Was woran liegt

von Alf Glocker
Mitglied

Manchmal, zum Beispiel wenn es draußen regnet, bekomme ich meine ganz bestimmten „Zustände“. Dann wünsche ich mir, es möge an der Wohnungstüre klingeln. Ich stelle mir vor, dort vor der Türe stünde ein Überraschungsgast. Dieser Gast, der zwar mich kennt, den ich aber noch nicht kenne, hat die Kraft, mein Leben zu verändern.

Es könnte, der Einfachheit halber, eine ungeheuer attraktive und sympathische Frau sein, die zu mir, nur meinetwegen käme, aus reiner Freude sozusagen. Sie könnte hereinkommen, sich ohne vorherige Forderungen ihrerseits ausziehen und mir (sich natürlich auch) ein paar vergnügliche Stunden bereiten. Dadurch könnte ich vielleicht wieder an die Schönheit der Welt glauben. Aber ich weiß, daß die Welt nicht nur ganz einfach schön, sondern hauptsächlich schwierig ist – daß alles seinen Preis hat. Deshalb verwerfe ich diesen verführerischen Wunschtraum wieder.

Nun entsteht, Kraft meiner Phantasie, ein neuer, bislang unbekannter Freund, oder Gönner, in Gedanken, schemenhaft vor der Türe. Er hat sich vorgenommen, mit mir alle Anforderungen der Zeit zu meistern. Er ist trotz seiner Jugend bereits ungeheuer erfahren – was seine angeborene Intelligenz ideal ergänzt. Er ist mir intellektuell, sowie körperlich, himmelweit überlegen, lässt mich dies aber nicht spüren. Großherzig nimmt er mich mit, auf seinem Weg der lösbaren Probleme.

Er weiß immer Rat. Wo eine Unsicherheit auftaucht, bei der ich keine Lösung mehr finde, stellt er sich vor mich. Mit einer sagenhaften Idee, mit seinem unerschütterlich selbstbewussten Auftreten, mit seiner maschinenartig zuverlässigen Genialität erobert er für uns (für mich) Güter und Herzen. Bald können wir sogar alle Anfechtungen der Realität von uns fernhalten. Keine Macht der Erde ist stark genug, uns (ihn) zu besiegen.

Aber in diesem Augenblick fällt es mir wieder ein: ich spinne! Einen solchen Menschen gibt es gar nicht und wenn es jetzt klingeln würde, stünde nur ein jämmerlicher Abklatsch meiner eigenen Person vor der Türe – meine Unfähigkeit nämlich, ohne Geld mit den täglich auftauchenden Unebenheiten der Realität fertig zu werden. Vielleicht stünde ich als Häufchen Elend gleich zweimal da. Die Unfähigkeit Geld zu verdienen, welches ich für die Abwendung von Notsituationen in der Gegenwart bräuchte, hätte sich wahrscheinlich gleich noch mit personifiziert.

Das Ganze könnte ich mir aber auch anders vorstellen. Einfacher, wenngleich nicht weniger treffend. Niemand stünde vor der Türe, wenn es jetzt klingeln würde, nur mein leerer Geldbeutel läge auf dem Fußabstreifer. Er läge da, als Mahnmal zu meiner Ernüchterung.

Phantasie hin, Phantasie her – es steht wahrscheinlich tatsächlich jemand vor der Türe. Die Angst steht davor! Die Angst vor der Nichterfüllung meiner Träume, in denen ich mich stets als Gewinner eines erlebenswerten Lebens sehe. Daneben steht die Angst vor dem Altern, die, als Ausgeburt ihrer selbst, als ihr Kind sozusagen, die Furcht, ein Trottel zu sein, der nichts Aufbauendes erlebt hat, an der Hand hält. Eine kleine Familie der Alpträume also, die herein möchte also.

Aber ich bin plötzlich nicht mehr da. Ich bin geflohen, dorthin, wo die Palmen des Entzückens unter einem Himmel herrlichen Friedens wachsen, auf einem fremden Stern, auf dem alles gutgeht. Eine gerechte Welt hüllt mich ein. Eine Welt ohne Naturgesetze. Ich spüre es: Niemand darf mich fragen, ob ich schon dafür bezahlt hätte, geboren worden zu sein. Materielle Mittel spielen einfach keine Rolle, oder sie werden nur für aufrichtige Gefühle und für Kreativität entrichtet. Davon habe ich ja genug. Mir kann nichts passieren – ich befinde mich wohl!

Da klingelt es wirklich an der Türe. Zuerst höre ich es gar nicht, doch schließlich gestehe ich es mir ein und raffe mich auf. Ich gehe hin. Ich spähe durch den Spion. Es ist nichts zu sehen. „Aha, ein Scherz“, denke ich. Einer meiner Bekannten hat meine entschlusslose Verlassenheit gerochen und ist gekommen, weil er sich ein Späßchen mit mir erlauben will. Gleich tritt er ein, gleich fragt er mich, ob irgendwo etwas ansteht. Gleich gehen wir gemütlich ein Bierchen trinken: gleich habe ich meine Schwierigkeiten vergessen.

Obwohl ich niemanden vor der Türe entdecken kann, klingelt es noch einmal. Mein Mund grinst so breit, daß es beinahe schon weh tut, als ich die Klinke runterdrücke und einen Schritt in den Hausflur mache. Leider schrumpft mein Grinsen schlagartig zu einem spitzen „O“ zusammen. Wer mich da besuchen will, ist niemand anderes als mein schlechtes Gewissen. Mit unzähligen Gesichtern flimmert es gespenstisch, im Halbdunkel des summenden Schlauches herum, der übersät ist von anderen Wohnungstüren.

Die Situation ist mir peinlich! Wenn die Nachbarn mein schlechtes Gewissen sehen, werden sie es sofort ausschlachten. Ich kann es nur schnell hereinbitten. Während ich das tue, bemerke ich, wie ich ein weiteres graues Haar bekomme.

Zum Glück wird es endlich dunkel. Vielleicht beruhigt mich das ein wenig. Mein schlechtes Gewissen hat inzwischen neben meinem leeren Geldbeutel Platz genommen. Auf dem Wohnzimmertisch liegen ein paar vergeudete Jahre herum. Ich schäme mich wegen der Unordnung. In einen solchen Sauhaufen kann ich doch niemanden einladen. „Hoffentlich fallen nicht noch meine tausend Fehler aus dem Schrank“, fürchte ich mich. „Wenn ich die nun auch noch zu Gesicht kriege, ist es aus mit mir."

Nach mehreren Schweißausbrüchen habe ich mich glücklicherweise etwas gefangen. Es zieht mich magisch-magnetisch in die Küche, wo ich noch eine Kerze versteckt habe. Die nehme ich mit ins Wohnzimmer. Zwischen den vergeudeten Jahren, im Gesichtsfeld meines schlechten Gewissens, baue ich sie auf. Mit dem leeren Geldbeutel male ich daraufhin beschwörende Zeichen in die Luft und entzünde mit einem Streichholz aus einer mattgrünen Schachtel (= verhaltene Hoffnung) den stocksteifen Docht.

Wenn nun die Nacht anbricht, sitze ich wenigstens nicht allein in einem heillosen Durcheinander aus unbewältigten Daseinsfragen. Ein wahrer Freund ist bei mir, mein schlechtes Gewissen. Es wird mir die Kraft geben, die ich für den morgigen, den übermorgigen und für sämtliche weiteren Tage benötige. Es ist die Kraft, die Berge versetzen und Menschen in Bewegung bringen kann. Das wird mir, Stunde für Stunde, die süße Lüge, die jeder halbwegs praktisch veranlagte Mensch zum Überleben braucht, ins Ohr flüstern. Die süße Lüge, die da lautet: Es liegt nur an dir, mein Freund, wenn du im Leben nichts erreichst – einzig und allein nur an dir!

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Kommentare

10. Mär 2019

Ein sehr guter Essay; mit Spannung und wachsender Begeisterung gelesen. Vom Thema her m.E. nicht zu überbieten.

Liebe Grüße,
Annelie