Henry - Page 2

von Alexander Zeram
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Einfluss und weithin bekannt. Es bedeutete eben einiges, wenn man Singerton hieß - denn dann gehörte man dem Clan an, dessen Name durch 'Singerton & Sons' jeden zweiten Tag in allen möglichen Zeitungen genannt wurde. Unser Firmenzeichen war dem braven Durchschnittsbürger so bekannt, wie unseres Vaters Tüchtigkeit und Finanzgenie in Geschäftskreisen berühmt. Leider hinderte ihn die eine oder andere Krankheit in letzter Zeit des Öfteren daran, seinen Verpflichtungen nachzugehen, aber dafür hatte er ja seine Söhne - mich und ... in erster Linie ... Geoffrey. Und wir durften wirklich behaupten, sein Erbe gut zu vertreten, denn die Schule, die wir ...

Plötzlich fuhr ich aus meinem Nickerchen auf. Mit einem Mal dachte ich nicht mehr daran, meine Überlegungen fortzuführen. Ein dumpfer Knall hatte mich aufschrecken lassen - ein Geräusch, welches entfernte Ähnlichkeit mit dem Knall eines aus der Flasche springenden Champagnerkorkens besaß.

Ich wandte mich nach meinem Bruder um. - Nein, er hatte keine neue Flasche entkorkt. Er döste brummelnd vor sich hin und atmete dabei schwer. Auch Helen war eingenickt. Die Hitze machte uns allen zu schaffen, lastete drückend auf uns. Ich musste mich getäuscht haben.

Helen ... ja, sie war doch ein interessantes Stück Weiblichkeit.

Ihre Figur verbarg sie -zumindest im Winter- unter dicken Pullis und weiten, dafür aber elegant geschnittenen Jacken ... vielleicht wirkte sie deshalb weniger 'sexy' als Nora, die Privatsekretärin unseres Geschäftsführers in der Zentrale. Aber Helen ...

Da war schon wieder dieser durchdringende Laut, mit dem ich nichts anzufangen wusste. Ich fragte mich, was das zu bedeuten haben mochte.

Mit einem Druck aufs Knöpfchen schaltete ich das Bordsprechgerät ein und fragte Joseph, ob er etwas bemerkt hätte.

"Nein, Mr. Singerton. Ich habe nichts gehört ... bei mir ist alles ruhig. Ich kann mir nicht denken, was gewesen sein soll."

So musste ich mich wohl getäuscht haben.

Wieder lehnte ich mich in meinen Sessel zurück, nahm dabei eine Zeitschrift von der Ablage neben mir - denn ich wollte nicht mehr weiterdösen. Leider musste ich rasch feststellen, dass ich sie bereits gestern gelesen hatte. Die Tageszeitung war beim Frühstück überflogen worden ... fürs Feuilleton fühlte ich mich nicht aufnahmefähig genug.

Was tun?

Helen und mein Bruder schliefen offenbar ... ich war alleine mit mir und meinem schweren Kopf. So als ob ich zum ersten Mal in unserer Privatmaschine geflogen wäre, sah ich mich nun um und wunderte mich -wohl nicht zum ersten Mal- darüber, an welche Annehmlichkeiten unser Vater bei der Einrichtung dieses Transportmittels gedacht hatte. Wäre die Türe zum Cockpit nicht gewesen, man hätte sich in einem luxuriösen, aber natürlich zu schmalen Wohnzimmer wähnen mögen. Man hätte vergessen können, wo man sich befand. Alleine diese eine Türe und vielleicht auch die Form der Fenster wies einen auf die Wirklichkeit hin. Dass es da ein Cockpit gab, in dem Joseph vor blinkenden Knöpfchen, leuchteten Armaturen und Schaltern saß, hätte man ..."

Aber da war doch ein Geräusch!

Jetzt erinnerte mich es an viele Champagnerflaschen, die nahezu gleichzeitig entkorkt werden - wie ein Trommelfeuer klang das. Ich fragte erneut bei Joseph an, ob er das auch gehört hätte.

"Ein kleiner Defekt ... es klappert ein wenig, Mr. Singerton. Kein Grund zur Aufregung!", erklärte Joseph, doch der Tonfall seiner Stimme gefiel mir ganz und gar nicht. Wollte er uns nur nicht aufregen - war etwas geschehen? - Kein kleiner, sondern ein schwerer Defekt?

"Joseph ... sagen sie mir, was los ist!", verlangte ich - und ich schlug dazu den Befehlston an, dessen ich mich bediene, wenn ich etwas erreichen will.

"Nichts weiter ... Mr. Singerton", antwortete er in demselben, mich beunruhigenden Tonfall.

"Ja, aber, da ist doch was, Joseph." Ich wurde ungehalten.

"Nur ein kleiner ..."

Weiter kam er nicht.

Ein Donnern riss mich herum und zugleich vollführte das Flugzeug einen erschreckenden Satz in die Höhe, um dann sofort wieder in die Tiefe zu stürzen. Alles dauerte kaum mehr als drei oder vier Sekunden ... dann war es wieder ruhig und die Maschine wirkte ungefährdet und sicher wie sonst.

"Und ... das eben, Joseph? - War das auch ... nur ein kleiner Defekt?" schrie ich in die Sprechmuschel.

"Ein ... ein Luft- ... Luftloch, Sir!", brachte Joseph nur stammelnd hervor.

"Ein Luftloch? - Und da donnert es?", empörte ich mich.

"Es war wirklich nur ein ...", aber das Flugzeug setzte schon wieder zu einem Hochsprung an. Diesmal klappte es jedoch auf die rechte Seite um, und da wir alle drei nicht angeschnallt waren, purzelten wir augenblicklich durcheinander. Der Eiskübel, leere und volle Champagnerflaschen flogen durch die Luft und Geoffrey wurde von einer Lawine von Schriften, Akten und sonstigen Papieren überschüttet. anschließend wurde es nochmals ruhig.

"Herrgott, was war das denn nur?", schrie ich aus mir heraus und ich bekam es mit der Angst zu tun. Hier stimmte etwas nicht!

"Dieser Joseph hat sie wohl nicht mehr alle, heh?", lallte Geoffrey, dem die letzten Gläschen während des Fluges offensichtlich den Rest gegeben hatten, zumal er auch schon zum Mittagessen kräftig einem schweren französischen Rotwein zugesprochen hatte. Die Hitze jetzt ... er war völlig betrunken und begriff den Ernst der Lage nicht. "Dreht Loopings, der Junge ... wohl verrückt. Da wird's mir ganz anders, haha!"

"Setz Du dich hin!", wies ich ihn zurecht, denn schon der Anblick meines herumtorkelnden Bruders brachte mich nahe an den Rand eines Wutausbruches. Nach seinen Scherzen war mir jetzt wirklich nicht zumute.

"Aber Henry ... warum denn so böse ...?"

"Mein Gott, Henry ... da ... da ... draußen!" Helens Stimme überschlug sich und ihr ausgestreckter Arm bebte vor Aufregung ... und Schrecken.

Ich sprang zu ihr und sah aus dem Fenster, vor welchem sie hockte.

Der linke Motor rauchte - brodelnd quollen schwarze Wolken hervor und flatterten davon. Und ... jetzt züngelten ein paar Flammen auf - eine weitere Explosion schleuderte mich davon.

"Joseph ... landen sie!", schrie ich, als ich mich wieder aufgerafft hatte. "Herrgott ... landen sie doch!"

"Ich bin seit einiger Zeit dabei, einen Notlandeplatz zu suchen, Sir!", gab der tapfere Pilot jetzt mit fester, gefasster Stimme zur Antwort.

"Schnallt euch an!", schrie ich Helen und Geoffrey im nächsten Augenblick zu. Ein Rütteln durchschüttelte mich, sodass ich annehmen musste, Joseph hätte die Maschine schon längst in Bodennähe gebracht und setzte eben zur Landung an.

Helen nahm

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