Henry - Page 4

von Alexander Zeram
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wo wir abgestürzt sind ... oder ... man weiß überhaupt nicht, dass wir beim Rückflug nach Hause ein Problem gehabt haben. Hatte Joseph die Zeit gehabt, dies über Funk zu melden ... zu melden, dass er notlanden würde müssen? Oder war er zu sehr damit beschäftigt, eine geeignete Landefläche ausfindig zu machen? - Oder ist die Funkverbindung nach jenem ersten seltsamen Knall bereits unterbrochen gewesen?

Helen reißt jetzt die Augen weiter auf - ein blutiger Schnitt reicht von einem Mundwinkel bis zum Ohrläppchen. Irgendetwas muss sie auch dort getroffen haben ... ihre ganze linke Seite hat es dabei erwischt. Aber wird sie denn wirklich daran zugrunde gehen?

Ich weine ...

Weine ich wirklich? - Oder sind es gar keine Tränen, die mir übers Gesicht rinnen? Ist es die Einsicht, dass ich kein Wasser zur Verfügung habe? - Noch nicht einmal die tiefe Wunde im eigenen Nacken kann ich auswaschen. Mich schmerzen beide Schultern! Ich habe Kopfschmerzen - aber zum Glück stehen mir Tabletten zur Verfügung. Ich ... hätte ich auch nur einen Schluck Wasser, ich könnte Helen ein paar Schmerztabletten verabreichen - zumindest mir zum Trost, denn ich bezweifle, ob Zahnschmerztabletten ihre Leiden mildern würden. Ich nehme die Tasche und besehe mir die Utensilien darin noch einmal Stück für Stück. Die Kopfschmerztabletten befinden sich in der blauen Packung, die gegen Zahnschmerzen in der roten mit dem weißen Mittelstreifen und die Halspastillen sind in dem durchsichtigen Röhrchen. Ich kenne sie - wohlschmeckend, erfrischend und schmerzlindernd – Pfefferminzaroma. Es ist aber auch kaum von Belang!

Helens Augen sehen mich an, sie flehen mich an, bitten mich um etwas. Aber worum nur? Will sie mir sagen, dass sie Angst vor dem Tod hat - so wie sie es einmal in einer Unterhaltung mit mir zugegeben hat, dass ihr der Tod Furcht einflößt? - Oder verlangt sie nach Wasser ... dem Wasser, welches ich ihr nicht geben kann?

Hätte ich ein Glas Wasser, ich gäbe es ihr ... ohne zu zögern ... obwohl ich mehr und mehr davon überzeugt bin, dass sie keine halbe Stunde mehr am Leben bleibt. Ihr Atem wird schwächer und ebenso der Puls, den ich jetzt fühle. Aber ich gäbe ihr dieses Glas Wasser bis auf den letzten Tropfen, denn mehr könnte ich nicht mehr für sie tun.

3. Kapitel:E r l e b t

Nachdem ich Helens Augenlider geschlossen hatte, machte ich mich auf, einen Felsvorsprung zu erreichen, von dem aus ich mir einen besseren Ausblick erhoffte. Ich wollte wissen, in welcher Gegend ich mich befand. Zweifelsohne waren wir in eine Schlucht gestürzt - doch der nördliche Ausgang war von Geröll und einigen schweren Felsbrocken versperrt, sodass ich mich gleich von Beginn an nach Süden wandte. Als ich den Felsvorsprung erreicht hatte, sah ich das Wrack rauchend daliegen - der Tragflächen beraubt, ohne Cockpit, die Seiten aufgerissen und insgesamt zerquetscht. Ich richtete meinen Blick nach oben - auf den langen Abhang. Einzelne Teile unserer Maschine markierten den Weg des Absturzes und umso mehr ich mir diese Strecke besah, desto mehr kam ich mit mir darüber überein, dass Joseph schon gestorben sein musste, bevor wir auf dem Grund der Schlucht aufgeschlagen waren. Ein Wunder, dass überhaupt jemand diese Katastrophe überlebt hatte ... und dann ich.

In der Ferne sah ich den Ausgang der Schlucht und von meinen Felsen aus wirkte er unerreichbar, vernebelt ... hinter flimmernder Hitze. Ich stieg wieder zum Wrack hinunter, trat ein letztes Mal an Helen heran und vergoss Tränen um diesen mir sehr lieben Menschen. Ich war nicht allein traurig und verzweifelt - es war die Ungewissheit darüber, was werden sollte, die mich zusätzlich niederschlug und mir viel Kraft nahm. Ich wusste nicht, ob man bereits auf dem Weg war, uns zu suchen, oder ob man uns erst dann vermissen würde, wenn wir um 18 Uhr 10 nicht gelandet wären. Würde man erst dann versuchen, Funkkontakt mit uns aufzunehmen? - Wann sollte man einsehen, dass etwas geschehen sein musste? – Und ... wie sollte man uns dann finden in dieser trostlosen Wüste?

Uns?

Mich ...!

Ich hatte keine Ahnung, wie solch eine Suchaktion normalerweise eingeleitet wurde - wie durchgeführt. Aus diesem Grund schon trieb mich die Angst dazu, selbst etwas zu unternehmen.

Meine Wunde brannte, die Wade schien mir bereits etwas geschwollen ... die Schultern vermochte ich kaum zu bewegen.

Ich glaubte zu fiebern und wollte doch überleben ... gerettet werden. Ich wollte diesen Absturz nicht überlebt haben, um dann jämmerlich mein Leben zu lassen, weil man mich nicht rechtzeitig fand, um mich in ein Krankenhaus zu bringen. Wo waren hier Krankenhäuser in der Nähe?

Eine panische Angst ergriff mich, als ich ein Stechen im Hinterkopf wahrnahm und es wurde mir vor Schmerzen schwindelig. Ich setzte mich nieder und tastete vorsichtig meinen Kopf ab.

Tatsächlich, da war eine Beule, und wenn ich behutsam darauf herum rieb, konnte ich geronnenes Blut lösen. Mein Entschluss stand zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon fest, aber jetzt redete ich mir ein, dass ich unbedingt sofort etwas unternehmen müsse, wollte ich durchkommen. Die Entscheidung fiel - und sie war nicht mehr rückgängig zu machen.

Ich nahm Helens Handtasche auf und hinkte in südlicher Richtung davon. Es dauerte bis zum Einbruch der Dämmerung. Erst dann hatte ich den Ausgang der Schlucht erreicht.

Meine Wade war stark angeschwollen - jetzt gab es darüber keine Zweifel mehr - und meine Schultern brannten wie Feuer. Ich hinkte ziemlich und oft taumelte ich. Auch wenn ich glaubte, meine Kräfte richtig einzuschätzen und einzuteilen, musste mir wohl eingestehen, nicht sehr weit vorangekommen zu sein. Aber immerhin hatte ich mein vorläufiges Ziel erreicht - den Ausgang der Schlucht.

Ich versuchte mich daran zu erinnern, in welchem Schritttempo ich das Wrack zurückgelassen hatte - es erschien mir wie ein lockerer Zwischenspurt verglichen mit den letzten Metern, die ich zurücklegen musste, um mich endlich gegen eine niedrige Felsplatte lehnen zu können.

Ich sank darauf nieder und blieb liegen.

Dennoch erwachte ich kurz vor Sonnenuntergang aus meiner kurzen Bewusstlosigkeit. Gerade noch erkannte ich in der einbrechenden Dunkelheit, dass unweit ein Wäldchen an einem Berghang begann, und fiel dann zurück in die Ohnmacht, die bis in den neuen Tag hinein anhielt.

Als ich die

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