Henry - Page 6

von Alexander Zeram
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auch noch etwas Sinnvolles?

Wie wär's mal zur Abwechslung mit einer plätschernden Quelle?

Reines kristallklares Wasser, welches über blanken Stein hin- wegsprudelte ... ich brauchte bloß die Hände zusammenlegen, einzutauchen, die Lippen anzusetzen und das wohlschmeckende Quellwasser aus meinen Handflächen zu schlürfen.

Ach ... wie schön wäre das jetzt ... ein Swimmingpool mit Quellwasser. Nein, ich bin unverschämt - ein Glas voll würde mir vorläufig gut reichen. Ich benehme mich ja fast wie Geoffrey. Er würde jetzt ein Gasthaus verlangen und dort zur Feier des Tages Champagner bestellen - vom Besten versteht sich - und auf diese Weise sein Überleben feiern.Aber ... ja, Geoffrey ist tot! - Ich erinnere mich noch gut daran, dass er von der einbrechenden Decke unseres Privat-Jets zerquetscht wurde, dass ihm der Kopf vom Leib gerissen wurde. Grausam ... ich mag gar nicht daran denken.

Aber ich muss!

Ich liege hier, teilweise noch an den Baumstamm gelehnt, teils schon ziemlich flach auf der Erde mit den zehn Grashalmen pro Quadratmeter - und ich muss daran denken, wie alles gewesen ist.

Geoffrey hielt sein Glas gegen das Licht und murmelte: "Ei, wie das perlt!", und dann hob er es in die Höhe und rief: "Na, dann wollen wir mal was auf uns trinken, eh, Brüderchen?" Helen und ich leerten unsere Gläser in einem Zug ...

Was bringt man uns eigentlich heutzutage auf den Schulen und auf den Universitäten bei? Chemie und Physik werden da in den Himmel der absoluten Weisheiten erhoben ... und was habe' ich davon, dass ich mir all dieses abnorme Zeug eintrichtern ließ? - Das Leben hätten sie uns lehren müssen - das Leben und die Kunst des Überlebens! Sowieso werden wir eines Tages auf die eine oder andere Art überleben wollen. Irgendwann geht dieses Affentheater mit A-, B- und C-Bomben ja doch los und dann werden auch die Chemie- und Physik-Apostel herumtanzen und ihre Weisheiten werden ihnen ebenso wenig nützen wie mir die Einsicht, dass ich nach meines Vaters Tod neben meinem Bruder Geoffrey Herrscher über ein beachtliches Imperium geworden wäre ... und da Geoffrey übrigens ja tot ist ... alleiniger Herrscher!

Wie sieht die Erdoberfläche über einer unterirdischen Quelle aus? Woran erkennt man, ob Menschen in der Nähe gewesen sind oder gewesen sein könnten?

Woran erkennt man, ob Tiere - und was für Tiere - in der Nähe sind oder gewesen sein könnten?

Was kann man in einem Wäldchen wie diesem zu sich nehmen, ohne dabei gleich zu krepieren oder sich zumindest übergeben zu müssen? Was hat man uns eigentlich auf den Lebensweg mitgegeben?

Theorien, Formeln, Schemata!

Wir wissen jetzt alles in Zahlen und Formeln auszudrücken, in Schemata einzugliedern und wiederum in Formeln und Zahlen festzuhalten. Wir können vielleicht erkennen, dass unser Gegenüber diese und jene Fehler und Qualitäten aufweist und dass er sich auf diese und jene Weise auszeichnet - oder eben gerade nicht auszeichnet, dass er diese und jene Krankheiten durchlitten hat und an dieser oder jener eventuell sogar zugrunde gehen wird oder doch zumindest könnte, diese und jene Krankheit irgendwann noch bekommen mag, wenn nicht ... aber wir können nicht sagen, was passiert, wenn ein ganz anderer plötzlich durchdreht und alles über den Haufen rennt, denn das passt nicht in unseren Lehrplan, nicht in unsere Schema-Tabelle. Es darf so etwas gewissermaßen gar nicht geben - und falls es doch einmal zu solch einer Abnormität kommt, die es nicht geben dürfte, dann schieben wir sie einfach in eine Klapsmühle ab und erklären den Betreffenden für unzurechnungsfähig oder besessen oder ... oder ...

Wir wissen alles oder doch genau so viel, um sagen zu können, dass mit jeder Antwort zwei Fragen gefunden werden.

Beispiel: Ich weiß, dass dieser Baum mit seinen Wurzeln Wasser aus dem Erdreich holt. Woran erkenne ich das? - Antwort: An dieser Stelle der Rinde, die ich eben aufgekratzt habe, denn an ihr tritt eine harzige Flüssigkeit aus. Das Holz fühlt sich feucht an. - Die beiden neuen Fragen lauten: 1. Wie bekomme ich diese Feuchtigkeit in meinen Gaumen, der sich langsam aber sicher in kratziges Sandpapier verwandelt? - 2. Wenn ich dieses Holz kauen würde und dann hinunterschluckte - wird mir dann totschlecht oder könnte ich das als Nahrungsaufnahme werten?

Egal ... das Leben lernt man jedenfalls nicht in der Schule kennen und ich glaube mich zu erinnern, dass dies auch bisher noch nie jemand allen Ernstes behauptet hätte. Trotzdem neige ich zu der Ansicht, dass dieses jahrelange Aufladen von Wissensbalast eine ziemlich unfruchtbare Beschäftigung ist. Da verbringt man fünfzehn oder mehr Jahre über Bücher gebückt und lässt sich dazu herab all das zu glauben, was einem gepredigt wird - aber praktische Verwendung findet nur ein minimaler Prozentsatz dessen. Andererseits wird wieder nur ein kleiner Prozentsatz von alledem verarbeitet, was man eigentlich lernen sollte oder doch zumindest während vieler Unterrichtsstunden so hört ... meist nebenher, ohne darauf achtzugeben. Ich bezweifle, dass gerade in diesem 'Überhörten' die Hilfen für den Lebensweg enthalten gewesen wären.

Oh nein, der Mensch ist keine gute Maschine. Gegen nichts abgehärtet denn gegen seine eigene Grausamkeit und Dummheit, unzuverlässig, launisch und obendrein noch unverhältnismäßig rasch verbraucht. Ich frage mich manchmal, ob wir überhaupt lebensberechtigt sind!

Wenn ich mich jetzt hier so betrachte, dann finde ich mich lächerlich! Darf sich ein Mensch -eines dieser angeblich so vollkommenen, wunderbaren und herrlichen Lebewesen auf dieser Erde- lächerlich finden? Nein? - Aber dann bitte: Ich liege hier in den Fetzen, die mir von meinem schönen, modischen Sommeranzug geblieben sind. In Reichweite liegt eine Damenhandtasche voll verschiedener Tabletten, die ich ohne Wasser mit meinem trockenen Gaumen gar nicht schlucken kann und in meiner Brieftasche finden Kreditkarten mit bester Bonität, um einen mehrwöchigen Luxus-Urlaub damit zu finanzieren. Meine linke Wade ist aufgebläht, als hätte mir ein hinterhältiger Dämon einen kleinen Luftballon hineingesteckt, mein Kopf trägt eine Beule - so weit man diese blutige Geschwulst noch so nennen darf - meine Schultern sind geprellt und zerschunden, zerrissen und vereitert, meine Gedanken beginnen sich immer stärker zu verwirren, und da soll ich nicht lächerlich sein? Eigentlich aber ist es ein trauriger Anblick, wie ich hier liege und über meinen Zustand lästere, die Schulen und Universitäten der Welt als Institutionen

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