Banalität der Tragik

von Ida Majim
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Die Tragik – gerade die der Zerstörung von Identitäten und Individuen – gibt Stücken und Texten Tiefe und Anerkennung. Das Tragische zu beschreiben, in größter Einfühlsamkeit und verstörendster Ehrlichkeit, in akribischster Präzision, vereint Talent mit Eloquenz.

Und deshalb sitzt sie auf ihrem Balkon – werfen wir doch einen Blick auf diese eine junge Frau, die von sich denkt, sie könne Tragisches in wunderschönste Worte kleiden – banale Küchenkräuter neben sich wachsend. Dort sitzt sie auf einem hölzernen Ikeastuhl und sinniert darüber, welch ach so tragische Umstände sie in diesem einen Moment beschreiben könnte. Leise gesellen wir uns zu ihr und beobachten ihren Prozess, als sie ihre Umgebung betrachtet, das ungleichmäßige Rauschen des Verkehrs im Ohr, auf eine Eingebung wartend.

Just in dem Moment überqueren zwei Frauen die Straße, es ist ein belebter Ort an dem sie lebt, fünf Kinder haben die beiden bei sich. Die Aufmerksamkeit unserer Suchenden wird auf sie gelenkt, auf die Kinder, die lachen und schreien und so klein sind, dass sie noch nicht gesellschaftliche Normen verinnerlicht haben. Eine der beiden Frauen zerrt an einem kleinen Jungen, fest hält sie seinen Arm, als sie ihn fast schon ziehend, über die Straße bringt. Ein zweiter folgt ihnen ohne aufgefordert zu werden. Die Frau schreit und ruft und herrscht das Kind an, in dem immer größere Frustration wächst. Das kleine Gesicht wird zu einer Grimasse und Wut steigt in ihm hoch. Er weigert sich und bleibt fast stehen. Die anderen Kinder weiter hinten trödeln langsam, kicken hier ein Steinchen, greifen da nach einem Ästchen. Die Straße sicher überquert, lässt sie ihn los und eilt zurück zu den anderen. Und der Kleine, voller Trotz, läuft auf die Straße als sie ihm ihren Rücken zuwendet. Eilig hat er es, als er die Straße entlangläuft, gebückt, mit dem verzweifeltem Rufen des anderen Kindes hinter sich, das ganz außer sich ist und ihn zurückholen möchte. An einem Busch hält er schließlich inne und versteckt sich, schelmisch blickt er hervor, die beiden Frauen, die sein Verschwinden noch nicht bemerkt haben, im genauen Blick. Der besorgte andere Junge überlegt nicht lange und folgt ihm aufgebracht. Er solle zurückkommen, er solle sich nicht verstecken, fast weint er schon.
Zwischenzeitlich haben alle übrigen Kinder die Straße überquert, das Fehlen beider Jungen scheint noch nicht offensichtlich oder besorgniserregend. Es dauert nicht lange und da kann der eine den anderen überzeugen. Grummelnd und schimpfend kehrt er zurück, um in Empfang genommen werden von der Dame, die doch gerade bereits so ungeduldig war. Frustriert herrscht sie ihn an schneller zu machen. Und in diesem Moment verschwinden sie hinter der Hauswand.

Auf der anderen Straßenseite geht eine junge Frau mit blondem Haar und rosa Kleid. Ihre Wasserflasche trägt sie wie ein Baby auf einem Arm, in der anderen Hand hält sie ihr Handy und liest versunken beim Überqueren der Straße. Den Blick richtet sie nicht auf, weder nach rechts noch links sieht sie. Gleichmäßig ist ihr Schritt und die junge Frau am Balkon fragt sich kurz, ob sie ein nahendes Auto bemerken würde. Diese Frage bleibt unbeantwortet, kein Auto in Sicht. Der junge Mann, kurz hinter ihr, in roten Shorts und grauem Shirt blickt auf, hin und wieder zumindest, wenn ein Hindernis seinen Weg versperrt. Die übrige Zeit widmet er seinem Handy, den Kopf geneigt. Wie seltsam, dass Umgebungen weniger Beachtung erhalten zu Gunsten von Technik, die Menschen die Welt öffnen kann.
In die Gegenrichtung fahren drei Personen auf einem Fahrrad. Eine auf dem Gehweg, eine auf dem Radweg und eine auf der Straße. Hin und wieder werden sie von Autos überholt. Die Blätter auf den Bäumen wehen sanft im Wind.

Es scheint rot geworden zu sein, kein Auto fährt die Straße entlang. Das erste Gefährt, ein roter Roller mit Lieferandoaufschrift. Langsamer wird er, als er an die Gebäudefront mit dem Balkon kommt. Er hält auf dem Gehweg und öffnet seine Rollerbox. Eine rote viereckige Tasche holt er hervor und verschwindet in einem nahen Laden. Sie oben am Balkon reckt sich kurz, aber setzt sich bald zurück. Vermutlich eine Pizza, schlussfolgert sie auf Grund der Größe, verbessert sich aber, da in einer viereckigen Box sehr viele Größen und Formen Platz haben.

Direkt hinter ihm, er ist bereits im Laden verschwunden, betritt eine junge Frau den Gehweg, mit heller Hose und leichtem Top. Ihr Haar weht im Wind und häufig dreht sie den Kopf, als warte sie auf jemanden. Ungeduldig beißt sie an ihren Fingernägeln. Der Lieferandofahrer verlässt den Laden. Beinahe erschrickt sie, als er hinter ihr auf den Roller steigt und diesen startet. Von der anderen Seite kommt eine andere junge Frau auf dem Fahrrad, langsamer wird sie, sobald sie sie erkennt. Auf der Straßenlaterne landet ein grauschwarzer Raabe und beobachtet den Verkehr.
„Sara“, sagt die junge Frau auf dem Fahrrad, leise, kaum hörbar für sie, die auf dem Balkon sitzt und immer noch darüber nachdenkt, worüber sie nun schreiben könnte. Denn schreiben, das möchte sie unbedingt. Sie hat dieses tiefe Bedürfnis, fast wie Schmetterlinge im Bauch – doch befinden sich die Schmetterlinge nicht im Bauch, sondern ihren Finger. Gebannt beobachtet sie das Paar, nicht bemerkend, wie weit sie sich bereits von ihrer eigenen Geschichte, ihrer gesuchten Tragik, entfernt hat. Aber wer weiß schon, welche Tragik das Leben, das nicht imaginierte, bereithält.
Sara, in heller Hose und leichtem Top, dreht sich um, mit dem ganzen Körper, beinahe zerbrechlich wirkt sie, als sie ihren Namen hört. Der Rabe mittlerweile bekam Gesellschaft von einem zweiten. Zu zweit fliegen sie auf den Gehweg und springen zu einem Auto. Ein Rabe stellt sich an den Vorderreifen, der andere an den Hinterreifen. Sie verschwinden hinter dem Auto. Ein Moment, der nur wenige Sekunden dauert.
„Lea, ich-“, Sara stockt. Die Raben, eben noch verschwunden, steigen nun in den Himmel auf, einer davon landet auf einem Verkehrsschild. Zwei Fahrradfahrer biegen um die Ecke und Lea steigt von ihrem Rad. Langsam schiebt sie es auf Sara zu. In großen Kreisen fliegen die Raben über die beiden jungen Frauen hinweg, ein dritter folgt ihnen, sich von einem Hausdach stürzend. Und als Lea Sara erreicht, stellt sie ihr Fahrrad ab und steckt ihre Hände nervös in die Hosentaschen. Unruhig blickt sie sich um, sieht nur Autos und Menschen auf Fahrrädern, aber sie, die oben auf dem Balkon sitzt, erkennt sie nicht. Ein Mann mit Rosen überquert die Straße, langsam geht er auf einen Laden zu, auf Menschen und bietet eine seiner Schönheiten an. Abgewiesen läuft er weiter, versucht sein Glück nebenan. An den beiden jungen Frauen aber geht er achtlos vorbei. Sie scheint er nicht zu bemerken, scheint sie nicht zu seiner Zielgruppe zu zählen. Wie in einer Collage, in der sie aus einer anderen Realität entwendet, in diese Wirklichkeit geworfen wurden. Aber auch sie bemerken ihn nicht – trotz des großen Rosenstraußes wird er nicht gesehen, die Realitäten verschwimmen und die Welt scheint sich nur noch um sie zu drehen. Und die oben am Balkon nimmt einen Schluck Wasser und fragt sich, was als nächstes passiert. Gebannt ist sie von der zarten Geschichte. Im Gefühl hat sie, dass diese interessant werden kann und so klappt sie ihren Laptop zu, um sich besser auf die beiden fokussieren zu können.

„Es tut mir leid, Dich warten gelassen zu haben“ beginnt Lea und beißt sich auf die Lippe. Saras Anspannung ist sichtbar, als sie sagt, dass auch sie zu spät kam.
Und dann beugt sich Lea zu Sara, Worte sprudeln aus ihrem Mund, ein gelber Bus fährt an beiden vorbei, und der Lärm der Straße überdeckt die Erklärungen, die Saras Unbehagen verstärken. Leicht geht sie mit ihrem Oberkörper nach hinten, ihre Handinnenflächen wischt sie an der Hose ab. Schweiß scheint sich gebildet zu haben, die Situation ist kaum ersichtlich.
Und dann, ganz langsam, greift Lea nach Saras Hand und Sara lässt es mit sich geschehen. Im Hintergrund landet der Rabe erneut auf dem Gehweg, springend setzt er seinen Weg in Richtung Baustelle (die, die der junge Mann von vorhin bemerkte und die ihn dazu veranlasste, von seinem Handy kurz aufzusehen) fort. Und als ob sie, die auf dem Balkon sitzt, dabei wäre, sieht sie Saras Aufregung, spürt ihre tiefe Atmung und beobachtet, wie sie ihren Kopf langsam auf Lea zubewegt. In diesem Moment steht die Welt still und der Verkehrslärm versiegt, die Unterhaltungen der Menschen an dem Laden verstummen und der Wind hört auf zu blasen. Kein Blatt fällt von dem Baum, als Sara Lea einen sanften Kuss auf ihre Lippen gibt, als Lea ihre Hände an Saras Kopf legt und sie tief und fest zurückküsst.

Erst da merkt sie, wie eingenommen sie war von ihrer Umgebung, von dem, was um sie herum passierte, starrt auf den zugeklappten Laptop vor ihr und überlegt sich, in welch tragische Geschichte sie Sara und Lea verwandeln könnte, nicht wissend, dass in diesem Moment, vor ihren Augen, die schönste und die tiefste Liebesgeschichte, die sie sich jemals vorstellen hätte können, begonnen hat. Und würde sie ihren Blick nur noch eine Sekunde weiter auf die beiden richten, würde sie einen Eindruck davon erhalten, wie leicht und atemberaubend schön sich diese Geschichte entwickeln würde.

Schade, denn alles, an das sie denkt, ist die Suche nach Tragik.

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Kommentare

03. Aug 2018

... aber Deine Geschichte ist schön, keine Spur tragisch.

Liebe Grüße,
Annelie