DAS PFERD IM POOL

Bild von Gerfried Bedenkirch
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Die Story

Sven wird am späten Sonntag zurück in den Stall gebracht. Er schaut auf Lola, die direkt neben ihm in ihrer Box steht. Sie sieht gestresst und müde aus. Locker spricht er sie an, sie scheint etwas Aufmunterung gebrauchen zu können:

„Wie war dein Tag, Lola Baby?“

„Ach, hör bloß auf. Ich sprang nur über Gräbelein, und fand kein einzig Blättelein! So oder ähnlich könnte ich meinen Tag beschreiben, Sven!“

„Du redest wirr, Lola. Nun erzähle doch mal in aller Ruhe und Ausführlichkeit, warum du so einen Depri-Kawenzmann in der Bugwelle schiebst. Sprich dich ruhig aus...“

„Du warst ja nicht da. Übers Wochenende musste der feine Herr Sven ja die Stuten von Bauer Scherfflein decken, nicht wahr?“

„Eine Stute. Wenn schon, dann aber wahrheitsgetreu!“

„Wer´s glaubt... Nun, wie auch immer. Gestern, in der Nacht, ein Gewitter kam auf. Ich, schutzlos, auf der Koppel. Unruhig, merkwürdig bedrückt. Dann ein Schlag, ein solch gewaltiger Donnerschlag, dass ich mit allen Vieren gute 1,50 m in die Höhe zu schrecken gezwungen war. Dann Panik. Gewaltige Angst. Was war das? Woher der unfassbar laute Knall? Dieser Schlag? Ich konnte nicht mehr rational denken. Dieser Ur-Trieb, du weißt schon, der Fluchtgedanke, kam rasend schnell in mir auf. Und ich schoss, das hättest du sehen sollen, Sven, ich raste wie irre über die Koppel, hin zur Begrenzung in der Nähe der Tränke, durchbrach das morsche Gatter dort, galoppiere wie besessen über das Weideland des Nachbarn, immer weiter geradeaus, nicht zu stoppen, kaum gebremst über weitere Felder, Hügel und durch diese rabenschwarze Gewitter-Nacht. Blitze umzucken mich, heftiger Regen peitscht nieder, ich immer nur weiter und weiter, kleinere Hindernisse überspringe ich, bei größeren breche ich glatt durch, verletze mir dabei das rechte Röhrbein, und schieße weiter wie ein Pfeil durch die tiefschwarze Nacht, als hätte man mir mit der Reitgerte heftig eine über die olle Kruppe gezogen. Panisch und wild...“

„Das hätte ich wirklich nur zu gern gesehen!“

„Glaub ich dir. Jedenfalls kam ich dann zu den Häusern der Pfeffersackschaft hier in Obernheim, während mich Blitze umzuckten, als stehe der komplette Zollernalbkreis in hellen Flammen. Die Vorhand schmerzt, aber ich wetze immer weiter. So plötzlich aber, auch für mich total überraschend, endet die wilde Hatz. Ich bin in einem Pool - am Haus des Rechtsanwalts Heussler. In diesem Riesenpool endet alles. Ich stehe dort und komme nicht mehr raus. Kann den Kopf gut über Wasser halten, aber mein Körper, du weißt schon, die Verdrängung, lässt mich nicht aus dem Wasser springen (Warum nur lässt Heussler sein Wasser während seines Urlaubs im Pool? Ich hätte locker rausspringen können, wenn der Pool trockengelegt worden wäre!), ich stehe ratlos und immer noch heftig pumpend, aufgeregt, jetzt aber noch viel panischer, in diesem Gewässer und wiehere.

Der Pool wurde zum unüberwindbaren Hindernis für mich. Mein Gewieher: extrem laut.

Endlich dann kommt einer der Nachbarn, es war wohl Toni Langner, der beglotzt die Gesamtsituation, sieht Heusslers gewaltig teure chinesischen Blumenhartriegel an, die ich teilweise zerfetzt hatte bei meiner Sprung-in-den-Pool-Aktion, sagt tonlos: Da is´n Pferd in Heusslers Pool, Annette! Ruft dann wiederholt nach seiner Frau - und schließlich die Feuerwehr, nachdem sich Annette einfach nicht aus dem Bett locken ließ. Die Feuerwehr brauchte auch nur rund 30 Minuten.

Und rückt mit großem Tamtam an, 17 Mann hoch, und beglotzt eine ganze Weile die Szenerie. Die Feuerwehr pumpte kurzerhand das Wasser aus dem Pool. Dann erst, endlich, mir zittern die Flanken vor lauter Aufregung, basteln findige Feuerwehrleute aus Holzpaletten, die sie im Heussler-Schuppen gefunden hatten, eine Art Treppe für mich. Endlich ist auch meine gute Freundin geholt worden, aus dem Schlaf. Und sie hat einige Stücke Zucker mitgebracht. Du weißt ja, wie sehr ich Zucker liebe, Sven...“

„Nicht nur du, Lola, nicht nur du!“

„Sie lockte mich schließlich aus dem Teufels-Pool. Während dieser Rettungsaktion war, ganz plötzlich, das Gewitter vorüber gezogen und vorbei. Es hellte sich auf, der frühe Sonntag war angebrochen. Lola Rondbeet-Sütterlin, erleichtert, bringt mich in einer dieser fahrbaren Boxen zurück, diesmal aber in den Stall. Sie verspricht mir hernach hoch und heilig, mich bei einem Gewitter nie wieder auf unserer Koppel zu belassen. So, das war mein Tag, Sven. Aufregung für viele Jahre Pferde-Leben. Und du, du armer Kerl? Bezahlter Sex mit hübschen, schlanken Mädels, die viel zu jung für dich waren und zudem auch noch von dir trächtig wurden? Du wirst dich um die kleinen Fohlen niemals kümmern müssen, wie schön für dich... Du hast vielleicht ein Leben... Kein Pool wird dich je beherbergen, niemals wirst du von der Feuerwehr aus Obernheim gerettet werden müssen, kein noch so schrecklicher Donnerschlag kann dich Hengst aus der Fassung bringen, richtig? Solange das Röhrbein noch schmerzt, bleibe ich hier in der sicheren Box. Du kannst raus, aber ich beneide dich nicht. Es ist wieder Gewitter angesagt worden... Grüße bitte Toni Langner von mir, falls du ihn siehst, während er nach seiner Gattin ruft: Da is´n Pferd in Heusslers Pool! Schon wieder!“

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Die Meldung zur obigen Geschichte:

Nächtliche Rettungsaktion in Obernheim: Feuerwehr rettet ausgebüxtes Pferd aus einem Pool

Badener Nachrichten: Einsatzkräfte der Feuerwehr kümmerten sich um ein Pferd, das um 4 Uhr früh in einem in den Boden eingelassenen Gartenpool landete. Es erforderte umsichtige Maßnahmen, um das verängstigte Tier wieder aus dem Pool zu befreien. Die Besitzerin musste es schließlich mit Zuckerstückchen und einer großen Energieleistung über die gebaute Holzpaletten-Treppe herauslocken. Die Stute Lola hatte sich bei einem Donnerschlag während eines Zollernalb-Gewitters so furchtbar erschreckt, dass es von der Koppel ausgebrochen und wahllos panisch quer durch Vorgärten und diverse Hinterhöfe bis in den Pool gerannt war. Von dort aus konnte es sich selbst nicht mehr befreien. Aber die Stute konnte gerade noch im Wasser stehen. Das ausgebüxte Tier: ratlos, hilflos, panisch!

Als die Feuerwehr anrückte, musste das Tier erst einmal beruhigt werden. Jetzt stieg die Besitzerin in den Pool hinein. Hernach bauten die Feuerwehrleute eine Art Leiter aus Holzpaletten, die zufällig vor Ort vorhanden waren. Daraus bauten die findigen Einsatzkräfte eine provisorische Treppe. Zusätzlich wurden mit Holzstangen noch die Seiten der ‘Treppe’ fixiert, sodass die Besitzerin das Pferd mit einigen Leckerlis und gutem Zuspruch herauslocken konnte.

Alle Anwesenden applaudierten, als sich die Stute „Lola“ aus dem Pool locken ließ. Das war keine einfache Aktion, wie der Feuerwehr-Kommandant aus Obernheim den Badener Nachrichten mitteilte. Als gelungene Aktion bezeichnete er das Geschehen, letztlich sei ja kein Mensch und auch kein Tier zu Schaden gekommen. Der Pool-Besitzer zeigte sich ebenfalls sehr verständnisvoll. Er befand sich im Urlaub und war telefonisch von den Vorgängen in seinem Garten unterrichtet worden, mitten in der Nacht.

Aufgrund der Höhe des Pools, berichtet der Obernheimer Feuerwehr-Kommandant Markus Haas, der in dieser Nacht auch Einsatzleiter war, konnte sich das Pferd nicht mehr eigenständig aus seiner unangenehmen Lage befreien.
Die Strategie der Feuerwehr war erfolgreich und das Pferd konnte, bis auf kleinere Verletzungen durch den Sturz in den Pool, unbeschadet gerettet werden. Der Einsatz konnte um etwa 7 Uhr morgens nach entsprechenden Reinigungs-Arbeiten beendet werden.

Die Kosten für die umfassende Reinigung des Pools und die hohen Kosten, die durch den Einsatz der Berufsfeuerwehr entstanden waren, wird die Besitzerin sicher mit einigen Freuden tragen, da ihre beste Stute ja fast unverletzt zurück auf die Koppel gebracht werden konnte. Lediglich eine Abschürfung an der rechten Vorhand, die das Tier sich beim Durchbrechen des Gatters zugezogen hatte, musste versorgt werden. Zudem wurde eine leichte Verletzung des Röhrbeins festgestellt, die sich die Stute wohl bei ihrem Sprung in den Pool zugezogen haben dürfte. Auf die Besitzerin des Pferdes kommen jetzt Kosten in der Höhe von rund 15.600 Euro zu.

Dennoch meinte sie abschließend, sie sei noch glimpflich davongekommen. Denn alles Geld der Welt könne nicht den Verlust ihrer geliebten „Lola“ aufwiegen. „Lola“ sei wohlauf, bis auf eine Blessur am rechten Röhrbein und einigen Abschürfungen. Das sei wohl das wichtigste überhaupt bei dieser ganzen Geschichte. Dass „Lola“ nämlich soweit wohlauf sei. Wir pflichten bei.

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Knapper die BILD-Zeitung: Kurioser Feuerwehr-Einsatz: Wie kam das Pferd in den Pool?

Da steht ein Pferd im Pool! Die Feuerwehr in Obernheim (Baden-Württemberg)
bekam es am Wochenende mit einem kuriosen Einsatz zu tun. Ein Pferd hatte
sich bei einem Gewitter so erschreckt, dass es ausbrach, in einem Pool landete.

Von dort konnte es sich selbsttätig nicht mehr befreien. Die Feuerwehr Obernheim
rückte an, um das verängstigte Tier zu befreien. Dies gelang schließlich. Eignerin
Lola Rondbeet-Sütterlin, 71, konnte ihr Pferd über die Holzpaletten-Leiter, die diese
tapferen 17 Feuerwehrleute gebaut hatten, wieder auf sicheres Land locken. Ob es
nun psychologisch betreut wird, wissen wir nicht. Dem Pferd „Lola“ geht es, wie jetzt
berichtet wurde, den „Umständen entsprechend“ doch einigermaßen gut.

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Interne Verweise

Kommentare

10. Aug 2020

Lieber Olaf,

vielen Dank. Das hat mich gefreut. Erlaube mir
(Polizist im Ruhestand) eine kleine Antwort auf
deinen Beitrag Sternzeichen Schütze: Das hat
meine Freunde und mich nicht unbedingt sehr
erfreut. Gut gereimt, aber gleichzeitig auch die
sehr harsche Kritik an uns ballerwütigen und,
wie immer, dusseligen Polizisten, die zudem
auch noch gerne in den Rücken schießen. Es
ist aber deine Art von schwarzem Humor. Da
kann ich als Ex-Bulle eben nicht anstinken...

Gruß von Gerfried Bedenkirch, Bremerhaven