Das ewige Ringen des Maurice Wilson

von Oliver S
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Im Jahr 1935 bekommt ein junger und talentierter Student aus Cambridge namens Charles Warren die Möglichkeit an der von Eric Shipton geleiteten Shipton Reconnaisance Expedition teilzunehmen. Es ist nicht die erste Bergfahrt Warrens in den Himalya. Einige Jahre zuvor gelingt ihm zusammen mit Colin Kirkus die Besteigung eines Gipfels der Bhagirathi Gruppe in der Gangotri Region des indischen Himalayas. Dabei klettern sie in einem Stil, der erst Jahrzehnte später von einem gewissen Reinhold Messner perfektioniert wird. Der Alpinstil ermöglicht schnelleres vorankommen aber zwingt den Bergsteiger mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Unter Verzicht auf Unmengen an Material und nur mit dem Allernötigsten klettern sie dem Himmel leicht entgegen. Sie sparen damit Kraft und überwinden schwierige Felspassagen in über 6000m Höhe. Derartige Klettereien sind große alpinistische Probleme zu dieser Zeit. Die Eintrittskarte in den elitären Kreis britischer Bergsteiger scheint somit gesichert. Sie erregen Aufmerksamkeit, kehren als Glanzfiguren der Szene in die Heimat zurück. Shipton der in den 1930iger Jahren seine herausragende Rolle als Höhenbergsteiger mehrfach unter Beweis gestellt hatte und bereits in die Höhe von 8500m vorstoßen konnte war damit beauftragt worden eine Erkundungsexpedition zum höchsten Berg der Erde, dem Mount Everest (8848m), zu führen. Warren scheint ihm ein weiterer idealer Mann zu sein. Er soll zusammen mit seiner Mannschaft wichtige Erkenntnisse für zukünftige Besteigungsversuche sammeln. Die bergsteigerische Avantgarde des Britischen Empires bestimmt zu dieser Zeit das Expeditionsgeschehen im Himalaya. Berge besteigen scheint nicht eine Frage der finanziellen Mittel und des Mutes zu sein, noch das Vorrecht begnadeter Bergsteiger auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Die Bergriesen des Himalayas dienen als Projektionsobjekte, natürliche Arenen des Nationalstolzes der Weltmacht England. Jahre zuvor, im Zeitalter der Polfahrer, wird das Kollektiv der britischen Abenteuer und somit das Selbstverständnis einer ganzen Nation schwer angeschlagen. Robert Peary ein US-Amerikaner steht 1909 als erster Mensch am Südpol. Zwei Jahre später tut es ihm die Glanzfigur unter den Polarforschern Roald Amundsen, ein fokussierter Norweger, am Südpol gleich. Amundsen schafft es vor dem britischen Marineoffizier Robert Falcon Sott zum geographischen Südpol und stürzt die englische Medienlandschaft, die die beiden Expeditionen als Wettlauf stilisierte, ins Unglück. Teile von Scotts Mannschaft und Sott selbst, der keine Kraft mehr für den Rückweg hat und weiß nur Zweiter gewesen zu sein, sterben an Erschöpfung. Die Briten sehen sich geschlagen. Die großen weißen Flecken der Landkarten sind erkundet Wo bleibt noch Raum für Abenteuer und Heldenmut? Die Antwort darauf ist logisch; in der Vertikalen. Somit wird der Mount Everest zum Dritten Pol ausgerufen. Nüchtern betrachtet ein Punkt wie jeder andere auf dieser Welt. Eine geographische Tatsache. Höchstens ein Umkehrpunkt und doch so unendlich mehr. Einer jener jungen Bergsteiger, die Vormachtstellung der Engländer als Volk von Abenteurern und Helden wieder zurecht rücken soll ist Charles Warren.
Expedition zum Mount Everest zu jener Zeit durften nur von der tibetischen Seite unternommen werden, da der Anmarsch über Nepal für Ausländer gesperrt war.
Warren erkundet mit seinen Kameraden 1935 die Möglichkeit, ob die Wetter und Schneebedingungen einer Expedition in der Nachmonsunzeit einen Besteigungsversuch zulassen. Im oberen Teil des nahezu 18 km langen Rongbuk Gletschers sieht der junge Warren zwei Bergschuhe aus dem Schnee ragen. Daneben Teiles eines Zeltes. Warren nähert sich zügig den Schuhen und als er näher kommt schreckt er zurück. Vor ihm liegt ein lebloser Körper. Eine Leiche in einer Eiswüste. Zerschunden von Wind und Wetter. Kein schöner Anblick. Ganz einsam liegt der Körper da, verlassen und verbraucht. Die Männer sind verwundert, stellen sich Fragen. Warren schreibt die Eindrücke später in seinem Notizbuch auf. Das Auftauchen der Leiche ist ihnen ein Rätsel. Warum findet sich neben dem toten Bergsteiger kein Schlafsack andere Ausrüstungsgegenstände aber schon? Warum liegt der Körper 200m entfernt von einem Lebensmitteldepot, einer Hinterlassenschaft der britischen Expedition 1933? Wer ist dieser Bergsteiger? War er bei seinem Sterben alleine?
Nachdem die Identität der toten Bergsteigerleiche eindeutig festgestellt ist, wickeln diese Warren und seine Kameraden in das gefundene Zelt und versenken den Mann in einer weit aufklaffenden Gletscherspalte. Ein Grab in der ewigen Kälte der Gletschermassen. Doch die Gletscher des Mount Everest sind keine statischen Eismonumente. Ganz im Gegenteil, ein Gletscher fließt, langsam zwar aber stetig. Der Rongbuk spuckt ihn schließlich wieder aus. 1960 finden Chinesen dieselbe Leiche und folgen demselben Ritual. Wie ihre Vorgänger wird jedoch ihr Aufwand nur vorübergehend belohnt. 1975, 1985 und 1989 kommen immer wieder Teile der Überreste an die Oberfläche. Nicht mehr als Ganzes, sondern zerstreut, gematert von der Naturgewalt gefrorenen Wassers. Es scheint, als ob der Berg dem Verstorbenen keine ewige Ruhe gönnen will. Zweimal bestattet aber nie begraben, das ist das Schicksal von Maurice Wilson.
Dabei deutet nichts in seiner Biografie auf eine spätere Karriere als Höhenbergsteiger hin.
Maurice Wilson wird am 21. April 1898 in Bradford (UK) geboren. Sein Vater, ein Direktor einer Wollspinnerei ermöglicht der Familie ein Leben in Wohlstand und Ordnung. So scheinbar sicher diese Existenz auch zu sein scheint, Wilson wird zur Armee eingezogen. Der erste Weltkrieg stürzt Europa ins Chaos. Stellungskrieg und neue Waffengattungen drängen diesen Konflikt in eine neue Dimension. 17 Millionen Menschen werden bis 1918 sterben. Für Wilson, von Natur aus mutig, schlüpft hingegen in eine neue und ungeahnte Rolle. 1917 gerät seine Einheit in schweres feindliches Feuer. Heftiges Bombardement erschwert den Einsatz zusätzlich. Ein Kamerad nach dem anderen fällt. Die Lage spitzt sich zu. Deutsche Soldaten wollen die Stellung erstürmen, der Kugelhagel wird immer dichter. Wilson hat zwei Maschinegewehre an beiden Flanken, sie sollen dem feindlichen Stürmungsversuchen ein Kugelmeer entgegensetzen. Die Bresche des deutschen Vorstoßes befindet sich exakt bei Wilsons Verschanzung. Soll er fliehen oder das Äußerste wagen? Wilsons Kommandant erkennt die Aussichtslosigkeit der Lage und lässt die Maschinengewehre abziehen. Auch Wilson soll sich zurückziehen, doch in den Wirren des Kampfes hört er nicht mehr auf Befehle. Wilson gehorcht nur mehr seiner Intuition. Entschlossen gebietet er den Angreifern Einhalt. Verbissen kämpft er weiter und es gelingt. Er schlägt die Angreifer in die Flucht. Zu diesem Zeitpunkt dringt Wilsons außergewöhnliche Tapferkeit und Pflichterfüllung zum Vorschein. Noch im gleichen Jahr wird er mit dem Military Cross ausgezeichnet, da es weitgehend seinem Mut und seiner Entschlossenheit zu verdanken

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