Feueraugen I

von Alexander Zeram
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FEUERAUGEN  I
LESEPROBE - 1. Kapitel

-1-  Feldgespräche

Bei einer ziemlich baufällig wirkenden Steinbrücke über ein modriges Rinnsal parkt ein dunkelgrüner Mittelklassewagen. Motor und Licht sind abgeschaltet. Die Insassen starren schweigend hinaus in den dichten Nebel, der ihnen die Orientierung in dieser Gegend sehr erschwert.

Zwei oder drei Kilometer entfernt hat vor Kurzem bei einer zweiten Brücke ein anderer Wagen angehalten; eine schwere, silbergraue Limousine der gehobenen Preisklasse - von der Fahrt durch unwegsames Gelände allerdings gezeichnet. Der Fahrer hat sich mit verschränkten Armen bequem zurückgelehnt und beschäftigt sich mit einem 'hörbar' wohlschmeckenden Kaugummi.

Auf den Rücksitzen streiten sich - ebenfalls gut 'hörbar'- zwei Männer über die Zuverlässigkeit einer überdimensionalenStraßenkarte, die sie ausgebreitet auf ihren Knien liegen haben.

"Wo sollen wir sein?", empört sich der eine. Er gestikuliert nervös mit beiden Händen. Immer wieder versucht er dabei eine besonders widerspenstige Haarsträhne unter seine kleine Schildmütze mit dem auffälligen Aufdruck 'J J B' zu stecken.

"Mein lieber Alexej, mein lieber Herr Zeramov. Ihre Erkenntnisse in Ehren, aber wir sind natürlich hier!"

"Da?" Der Angesprochene schlägt die Hände zusammen. Belustigt rückt er seine zierliche Brille auf dem Nasenrücken zurecht. Er tut dies ganz gelassen. Die Hektik seines Nebenmannes ist ihm fremd. "Und wo, bitte, sehen Sie hier eine Kreuzung, Mr. Baldwin?"

Spöttisches Gelächter folgt.

"Siehst Du eine Kreuzung, Cassius?", fragt Baldwin den Fahrer vor sich.

Ein müdes Achselzucken scheint die vermutete Antwort gewesen zu sein, denn ohne eine weitere Reaktion abzuwarten, spähen die beiden -jeder auf seiner Seite- hinaus in den Nebel.

"Lachhaft, Chef! Keine Kreuzung weit und breit! Und der Weg, den wir genommen haben, kann auch nicht dieses Sträßchen auf der Karte sein ... mit Verlaub!", erklärt Zeramov, der jüngere der beiden Männer auf der Rückbank. Nach einer kurzen Pause dann: "Nebel, nichts als Nebel! Er drückt sich noch etwas näher an die Fensterscheibe und versucht irgendeinen markanten Anhaltspunkt zu bestimmen, der ihnen die Orientierung auf der Karte erleichtern würde. Durch seinen Atem beschlagen die Scheiben, sodass er schließlich überhaupt nichts mehr draußen erkennen kann. Kurzerhand öffnet er die Wagentüre und beugt sich hinaus. "So eine Suppe! - Keine zehn Meter weit sieht man!"

Erstaunlicherweise dringt durch die offene Türe sofort Nebel ins Wageninnere.

"Verdammt noch mal!" Baldwin versetzt Zeramov einen Stoß. "Wozu hab' ich denn dem Signore diesen Wagen vor der Nase weggeschnappt? - Weil der Ford keine Klimaanlage hat! Also Tür zu!"

"Der Signore hat bestimmt keinen Nachteil davon, Chef. Unsere Klimaanlage funktioniert wahrscheinlich schon seit Jahren nur noch dann, wenn es ihr passt!"

"Auf der Probefahrt war alles OK! Stimmt's, Cassius!"

"OK!" Der Fahrer nickt nur.

"Ist ja auch egal, Chef! Ich hab' durch die Scheibe nichts mehr gesehen und wollte eigentlich nur nach Rodolphe Ausschauhalten."

"Der sucht die anderen. Wäre er in der Nähe, müsste man den Motor seiner Maschine hören. Also bitte, Alexej, mein Bester: Türe zu!"

"Schon gut, schon gut!" Zeramov gehorcht und spielt den Beleidigten.

Cassius -ein athletisch gebauter Farbiger, der Baldwins Launen schon seit einigen Jahren gewöhnt ist- kurbelt gerade in diesem Augenblick das Fenster an der Fahrerseite herunter. Mit einem Knall spukt er seinen gewaltigen Kaugummibatzen ins Freie.

"Cassius, zum Teufel noch mal!" Baldwin ist außer sich. Mit einem Ruck reißt er sich die Schildmütze vom Kopf und beginnt damit auf seinen Fahrer einzuschlagen. "Fenster zu oder ich ...!"

Cassius kennt die hysterischen Qualitäten seines Chefs zu lange und zu gut, um nicht sofort zu reagieren. Er weiß, wie dieser kleine, reichlich übergewichtige Mann sich aufregt, wenn er seinen Willen nicht bekommt. Mit einem knappen, nicht unbedingt respektvollen 'OK!' kurbelt er das Fenster wieder hoch. Danach holt er eine Packung Kaugummi aus einer der zahllosenTaschen an seinem hellblauen, eng geschnittenen Overall und schält gedankenlos Streifen um Streifen aus dem Silberpapier.

"Ach, wenn er nicht solch ein vortrefflicher Kameramann wäre, ich hätt' ihn schon hundertmal gefeuert."

Zeramov verbeißt sich ein Grinsen.

Etwas später hat sich Baldwin beruhigt und studiert wieder angestrengt die Straßenkarte. Leise vor sich hin murmelnd verfolgt er mit dem Zeigefinger die 'bisherige Route' und versucht ihren Standort neu zu bestimmen. Erst als Zeramov erklärt, dass er 'draußen ein Licht' entdeckt habe, sieht er wieder auf.

"Ein Licht? Dann müsste Rodolphe zurück sein."

"Wer sonst, Chef."

Durchs Heckfenster können sie schwach einen flackernden Schein im Nebel ausmachen. Als Zeramov -alle Warnungen Baldwins missachtend- die Wagentüre an seiner Seite einen Spalt weit öffnet, wird das tiefe Brummen eines schweren Motorrades vernehmbar.

"Ja, das ist er." Baldwin faltet die Karte ungeschickt und nur notdürftig zusammen. Mit einem riesigen Taschentuch trocknet er sich den Schweiß von der Stirne. Die Warterei und die verzweifelte Suche auf der Karte haben ihn sichtlich angestrengt. Jetzt aber kehrt Rodolphe zurück und das verleiht ihm Auftrieb.

"Lass mal den Motor an, Cassius! Und Licht, damit er uns nicht verpasst." Baldwin öffnet jetzt selbst die Türe an seiner Seite und späht ins Freie. Sofort dringen dichte Nebelschwaden ins Wageninnere und er verlässt schimpfend seinen Platz.

Kurz darauf steht er einer gedrungenen Gestalt im glänzenden Lederkostüm gegenüber.

"Und?", fragt Baldwin ungeduldig, doch Rodolphe hat seinen Sturzhelm noch nicht abgenommen und kann nichts hören.

"Und?", drängt auch Zeramov von der anderen Seite des Wagens her.

Endlich nimmt Rodolphe den Helm ab. Er deponiert ihn vorläufig auf dem Wagendach und beginnt erst einmal kräftig zu husten. Sein ziemlich kurzgeschnittenes, borstiges Haar zeigt, wie heiß es ihm in seinem Helm geworden ist. Sein Gesicht ist schweißüberströmt, Stirn und Wangen stark gerötet. - Die kleinen, hellen Augen funkeln dabei in gewohnter Weise ... angriffslustig!

"Und?" Baldwin steht nicht ruhig da, er zappelt hin und her.

"So 'ne Waschküche!", knurrt der Motorradfahrer und trocknet sich mit einem Tuch das Gesicht. "Komm' mir vor wie gebadet! Eine Hitze ist das hier drin! Schlechte Qualität dieser Anzug. Zu wenig Luftaustausch. Das war 's letzte Sonderangebot, das ich mir von ihnen hab' aufschwatzen lassen, Chef."

"Was ist denn, Rodolphe? Wollen Sie uns Vorträge über die Vor- und Nachteile ihres Outfits halten?"

"Ihnen scheint was über die Leber gelaufen zu sein, Chef, wie?"

"Zum Teufel ... haben Sie die anderen gefunden?"

"Klar. Da hinten!" erwidert Rodolphe gelassen und deutet in die Richtung, in der er 'die Anderen' weiß.

"Und da steht der Kerl ruhig vor mir und erzählt von seinem Anzug! Ich würd' am liebsten ..." Baldwin stampft mit dem Fuß

Cover zum Roman "Feueraugen I"

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