Civellinis Nacht

von Alexander Zeram
Aus der Bibliothek

Civellini spielte Chopin.

Wir saßen draußen auf der Terrasse, verwöhnt von sommerlicher Nachtluft, warmer Feuchtigkeit und dem weichen Klang des Steinway-Flügels, auf den unser Gastgeber eben so stolz war, wie auf seine Bekanntschaft mit dem Mann, dessen Namen ich vor zwei Tagen noch nicht gekannt hatte.

"Eigenartig, dass ich noch nie etwas von Civellini gehört habe. Ich halte doch im Bezug auf Musik Augen und Ohren offen!", erklärte ich nach einer ersten, unglaublich ausdrucksvoll gespielten Nocturne. Meine Nachbarin beugte sich etwas zu mir herüber, lächelte mitleidig und seufzte: "Er ist kein Konzertpianist."

Aber es klang wie 'Und Sie wollen etwas von Musik verstehen?', und ich zweifelte an meiner Kompetenz.

Ich setzte mich für den melancholischen Walzer, den der Maestro eben anspielte, näher zum Flügel, auch wollte ich seine Hände über den Tasten sehen. Mein Blick fiel, als ich mich erhob, auf unseren Gastgeber, der völlig versunken und mit geschlossenen Augen in einem der bequemen Gartensessel mehr lag als saß und die Musik geradezu in sich einatmete, wie es mir erschien.

'Vorsichtig, nur keinen Lärm machen', sagte ich mir. Vorsichtig ging ich auf einen leeren Sessel zu und setzte mich hinein.

Civellini drehte sich auf seinem Hocker hin und her, wiegte den Oberkörper und warf den Kopf zurück, dann verkroch er sich mit seiner gesamten Gestalt geradezu in die Tastatur des Instrumentes. Einmal blitzten seine Augen auf, als er gerade in meine Richtung gesehen haben musste, und das traf mich wie ein Strahl der Verdammung. Wohin war ich hier gelangt? Was waren das für Menschen, die mich plötzlich befremdeten, obwohl ich sie noch beim Diner meine guten Bekannten genannt hätte, wäre ich danach gefragt worden. Ich drehte mich um und hatte fast alle Gäste vor mir. Ein jeder lag in einem Sessel oder auf einer Bank, manche in Trance eng umschlungen ohne es zu bemerken, andere in berauschender Seligkeit aneinander gelehnt und den Blick ins Leere, auf nichts gerichtet, obwohl die Augen geöffnet waren. Ich stellte diesen beseelten Gesichtsausdruck bei allen Anwesenden fest und vergaß darüber eigentlich auf die Musik zu hören, die mir von meiner frühen Kindheit an als eine der Liebsten viele Stunden meines Lebens verschönert und erfüllt hatte.

Ich wandte mich wieder dem Meister zu und lehnte mich in meinem Sessel zurück, um mich in aller Bequemlichkeit auf diese göttlichen Klänge konzentrieren zu können.

Nach einem Scherzo und der Berceuse war ich mir meines Urteils sicher, und obwohl ich allein davon ausgehen konnte, wie sein Spiel auf mich wirkte und wie es im Vergleich mit den Größen, die ich bereits 'Live' gesehen oder auf Schallplatte gehört hatte, bestand oder eben nicht bestand, ich glaubte dennoch sagen zu dürfen, dass dieser Mann der beeindruckendste Chopin-Interpret war, den man sich vorstellen konnte. Und ich wurde in dieser unausgesprochenen Feststellung noch bestärkt, als er sich für einen Moment sammelte, dann mit vergeistigtem Blick über die Tasten strich und sich an die grandiose 2. Sonate des unübertrefflichen Melancholikers wagte.

Civellini mochte etwa fünfzig Jahre als sein, so hatte mir vor dem Diner meine Bekannte erklärt. Er sah jedoch älter aus, was vielleicht der gebückten Gestalt und dem fispeligen, grauen Haar zuzuschreiben war. Eine kleine Drahtbrille, wie man sie von Bildern aus alter Zeit her kennt und wie sie gerade wieder in Mode kam, verunzierte sein Gesicht noch um Beträchtliches, doch zum Spielen benötigte er keine Noten und also auch keine Brille. Sich zurückbeugend und im Takt den ganzen Körper kreisen lassend, hüpfend und diabolisch dabei grinsend, mit funkelnden oder traurigen Augen, mit saglos weltfremder Miene, dabei mit kriegerischer Selbstsicherheit auf seinem Hocker herumschlingernd - so hatte ich ihn während der ersten beiden Sätze dieser bedrückendsten aller Pianosonaten von Chopin vor mir.

Dann folgte der berühmte 'Trauermarsch' und hier bewies Civellini, dass er mehr als nur ein Pianist, mehr als nur ein genialer Interpret zu nennen war. Unter seinen begnadeten Händen wandelte sich das ohnehin ergreifende Stück zu einer Apotheose des Leides und der elysischen Sehnsucht, der Seligkeit und Vollendung, wie man sie sich als Mensch kaum je zu erhoffen wagen könnte. Das Marschthema donnerte über mich hinweg und presste mich gegen mein Sesselpolster, zermürbte mir mein Herz und bereitete mir schließlich Kopfschmerzen, sodass in mir eine beklemmende Hitze ausbrach und ich gerne davongerannt wäre, versucht hätte, dieser Todesmusik zu entkommen. Mauern der Voreingenommenheit stürzten in sich zusammen und gaben den Blick frei auf ein Meer von Totengebeinen. Überall war Blut und Leid, Trauer und Schmerz – ganze Prozessionen von in Gram darbenden Menschen, deren einziger Lebensinhalt der zu sein schien, sich in Trauer und Leid aufzureiben. Meine Überzeugung, dass in jedem schlechten Moment des Daseins auch eine Kehrseite der Medaille -etwas Gutes- zu suchen sei, war wie weggewischt. Ich sah nur noch schwarze Nacht, in der sich die Lichter eines Leichenzuges quälend langsam voranbewegten.

Doch da beruhigte sich die Anklage gegen mich und schmerzliches Glück übermannte mich, als das himmlisch schöne Trio, dieser Mittelteil des Satzes, begann.

Civellini selbst liefen Schweiß und Tränen in dicken Bächen über die im Schein der dezenten Beleuchtung dunkle Haut und ich bemerkte es nicht nebenbei, sondern es war mir, als sei ich ein Teil dieser Tränen, ein Teil dieses Schweißes einer übermenschlichen Anstrengung. Alle tiefen Empfindungen der Welt brachte diese Musik zum Ausdruck, alle Erleichterung und alle Hoffnung. Es war mir, als könnte ich auf einem Boot den riesigen Fluss der Gefühle hinunter paddelnd, die der Meister durch sein Spiel in mir auslöste. Ich paddelte und paddelte ... immer weiter, bis zur völligen Aufgabe meines Selbst, bis zur Umkehr aller Gefühle in sich und bis zum Ende aller Gedanken. Civellini streichelte die Tasten und mit jeder Berührung seiner Fingerspitzen flog ein Bote der Glückseligkeit von den Tasten auf – wie weiße Tauben, die Frieden und Liebe verkünden sollten.

Kaum hatte ich mich wieder gefunden und glaubte mich in gewohnter Weise für diese Musik zu begeistern, als der Meister sich wild aufbäumte und den donnernden Trauermarsch erneut erklingen ließ. Hatte er eben noch wie ein schnurrender Kater über die Tastatur gestrichen, schlug er jetzt darauf ein wie ein wildes Tier.

Ich fand mich ein zweites Mal zermalmt von der Wucht des Klangs und ich sah die verschiedensten assoziativen Bilder vor mir, während alles andere um mich herum verschwand und mein Herz, wie zum Bersten bereit, wild pochte und dann stockte - wieder raste und erneut pausierte.

Ich lag ermattet und kaum noch aufnahmefähig da, als Civellini das kurze, seltsam diabolische Finale anspielte. Diese wirren Klänge zerschmetterten mich vollends, weil sie wie Hohngelächter an meine Ohren drangen und es mir schien, als tanzten lauter kichernde Dämonen um meinen Sessel herum und freuten sich des Sieges, den die Gewaltigkeit des dritten Satzes über mich errungen hatte. Noch ein paar Takte, dann endete die Sonate in einem mächtigen, dabei irgendwie vom Fluss der Melodik her unerwarteten Lauf und mit dem abschließenden Ton brach ich innerlich zusammen. Ich ließ den Kopf entkräftet auf die Brust sinken.

 

Es kam mir wie eine Stunde vor, dass ich regungslos da in meinem Sessel lag und schwer atmete. Aber es war still, nur entferntes Zirpen der Grillen setzte plötzlich ein und ein Gefühl machte sich mit der Zeit in mir breit, das zwischen Übelkeit und Wiederaufbau meiner selbst lag. Irgendetwas in mir selbst sprach mir Mut zu. Und schließlich öffnete ich die Augen.

Civellini saß zusammengesunken auf seinem Hocker, die Arme zwischen den gespreizten Beinen durchhängen lassend, den Blick vor sich hin auf den Boden gerichtet, ohne sehen zu wollen.

Ich wandte mich vorsichtig nach den Gästen um.

Einige saßen da und trockneten sich den Schweiß von der Stirne oder Tränen aus den Augen, andere erweckten den gleichen teilnahmslosen, niedergeschlagenen Eindruck wie Civellini selbst.

War er wie ein hungriger Wolf an das Werk gegangen, so wirkte er jetzt eher wie das gerade noch einmal davon gekommene gejagte Opfer. Entkräftet, abgehetzt und ohne jegliche Möglichkeit, noch etwas zuzusetzen.

Er spielte später noch andere Stücke - nicht nur Chopin, auch kleine Stücke von Beethoven, Mozart und Schubert - aber nichts berührte mich mehr. Der Zauber war verflogen, er hielt mich nicht mehr in seinem Bann und sein Spiel erschien mir nur noch als mittelmäßig.

Was war geschehen?

Wie hatte mich ein Stück so niederschmettern können, das ich in meinem Leben sicher an die fünfzig Mal schon aufmerksam angehört hatte? Ich schrieb dieses Phänomen natürlich dem Pianisten zu, seiner Genialität und seiner Interpretationskunst – auch meiner momentanen Aufnahmefähigkeit und meiner Stimmung. Doch in meiner Ungeduld, mehr über diesen Mann zu erfahren, dessen Name mir bisher nichts gesagt hatte, fragte ich unter den Anwesenden herum.

Einer meiner Bekannten, dem ich von meinem Erlebnis erzählte, erklärte mir dann, warum man von Civellini nie mehr hören wird, als das, was ich in dieser Erzählung berichtet habe.

"Er spielt sich in 'Trance'. Aber er kann das nicht von sich aus, er kann es nicht wollen ... nicht steuern, sondern sein Innerstes gibt den Ansporn und den Anlass. Du hast selbst erlebt, wie er spielt, wenn ihm sein Genius gewogen ist. Er fährt dann aus sich heraus und übertrifft alles
Dagewesene."

Ein andermal habe ich ihn auf einer Abendgesellschaft eben jene b-moll Sonate Chopins mit dem 'Trauermarsch' spielen gehört. Ich war weder ergriffen noch erstaunt. Er interpretierte das Werk so, wie es viele virtuose Künstler können, und das überzeugte mich von der Richtigkeit der Definition meines Bekannten.

Heute zehre ich von der Erinnerung an jenes eine Mal, da ich Civellini so erlebt habe, wie ihn nur wenige erleben dürfen. Es war eine Nacht, die in göttlicher Verklärung meinem Gedächtnis eingeprägt bleibt:

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