitsmensch zu sein. Hat wohl auch früher, vor Kindle, sehr viel gelesen.

Wir sind alle Gewohnheitstiere. Sicherlich ist sie Verwaltungsfachangestellte. Amtsgericht vielleicht? Da geht es schon wieder mit mir durch. Was haben wir bislang, mal sehen: C & A, Linea Blu, etwas Deichmann und ein wenig Tchibo, stylische Frisur, das olle Kassengestell von Frapollo, Raucherin, achtet auf ihre Figur, ist klar in der Linie, energisch, selbstbewusst, liebt Macchiato, hat Freude am Lesen (WAS ZUM TEUFEL LIEST DU DA?), möchte forever young sein (Denim!), mag´s mitunter leger und locker – kann aber auch (sicherlich) anpassungsfähig sein (wartet, ob ihr Date auch Raucher ist, steckt sich erst dann die erste Zichte an!) --- tja, ist sie eine konformistische, leicht opportunistische Nonkonformistin, die sich selbst als weiblichen Che Guevara sieht, allerdings mit leicht bourgeoisen Tendenzen? Sie gibt nicht gar so viel auf Schuhe, Doppel-Punkt für sie (ach, die Mädels und ihr Schuhwerk, eine nahezu homoerotisch angehauchte Wechselbeziehung), leider auch nicht eben viel auf den Behälter, der ihr ganzes kleines Leben „to go“ beinhaltet. Ich halte viel von Frauen-Taschen. Ich erkenne die Frau an ihrer Tasche. Die Frau, die Linea Blu liebt, hat mich noch nie überzeugen können. Vorurteil?

Sie hat den Kindle für 79 €, E Ink-Display, schwarz, 6 Zoll, liest in Großbuchstaben. Ohne Brille demnach blind, möchte keine grellen Farben um sich haben, ist pragmatisch, sicher kein Großkotz, aber vielleicht ist ihr der FIRE HD (von KINDLE) möglicherweise auch in pekuniärer Hinsicht eine Etage zu hoch (199 Euro!). Der eReader ist voll o.k., er bringt exakt das, was er bringen soll. Ich gäbe meine linke Ohrmuschel dafür her, jetzt endlich zu wissen, was Madame da so liest. Das könnte den Ausschlag geben. Bislang bin ich echt unentschieden. Nett scheint sie zu sein. Gern würde ich ihr durch den kurzen Schopf wuscheln, ihr den Keks mopsen und mit ihr, schmauchend, plaudern... Über Bücher zum Beispiel. Ob sie Plutarch gelesen hat, „Die Kunst zu leben“, oder ob sie vielleicht Sarah Bakewells Meisterwerk „Wie soll ich leben“ bevorzugt? Meine Güte, nun sag mir schon, was du da liest, Mädel… Ist es denn die Bio von Matthäus? Dann war´s das mit dem Date. Ist´s aber Nietzsches „Zarathustra“, dann war´s das auch mit dem Date. Dann nämlich –

ja ja, ich weiß, Männer….

– bist du mir über. Und das könnte nun ich auf die Dauer nicht so verknusen. Eigentlich so gar nicht.

Frapollo 'Kasse', sieht aber schmuck aus. Betont das Runde im Eckigen. Dieser süße Schopf… Jedoch: Diese Tasche… Diese vermaledeite City-Bag-Grausligkeit! Handtaschen sind sooo wichtig. Das wissen Frauen normalerweise doch auch. Aber neben der wahrlich schwarzen Scheußlichkeit von Linea Blu (dieser igit-igit-uwäch-Doppel-Bröckel-Umhängetasche, bei ebay steht das Startergebot völlig zu Recht bei, äh, einem Euro… Etwas zu hoch gepackt, die erste Latte, vielleicht hätten es auch 20 Cent getan, nur für das erste Gebot, meine ich) ist diese ächz schwarze Geschmacklosigkeit gleich die nächst schlimmere und unansehnliche Augenvergewaltigung auf der nach unten offenen Richter-Skala. Durch die Scheibe ist die Frau, der völlig unberührte Macchiato, die unberührte Packung Marlboro und der Keks kaum auszumachen – ich sehe nur diesen schwarzen Koffer! Und da weiß ich es. Ich gehe. Ich werde die „Sonnenblume“ in Meppen gar nicht erst betreten. Es wird nicht zum 1. Treff kommen. Die Frau wird den Männern, und das zu Recht, zürnen. Sie wird schimpfen und nölen, mosern und motzen, und sie wird die Ausgaben für den Friseur, den Macchiato und den Keks verfluchen. Vor allem aber mich, ihr Date, welches ja die üble Dreistigkeit besaß, überhaupt nicht aufzutauchen.

Werde ich ihr eine SMS schicken? Nein. Werde ich mich jemals wieder bei ihr melden? Nein. Wird sie wissen, dass ich sie volle 6 Minuten lang analysiert, studiert und arg begafft habe? Niemals! Wird der Typ nach mir es schwerer haben als alle davor? Mit Sicherheit! Früher war der Bossa Nova Schuld, immer, heute... – let´s blame it on Linea Blu, folks! Aber wohl fühle ich mich nicht in meiner Haut. Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen. Keine Begegnung am 14.11.2020 mit dem anderen Geschlecht. Verdammte Axt... Du kannst eben nicht aus deiner Haut. Konnte das Mädel keine Messina Zip Bag bei sich tragen? Die Bodenschatz Purple lässt mein Herz echt schneller pochen. Wer die trägt, ist wahrhaftig sehr aufregend… Irgendwie. Per se.

the sad end

Wer zustimmt, muss sich den Kram auch tatsächlich anhören, über Stunden! Ich stimme nicht zu!
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