Henry - Page 12

von Alexander Zeram
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nächsten Augenblick schon vergessen haben. Wenn man Geschäftsmann ist, hat man keine Freunde und ist auch nicht wirklich beliebt.

Verheiratet war ich nie! – Dafür haben Geschäftsleute genaugenommen keine Zeit. Und wenn sie denn doch irgendwann einmal aus einer Laune heraus einer Schönen das Ja-Wort geben, dann vielleicht eher aus dem uralten Trieb heraus, den Wissenschaftler mit dem Arterhaltungssyndrom erklären können. Männer um die Fünfzig heiraten aus Kalkül – nicht aus Liebe. Geschäftsleute sind schon Fünfzig, bevor sie richtig anfangen zu leben.

Ich will damit niemanden zu nahe treten, doch einige meiner -wie man so sagt- besten Freunde sind verheiratet, Familienväter, 'im Hafen'! Sie beschäftigen sich in ihrer Freizeit (wann hat ein guter Geschäftsmann Freizeit?) mit Kindern, Garten, Hund und Sport ... tun zumindest so, als würde ihnen das auch noch Spaß machen. Ich kenne Männer, die gehen nur zum Golfplatz, weil sie dort potenzielle 'Kunden' wittern und sich das Gespräch beim Herumgehen von einem Abschlag zum nächsten leichter angehen und fortführen lässt als an einem Tisch im Konferenzsaal.

Verdammt noch mal! Warum spielt der alte Thomas T. Burns kein Golf. Wir hätten ihn auf unseren privaten 18-Loch-Platz einladen können und wären nie in dieses Flugzeug gestiegen ... und ich wäre jetzt nicht hier!

Ich bewege meinen Arm ganz frei und es wundert mich, dass ich nicht schon früher darauf gekommen bin, mit meinen Händen die Ameisen von den Beinen zu schlagen. Die Biester beißen, ohne auf meinen Tod zu warten!

Aber noch ist es nicht so weit. Ich werde euch eine nach der anderen verschlingen!

Ich bin verrückt!

Mein Magen dreht sich um, meine Speiseröhre zieht sich noch immer zusammen, wenn ich nur daran denke, dass ich eben getan habe!

Meine Augen halte ich jetzt geschlossen, liege, obwohl es nicht bequem ist, auf der Seite und wünsche mir eine Ameisenarmee herbei, die erbarmungslos kurzen Prozess mit mir machte.

Ich will, dass es schneller geht! Hunger, Durst und Fieber sind so langsam.

Ich will, dass es schneller geht.

Es dauert zu lange ... ich kann nicht mehr!

Man wird mich gar nicht erst suchen und demzufolge auch nicht finden. Man wird zwei leere Särge ins Familiengrab hinablassen und ich werde hier diesen Flecken Erde mit meinem Kadaver verunzieren. Der schöne Baum, dieser wunderbare Strauch ... und dann solch ein hässlicher, verwesender Menschenkadaver! Ein stinkender, faulender, von Ameisen zerfressener Kadaver eines unfähigen, in der Natur zu überleben unfähigen Menschen.

Die Natur ist geschmacklos!

Der Tod liegt hinter mir - es war ein eigenartiges Erlebnis. Aber man kann angesichts des Todes nicht von einem Erlebnis sprechen. Dennoch war es eigenartig. Ich versuche mich jetzt daran zu gewöhnen, dass ich tot bin.

Um mich herum herrscht helle Finsternis; ich spüre nichts mehr, ich bestehe darin, zu denken und zu denken und zu denken.

Ich habe keinen Körper mehr - ich bin gegenstandslos geworden. Wahrscheinlich ist es die Seele, die mir geblieben ist.

In den Himmel bin ich wohl nicht gekommen, aber wenn die Hölle so aussieht, dann braucht sich eigentlich kein Sünder davor zu fürchten, mir einmal Gesellschaft zu leisten.

Allerdings muss ich bemerken, dass ich ganz alleine mit meiner vom Körper losgelösten Seele bin - andere Tote scheint es hier nicht zu geben - oder aber ich kann sie einfach nicht wahrnehmen, was mir ziemlich verständlich ist, denn wozu wäre ich sonst gestorben, wenn ich immer noch Wahrnehmungen und am Ende noch Empfindungen hätte. Hier ist alles milchig und die Schatten, die sich rechts über mir und an den Seiten zeigen, beweisen, dass ...

... nein ... es darf einfach nicht wahr sein!

Das kann man mir doch nicht antun!

Ich bin immer noch am Leben! Diese Schatten sind wieder nur dieser dicke Baumstamm und das Blätterwerk anderer Bäume. Ich muss weiter durchhalten, weiter das Ende herbeisehnen und auf die Erlösung harren! Aber ... vielleicht besteht der Tod darin, dass man immer weiter in eben dem Zustand verharrt, in dem man unbewusst gestorben ist!

Grausamer Gedanke, wenn dem wirklich so ist!

Grausame Welt, denn dann sehe ich den schlimmsten, nie endenden Qualen entgegen und kann nichts tun, sie zu beenden!

Ich würde also für alle Ewigkeiten an dieser Stelle liegen bleiben und mich abplagen, eine Ameise von der Wade zu streichen, würde von Wasser und Speisen träumen, würde meine Identität verwechseln, verlieren und wieder finden ... immer wieder und für alle Zeiten! Nein, das kann einfach nicht sein! Es darf nicht so sein!

Das ist ... kein Leben, das ist kein Dahinsiechen, kein Vegetieren ... es ist der ... ja ... der Nachtod... der Zustand nach dem Tod!

Ein Zustand grausamster Qualen, unerbittlicher Eintönigkeit, anhaltender Ausweglosigkeit!

Oh nein, das kann nicht sein - das darf nicht sein!

Warum muss ich das weiter durchmachen?

Was für einen Sinn ergibt denn das? - Habe ich nicht genug gelitten? - Muss ich weiterhin qualvoll in dieser schrecklichen Situation aushalten? Dieses Spiel der Zeiten - diese gottverdammte Dreieinigkeit - Dreigeteiltheit!

Oh nein, es ist keine Dreieinigkeit - wenn schon, dann eine Dreifaltigkeit, denn die drei Komponenten stoßen sich gegenseitig ab und können nicht zusammen oder nebeneinander bestehen.

Die Vergangenheit ist nicht mit der Gegenwart oder der Zukunft in Einklang zu bringen, die Zukunft nicht mit der Vergangenheit oder der Gegenwart - und die Gegenwart, diese liederliche Achse allen Geschehens und Innehaltens, auch sie ist nur für sich alleine denkbar - zwar aus der Vergangenheit hervorgetreten und die Zukunft hineinsickernd, aber nicht mit diesen beiden Zeiten zu vereinen.Wo jedoch beginnt die Gegenwart, wo die Vergangenheit und die Zukunft? Wo liegen die Grenzen, die ein klares Unterscheiden ermöglichten?

Ich sehe sie nicht und es erscheint mir fragwürdig, ob es solche Grenzen gibt. Sollten die Grenzen der Gegenwart gleichermaßen in der Vergangenheit und der Zukunft liegen? - Es erscheint mir fragwürdig, dass solche Grenzen zumindest für mich und in meiner Lage noch Wert haben. Meine Gegenwart ... ha ... meine Zukunft ist mir die Gegenwart und die Vergangenheit erwartet mich von Neuem in der Zukunft. Alles dreht sich in einem unerbittlichen Kreis und ich stehe mitten drin - auf einem rotierenden Scheibchen, auf dem ich festen Fuß gefasst zu haben glaube, bis mich die Zentrifugalkraft davonschleudert. Irgendwo zerschelle ich dann und meine Einzelteile kehren nach und nach an den Ausgangspunkt zurück, setzen sich wieder zusammen und das Spiel kann von Neuem beginnen.

Diese Scheibe ... was symbolisiert sie doch alles! - Immer wieder kehre ich auf sie zurück und kann mit frischer Kraft dem Lug und Trug, der Hinterhältigkeit und dem Schein begegnen.

Ich habe das alles gut durchdacht! Nein, nicht eigentlich durchdacht, denn es ist mir Stück für Stück und ganz wie von selbst zugetragen worden.

Ich bin der Meinung, dass dieses Dasein, wie ich es kennengelernt habe und immer noch kenne, nichts als schemenhafte Illusion ist. Es bleibt deshalb im Grunde gleich - gleich, wenn ich auf den Gehalt des Lebens stoßen will - und so bleibt es gleich, ob ich erlebt habe, erlebe oder erleben werde, denn alles läuft ineinander und das Leben glättet sich und so wird Erleben zur Zukunft und zur Gegenwart ... und die Vergangenheit versinkt im Strom, den der Tod zwischen die Zeiten schiebt: im Strom der Vergänglichkeit ...

E  r  l  e  b  t

Antwerpen 1975

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