Neue Blüten

von Tanja Grün
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Lina nahm die verwelkten Amaryllis aus der Vase, öffnete die Terrassentür und warf sie mitsamt der Wurzel in den Kompost am Gartenzaun.
Der Frühling hatte lange auf sich warten lassen, jetzt sprießten erste Krokusse und Tulpen. Der Rasen würde sicher schon bald wieder gemäht werden müssen, besprenkelt in der Trockenheit. Bald würde sie die Oleanderkübel aus dem Gewächshaus holen, die Tomaten reifen sehen, schwimmen gehen im See, auf ihrem Körper die bleichen Gegenstücke des Bikinis sehen. Mit Leo und den Kindern abends im Biergarten sitzen. Aber noch war es nicht so weit.
Leo war am Morgen aus dem Haus gegangen. Natürlich gönnte er ihr ihren freien Tag. Sie stand lange vor dem Spiegel, dann lange am Fenster. Etwas hatte sich verändert in ihrem Gesicht. Sie war jetzt in den 50ern, sie würde bald eine alte Frau sein. Sie untersuchte die grauen Ecken, die unter ihrer Haartönung herausgewachsen waren. Sie sah sich ins Gesicht und entdeckte Furchen vom Lachen und andere Furchen vom Traurigsein. Sie begrüßte sich selbst an diesem Morgen.
Dann das Yoga. Ihre Knochen knackten, ihre Sehnen streckten sich unter Schmerzen. Sie erinnerte sich an diesem Morgen an die Turnstunden ihrer Kindheit auf dem Schwebebalken, beim Handstand Überschlag und am Reck. Lange her.
Dann ging sie in die Küche, machte sich einen ersten Espresso lungo, mit Crema, an der Kaffeemaschine. Aß Joghurt mit Früchten, um ihre Figur zu schonen, und las nebenbei ein wenig Zeitung.
Dann ging sie aus dem Haus, zum Flughafen, konnte einen Flug buchen, hob eine Stunde später ab nach Teneriffa.
Sie wird noch immer als vermisst geführt.

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