Henry - Page 9

von Alexander Zeram
Bibliothek

ich trage schwer genug an mir selbst und meinem unerklärlichen Drang, in Gedanken Selbstgespräche zu führen - mit mir und nicht anwesenden, obendrein völlig unwichtigen, da namenlosen Personen.

Denken entkräftet wohl auch nicht - ich kann von Glück reden, dass ich nicht den Drang in mir verspüre, laut zu reden. Schließlich denken wir ja von Beginn unseres Lebens an ... sollten es zumindest. Wir denken und denken ... von der Geburt an ... vielleicht schon früher ... bis zum Tod ... und vielleicht noch darüber hinaus ... und wissen doch nie, was eigentlich geschieht.

Eigentlich sollte ja die ' 3' die heiligste Zahl überhaupt sein. Möglicherweise ist sie es sogar - das kann ich jetzt nicht behaupten.

Es ist eine magische Zahl ... denn so vieles in unserem Leben scheint mir dreigeteilt ... gar nicht dreieinig.

Auf eine Frage finden wir eine Antwort ... das ist der Idealfall.

Aber wir haben auf jede Antwort mindestens zwei weitere, neue Fragen.

1. Woher kommt unser Leben und

2. Wohin geht es ...?

Die ' 3' ist eine großartige, übermächtige Zahl:

Kindheit - Jugend - Alter

Lernen - Verarbeiten - Anwenden

Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft

erlebte - erlebe - werde erleben

war - bin - werde sein

Die Reihe ließe sich bis ins Unendliche weiterführen. Nur eines fällt mir dabei auf. In der Praxis kann man solche Gedankenspielereien nicht immer ganz gefahrlos anwenden. Wenn ich sage 'ich arbeitete - ich arbeite - ich werde arbeiten' - so ist das vielleicht im Hinblick auf Vergangenheit und Gegenwart berechtigt ... aber wer kann sagen, was in Zukunft sein wird? Wer weiß denn schon, ob in nächster Sekunde nicht der Tod kommt und aus dem 'ich werde arbeiten' ein definitives 'ich habe gearbeitet' macht?

Und Sätze wie 'nächstes Jahr um diese Zeit werde ich meine neue Villa am See beziehen und dann gebe ich ein großes Einweihungsfest' grenzen ja geradezu an eine Herausforderung ... ja, man fordert den Tod auf diese Art heraus. Nicht nur den Tod - die ganze Schicksalhaftigkeit des Daseins.

Braucht schließlich nur der See über sein Ufer hinaustreten und die Baustelle zu überschwemmen, dann verzögert sich alles um ungewisse Zeit. Oder man macht Bankrott und kann die Baufirma nicht mehr bezahlen - man muss verkaufen - oder aber zumindest der angesprochene Freund ist auf die eine oder andere Art verhindert ... vielleicht, weil er mit seinem Privatjet abgestürzt ist und unter einem Schatten spendenden Strauch liegt und kräftig Durst leidet. Ich habe gestern auch schon Durst gehabt und jetzt wird es langsam unerträglich ... aber ... werde ich morgen noch Durst haben? Man könnte mich endlich finden - das wäre eine willkommene Abwechslung in dieser trostlosen Eintönigkeit des Alltages eines Sterbenden - oder ich könnte schon in den nächsten Stunden die Ameisen zu Tisch bitten und gen Himmel fahren, um mich zu erkundigen, wie das damals mit dem Apfelbiss der guten alten Eva gewesen ist ...

Hätte ich mir das alles vor drei oder vier Tagen träumen lassen? -Sicherlich nicht, denn da bereitete ich mich gerade auf ... ja, worauf bereitete ich mich da gerade vor?

Wenn ich jetzt zum Himmel aufblicke, dann sagt mir mein wenig klarer Verstand -denn ganz klar ist er zweifellos nicht mehr- er sagt mir, dass es früher Morgen ist. Woran er das erkennt, weiß ich nicht und ich will mich auch weiter nicht damit belasten, denn genau genommen bleibt es völlig gleich, welche Tageszeit wir jetzt haben ... mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass ich jetzt die ganze brütend heiße Mittagsglut noch vor mir hätte, wenn es Morgen wäre. Sonst ist es mir ganz egal, ob wir Morgen, Mittag oder Abend haben ... Wieder die '3'!

Ich war vor drei oder vier Tagen vollauf damit beschäftigt, etwas zu tun. Jetzt bin ich vollauf damit beschäftigt, mich daran zu erinnern, was ich vor drei oder vier Tagen tun wollte. Werde ich in drei oder vier Tagen noch immer vollauf beschäftigt sein, mich krampfhaft in Erinnerung zu martern, um endlich herauszubekommen, was ich -denn- vor sechs oder mehr Tagen vorbereitet habe?

Die '3'!

Ich habe Durst ... grauenhaften Durst - aber vielleicht ist es auch Hunger, der an mir frisst.

Ich glaube, der Mensch hält es länger ohne Speise als ohne Trank aus. Demnach wird es wohl Durst sein, der mich plagt.

Vor meinen Augen flimmert es seit geraumer Zeit und ich bin der Meinung, dass die Hitze damit nichts zu tun hat, denn hier unter meinem Strauch ist es gar nicht heiß und mein Kopf liegt zudem im Schatten. Schatten verschafft mir der dicke Hauptstamm des Strauches - oder aber ein noch dickerer Baumstamm- in zwei Schritt Entfernung - wie ich schätze. Dieser Baumstamm ragt hoch in den Himmel hinauf, ein Geäst verzweigt sich weit und trägt Blätter, die mich an mein Biologiebuch erinnern, welches ich als Dreizehn- oder Vierzehnjähriger mit hübschen Figuren vollkritzelte, weil es mich nicht interessierte, was zu den Schemata und Skizzen geschrieben stand. Auch die Lehrtexte interessierten mich nie genug, als dass ich ein guter Biologieschüler geworden wäre. Nein, dieser Baum mit seinem dürren, hoch in den Himmel ragenden Geäst und den wie verdorrt wirkenden Blättern interessiert mich auch heute noch nicht, obwohl ich seinen lateinischen Gattungsnamen vielleicht schon einmal gelesen haben mag. Ich wüsste viel lieber, ob nicht seine Wurzeln essbar wären ... ob man sie auslutschen könnte.

Dort oben blinkt die Sonne hinter einem reglos in der Luft hängenden Blatt. Natürlich hängt dieses Blatt an einem Ast, an einem Zweiglein vielmehr - ich brauche das wohl nicht weiter zu erklären, dass Blätter nicht in der Luft wachsen ... auch in dieser verdammten Gegend nicht.

Alles atmet ruhig - lautlos ... die Ameisen sind noch langsamer als ich. Ich habe sie wohl abgehängt, als ich zu diesem Strauch gekrochen bin, denn ich sehe sie nirgends. Die ganze Landschaft schläft einen fiebrigen Sommermittagsschlaf - und meine Ameisen träumen wahrscheinlich vom reichen Abendessen ...

Henry Singerton ... ganz frisch ... noch warm!

Es ärgert mich jetzt, dass ich nicht in der Nähe des Wracks geblieben bin. Wohlmöglich hat man es inzwischen gefunden und sich gesagt, dass ich -wie Geoffrey auch- in diesem verkohlten Gestell geblieben bin. Man wird zwei leere

Seiten

Buchempfehlung:

252 Seiten / Taschenbuch
EUR 10,95
164 Seiten / Taschenbuch
EUR 8,95
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise