Henry

von Alexander Zeram
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1. Kapitel:  E r l e b t

Geoffrey hielt sein Glas gegen das Licht und lallte: "Ei, wie das schön perlt!" Dann hob er es in die Höhe und rief: "Na, trinken wir mal auf uns, was, mein Brüderchen?"

Helen und ich leerten unsere Gläser in einem Zug, lachten, weil wir fröhlich waren, und weil wir das Geschäft zu einem solch vortrefflichen Abschluss gebracht hatten.

"Schon den Auftrag zu bekommen war ein Stück Arbeit!", sagte Geoffrey und nickte dazu. "Wie du reden kannst, Brüderchen ... einfach ... toll – was sag' ich: umwerfend!

Normalerweise würde man's nie für möglich halten, dass du am Konferenztisch einen Thomas T. Burns zurück auf den Stuhl befehligen kannst. Wie der alte Herr erstaunt dreingeguckt hat ... ich könnte mich ja jetzt noch kringeln!"

Erneut lachte er auf und schenkte sich von dem exquisiten Champagner nach, den wir uns auch wirklich verdient hatten.

"Na, gebt eure Gläser schon her, Kinder! - Ihr wollt doch nicht etwa kneifen, heh?"

Aber ich beharrte darauf, diese 'Runde' auszulassen. Ungewöhnlich heiß war es an diesem Tag und mir reichten schon die beiden Gläschen, die ich bisher getrunken hatte.

"Aber Henry ... nur noch ein Gläschen!" Dieser Satz kam nur noch glucksend aus ihm heraus und er zeigte dabei unbeholfen mit Daumen und Zeigefinger an, wie wenig es nur noch sein hätte sollen. Die Hitze zusammen mit diesem prickelnden Getränk - es benebelte mich, breitete Dumpfheit im Kopf und Übelkeit im Magen aus. Nein, ich wollte nicht mehr!

Helen, unsere gemeinsame Sekretärin, vermochte er noch ein weiteres Mal zu überreden, doch leerte sie ihr Glas nur zur Hälfte.

"Joseph!" Geoffrey bediente sich des Bordsprechgerätes. "Joseph - wollen sie nicht auch ein Gläschen?"

"Lass den lieber nüchtern ... er muss fliegen!", bat ich. "Schließlich soll er den Vogel doch heil nach Hause bringen. Oder was glaubst Du, was das für ein krönender Abschluss wäre, jetzt in einer Bruchlandung am Boden dahinzuschliddern und am Ende vielleicht noch zu explodieren."

"Bah ...!" Geoffrey blinzelte mich aus geröteten Augen hervor an und griff wieder zur Champagnerflasche. Er stieß dabei den Eiskübel fast um, ein wenig Eiswasser schwappte über den Rand und spritzte auf Helens Rock.

"Huh, ist das kalt!"

Ich nahm ihr betrunkenes Kichern kaum noch recht wahr. Überhaupt bemerkte ich erst jetzt, dass mir mein Hemd am Körper klebte. Ich war völlig verschwitzt. Mein Jackett und die Krawatte hatte ich natürlich schon beim Besteigen der Maschine abgelegt, aber die Temperatur schien weiter angestiegen zu sein. Am Flughafen hatte ich jemanden über die Hitze klagen gehört – über zweiundvierzig Grad im Schatten sei es da schon gewesen. Hier im Flugzeug hätte ich fünfzig Grad ohne Weiteres für möglich gehalten – und zu allem Überfluss war auch noch die Klimaanlage für den Passagierraum defekt. Speiübel vor Hitze, die stickige Luft, der Alkohol im Blut, die arbeitsreichen Tage, die hinter uns allen lagen, dieser entscheidende Morgen im Konferenzraum des Burns-Hotel, die Erleichterung über ein erfolgreich zum Abschluss gebrachtes Geschäft, das monatelange Vorarbeit von allen Beteiligten gefordert  und entsprechend viel Stress mit sich gebracht hatte ... mich übermannte ein Schwächeanfall.

"Das ist wirklich eine grauenvolle Hitze heute!", erklärte ich - ohne mich dabei an jemanden zu richten.

Geoffrey warf sich zurück in seinen Sessel, drückte ein Knöpfchen und richtete die Rückenlehne so ein, dass er bequem in annähernd horizontale Lage kam, rülpste wie gewöhnlich, wenn er Champagner trank, übermäßig oft und gewollt laut - dann war er auch schon in den Dämmerzustand versunken, der das endgültige Stadium seiner Trunkenheit bezeichnete. Eigentlich habe ich an niemandem je einen so konstanten Ablauf erlebt wie an ihm. Er wurde immer nach der gleichen Menge betrunken, legte sich dann flach und versank in ein Dösen, welches mir Bewunderung abrang. Meist war er beim Eindösen viel betrunkener als ich und doch erwachte er dafür regelmäßig völlig ausgenüchtert.

Helen warf mir einen Blick zu, schmunzelte ein wenig - und beides besagte so viel wie: 'Na, der ist jetzt wenigstens ruhig'!

Wir legten uns schließlich gleichfalls in unseren Sesseln zurück und sahen aus den Doppelglasfenstern. Weit unter uns zog die Landschaft eintönig dahin - Wüste - endlose Schotterebene durchbrochen von rötlich-grauen Felsformationen, Sand, Salz, Steine, in welche Richtung man auch Ausschau hielt - nach Grün und farbigen Tupfern, nach Leben! Der Anblick konnte einen wirklich nicht fesseln. Nach kurzer Zeit schon flackerten mir die Augenlider und wenig später musste ich eingenickt sein.

Noch während ich mit der Erschöpfung kämpfte, beobachtete ich Helen.

Ich musste daran denken, dass ich früher einmal meinen Vater verdächtigt hatte, mit ihr ein Verhältnis zu haben. Sie war nicht eigentlich schön, aber ihr Typ wirkte interessant. Ihre Augen strahlten Güte aus und Verständnis, ihre vollen Lippen schienen mir mit dem verbrauchten Begriff 'sinnlich' dennoch zureichend beschrieben. Ich mochte sie gerne, denn ihr Charme konnte betörend sein - während man dabei nie vergaß, wo man zu stehen hatte und wer sie trotz aller freundlichen Gesten blieb. Manchmal glaubte ich wohl noch immer daran, dass mein alternder Vater einmal mit ihr ein Verhältnis gehabt haben könnte - oder vielleicht auch mein Bruder Geoffrey. Und ebenso, wie ich mir dies vorstellen konnte, malte ich mir hin und wieder aus, wie ich Helen zu einem intimen Abendessen à deux einlud und ... und ... und ...

Wenn ich es mir dann überlegte, kam ich zu dem entschiedenen Entschluss, sowohl meinen Vater wie auch Geoffrey aus ihrer möglichen Liebhaberliste zu streichen. Einzig meine Eifersucht brachte mich zeitweilig dazu, jeden ihrer liebevollen Blicke zu deuten. Dabei hatte Geoffrey überhaupt keine rechte Zeit für Helen. Er plauderte gerne mit ihr, wenn sich die Gelegenheit ergab und man obendrein noch ein wenig blödeln konnte. Gerade nach anstrengenden Sitzungen war ihm das immer willkommen. Aber Helen mochte oft genug mitblödeln, der Sinn stand ihr eigentlich mehr nach ernsten Gesprächen ... die sich aber nicht mit dem beruflichen Alltag befassen durften. Helen philosophierte mit Hingabe – gerade wie ich selbst. Geoffrey nannte alle Philosophen 'Quacksalber' oder 'Schmarotzer'. Für ihn war das Leben gut, so wie es gelebt werden konnte - und aus seiner Sicht musste es kein anderes Leben geben als das seine. Geoffrey war reich, angesehen, ein Mann von großem

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