Henry - Page 8

von Alexander Zeram
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geht es! - Ich habe nämlich eben entdeckt, dass mich Ameisen verfolgen. Und ich habe gelernt oder gehört oder in einem Buch gelesen, dass Ameisen keine Umstände machen. Sie verspeisen einen auch ohne Zutaten! - Roh und ohne Wasser lassen sie sich so ein Menschlein schmecken, welches vom Gottvater aus dem Garten Eden gewiesen worden ist. Es kann zwar sein, dass sie so freundlich sind und warten, bis ich ganz und gar gestorben bin, aber ich traue ihnen nicht recht.

Vielleicht ist dieses Kribbeln in den Kniekehlen schon ein erster Besuch ... ein kleines Hors d'Oeuvre für die ganz schnellen Ameisen, die ihre Kollegen abgehängt haben.

Henry Singerton auf Waldmannsart!

Ich entwickle einen Galgenhumor, den ich viel eher meinem Bruder Geoffrey zugeschrieben hätte ... damals, als ich noch die Menschen untereinander und gegeneinander auswertete und bewertete und mich auch sonst ganz wohl fühlte, den Überlegenen und Ruhigen mimte ... eben Henry Singerton war. Ich besah mir immer alles von oben herab, kalkulierte kurz und traf meine Vorbereitungen. Jetzt hingegen ähnele ich ihm wirklich sehr ... Sie wissen schon ... mein Bruder ... er ist im Flugzeug umgekommen!

Warum rede ich eigentlich immer von 'Sie' und 'Ihnen'?

Ich bin doch alleine, verdammt noch mal! - Dem einzigen Menschen, dem ich etwas zur Unterhaltung vordenken müsste, bin ich schließlich selbst.

Du musst nämlich wissen, Henry ...

Was wollte ich denken?

Ich weiß es nicht mehr - und es ist auch völlig belanglos, denn ich robbe mich jetzt unter Antrieb meines rechten -gesunden- Beines voran.

Ich habe mir diesen Strauch dort vorne zum Ziel gesetzt, denn dort könnte ich mit 99-prozentiger Unwahrscheinlichkeit eine Quelle entdecken. Das eine restliche Prozent beflügelt meine Zuversicht und bestärkt meine schwachen Hoffnungen. Wenn ich recht behalte - vorausgesetzt ich werde diesen Irrsinn überleben - will ich an diesem Ort eine Kapelle zu Ehren Gottes erbauen lassen. Vielleicht komme ich dann endlich dazu, wieder einmal zu beten.

Ich entsinne mich gerade, dass schon viele Menschen angesichts des Todes derartige Gelübde abgelegt haben und sie tatsächlich einlösten. Mich würde nur interessieren, ob jene, die ihr Gelübde nicht eingehalten haben, dennoch ganz wohlauf sind ... von einigen Gewissensbissen vielleicht abgesehen.

Was ...

... das ist auch eine nette Frage ...

... was ist eigentlich der Glaube, um den so viele Streitigkeiten entbrennen und entbrannt sind. - Die Pilgerväter sind nach Amerika ausgewandert, die Hugenotten haben eine auf den Kopf bekommen, Galilei musste vor den Kirchenvätern all seine klugen und so folgenschweren Erkenntnisse widerrufen und zuweilen versenkte man auch eine schöne Frau in irgendwelchen Fluten, weil der Glaube eben neben dem Lieben Gott und den Engelein auch den bösen Wüterich mit dem Dreizack hervorgebracht hat. Ich finde das einen höchst interessanten Fall.

Fall 'Bibel', 'Koran' ... und wie sie alle heißen, diese Schriften für die Gläubigen, diese Glaubensrechtsbücher - aufgeteilt in Verse, Gesänge, Briefe, Kapitel … und was weiß ich … anstatt in Paragrafen und Unterabschnitte.

Ein Fall für den Psychiater!

Ich wäre wohl auch einer - aber ich bezweifle, dass mich ein Psychiater in diesem Zustand nach meiner frühen Kindheit aushorchen würde. Sicherlich gäbe er mir ein Glas Wasser zu trinken und ein Chateaubriand à la Béarnaise mit goldbraunen, knusprigen Pommes Dauphines und dazu Salade Meunière sowie ...

Nein! - Das hält ja kein Mensch aus!

Sind Pommes Dauphines eigentlich knusprig? Ich weiß es nicht mehr!

Ich könnte mich gut in eine andere Situation hineinversetzen und dann von einem hellen, sauberen Krankenhauszimmer 1. Klasse fantasieren - es wäre vielleicht angebrachter. Mein linkes Bein in einem kunstvollen Verband, die Schultern vielleicht sogar im Gips, die hintere Hälfte meines werten Hauptes rasiert und meine Wunden dort säuberlich verarztet und versorgt. An meinem Bett säße Papa ... wütend darüber, dass er sich noch nicht einmal für ein paar Tage hinlegen durfte, um auszuspannen. 'Wenn ich mal nicht selber alles in die Hand nehme – geht schon alles schief!' - 'Ja, Papa!'

Ich höre ihn geradezu, wie er schimpft und zetert ...

Nein, er würde nicht schimpfen.

Er würde gar nichts sagen.

Stumm säße er neben meinem Bett und ...

Unsinnig, völlig unsinnig!

Er würde überhaupt nicht an meinem Bett sitzen, denn alleine schon die Nachricht, dass unsere Maschine abgestürzt ist, alleine diese Tatsache ... von Geoffreys Tod gar nicht zu reden und auch von Helens und Josephs und ... ich ...

Ach Gott, er würde das wahrscheinlich gar nicht mehr durchmachen können. Die Nachricht hätte ihn ...!

So wie es jetzt aussieht, werden Ameisen an meinem Bett sitzen – alle blinkend rot oder etwas dunkler, grinsend und bereit, sich auf mich zu stürzen, um mich in wenigen Tagen bis auf die Knochen abgenagt zu haben.

Bon Appetit, mes amis!

Ich bin inzwischen also bei meinem Strauch angelangt und ich bemerke eben, dass ich meinen Tablettenvorrat beim Baumstamm zurückgelassen habe. Genau genommen ist das natürlich kein Grund, diesen schrecklichen Weg nochmals zurückzulegen, um die verdammten Tabletten zu holen, aber es ärgert mich. Wie kann man nur so vergesslich sein, wenn man die Verantwortungen eines Henry Singerton zu tragen hat. Ich bin doch einiges gewohnt ... daran hätte ich schon denken müssen!

Immerhin ... unter diesem Strauch habe ich zwar ein wenig Schatten, aber von Wasser keine Spur. Ich kann die Tabletten getrost beim Baumstamm liegen lassen, denn ohne Wasser wäre ich nicht imstande auch nur eine einzige zu schlucken, ohne davon zu reden, dass ich ja gar keine Zahnschmerzen habe ... oder Halsweh ... oder Kopfschmerzen. Das heißt, Kopfschmerzen habe ich eigentlich schon - doch mit diesen leichten Tabletten, die für den Bürostress gedacht sind, dürfte ich wohl kaum auf Linderung meiner Pein hoffen.

Aber da fällt mir gerade ein ... war nicht auch ein kleines Fläschchen Eau de Cologne in dieser Handtasche? - Ich weiß es nicht mehr genau, aber eigentlich müsste sich so ein Duftwässerchen schon in der Handtasche einer richtigen Dame finden. War Helen eine richtige Dame?

Irgendwie kommt es mir so vor, als käme ich vom Thema ab.

Ah, ja, richtig ... das Fläschchen ... das wäre Flüssigkeit! ... hmm ... und dann ... bezweifle ich allerdings, dass mir ein kräftiger Schluck Eau de Cologne jetzt gut tun würde ...

Ich weiß nicht.

Nein, es sei entschieden ... ich will nicht duften!

Die Tasche bedeutet Balast und

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