Nächtelauf

Bild von theowleman
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Immer wenn sich die langen Stunden des Tages zu Ende neigen und die von einem Ort zum anderen hetzenden Menschen sich in ihre Häuser zurückziehen, da kommt in mir eine merkwürdige Unruhe auf. Nichts hält mich mehr in den Zimmern, denn ich muss hinaus. Ich brauche die Konfrontation mit dem was draußen ist. Auf den Straßen setzt der dumpfe Lichtkegel der Laternen ein und wirft das Licht bis an die Blumenbeete zurück. Dahinter ruhen die Felder in heiliger Stille. Was muss das für ein Mensch sein, der die Dunkelheit und Einsamkeit der Nacht sucht und nur das Rauschen des Windes und die Radierungen der tief in Schwarz gehüllten Landschaft für seine innere Ruhe braucht. Ist es eine scheinbar grenzenlose Liebe zur Nacht und somit eine Abneigung gegen die hell gleißenden Vorgänge des Tages? Oder steckt eine Sehnsucht dahinter? Eine Sehnsucht nach einem Versteck oder doch ein beklemmender Wunsch im matten Mondlicht gefunden zu werden? Der Kopf voller Fragen, doch der Körper ist für Leistung bereit. Ein Körper muss in Bewegung bleiben, denn wird er nicht trainiert, so wird sein Potential nicht ausgeschöpft.
Hunde bellen und kommen wild an den Zaun gestürmt. Ihr Zorn lässt mich aufmerksam werden. Gut, dass ich hier bin und er weggesperrt ist, denk ich mir, während ich die Siedlung langsam hinter mir lasse.
Die Sterne blicken besorgt auf mich herab. Ich schaue ihnen ungläubig entgegen. Wie oft schon habe ich in Büchern vom All und seinem Aufbau gelesen, aber allein durch das Betrachten des nächtlichen Himmels entsteht in mir keine Relation für die Stecke, die zwischen mir und dem Kosmos liegt. Dabei bin ich ein Teil dessen. Manchmal da ertappe ich mich bei einem wundersamen Gedankenspiel. Es formt sich ein Bild, in dem das laufende Ich im Mittelpunkt steht. Aus einer Vogelperspektive herab betrachten mich Satelliten und verfolgen meine Spuren, die ich beim Lauf hinterlasse. Es ist kein Geheimnis für mich, dass ich unter Beobachtung stehe und trotzdem fühl ich mich frei und setze einen Schritt nach dem anderen. Auch wenn viele Technologien meinen Weg begleiten, das Ziel wähle ich selbst.
Je öfter ich den Reißverschluss meiner Jacke schließe und das Stirnband gut über die Ohren ziehe, umso eindeutiger wird meine Überlegung, dass ich nicht dich verloren habe, sondern bloß Zeit für mich gewonnen habe. Was zählt eine Wahrheit, die Träume und Hoffnungen zerstört, in einer Welt in der das Tarnen und Täuschen ein erfolgreiches Mittel ist, um nicht von ihr selbst letzten Endes verschluckt zu werden. Schnell begrabe ich negative Gedanken, keine Zeit für Schwarzmalereien, denn ich muss weiter laufen.
Die wundervollste Glückseligkeit offenbart sich dem nächtlichen Läufer in jenem magischen Moment, wenn sich jegliches Zeitgefühl verliert, sich alle Anstrengungen des Körpers in Luft auflösen und es trotz der immer zielstrebig nach vorne gerichteten Bewegung es einem selbst vorkommt als stehe man bloß still staunend in der Landschaft herum. Natürlich ist es nicht vergleichbar mit einem Zustand der Ruhe oder des Flusses. Es befindet sich irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, dessen bin ich mir sicher. So erscheint einem dieses Trugbild von Leichtigkeit und Befreiung mehr als eine Art Tunnel. In diesem Tunnel jedoch finden wir keine beengenden Wände und Decken aus Beton vor, sondern man sieht sich vielmehr von kühlender Nachtluft umgeben, die weit ausgesteckt über der endlosen Weite des Raumes liegt. Ein Tunnel der den Läufer aus dem urbanen Käfig führt. Eine Flucht, die verlockender denn je erscheint.
Nur die Lunge ist das Bindeglied zwischen Außen und Innen und ich fühle wie nach und nach eine Strömung sie durchzieht.
Im Laufen suche ich den inneren Dialog mit der Welt. Wir sind wie zwei Freunde, die eine abenteuerliche Reise unternehmen. Bespuckt mich mein gigantischer Begleiter mit Regen oder Schnee, so spucke ich zurück. Hart schießt einem die Kälte ins Gesicht und der Lärm des Windes will mich über Bord spülen. Dann werde ich zum Tier, wild keuchend irre ich im Wald herum und Flüssigkeit tritt mir aus Mund und Nase. Bin ich denn schon auf der Flucht?
All diesen Grausamkeiten zum Trotz, bin ich ihm nicht böse. Es ist immer mein älterer Freund, der die Spielregel bestimmt und ich bin nur sein Gefangener im Labyrinth seiner undurchschaubaren Vorgaben.
Die Muskeln meiner Oberschenkel federn jeden Schritt. Vibration um Vibration. Jeder Meter wird dadurch zu einem fürchterlichen Erdbeben, das droht meine mentale Welt in Trümmern zu setzen. Doch egal wohin der Lauf mich führt, liegt meine Hand fest am Steuer. Zur Not bin ich bereit, mich mit Tauen am Ruder festzubinden. Keine Karte stört meine Sicht auf die Dinge, die in der Welt auf der Lauer liegen. Das Laufen an sich spendet intuitive Orientierung genug.
Ein Lauf ist unendlich mehr als eine körperliche Betätigung. Er ist eine Freifahrt im Karussell des Lebens und die unzähligen glühenden Augen der Nacht ruhen voll Eifersucht auf mir, denn bin doch ich es der in ihrem Schutz seine Runden zieht und nicht umgekehrt.
Wer beim Laufen Musik hört, der ist einem großen Betrug in die Hände gefallen. Für mich hat Musik, erzeugt durch Gesang und Instrument, keine Bedeutung. Das Rauschen des Blutes, der klatschende Ton beim Aufsetzen der Sohle auf dem Asphalt, das unverkennbare Knirschen der Steinchen und das Zischen meiner Atmung sind mir Rhythmus genug. Diese Klänge versetzten mich unmittelbar in Trance. Ähnlich einem Wanderer ohne Ziel laufe ich umher, doch die Welt zerrt mich mit knochenbrechender Gewalt wieder in ihre Realität zurück. Somit wird das "Sich-Selbst-Hypnotisieren" das eigentliche Verlangen meiner Lauferei.
Im Ziel gibt es nichts Schöneres als eine bleierne Müdigkeit. Der Körper scheint gemartert, der Geist gestoppt. Es wurden noch keine Worte gefunden für ein solches Hochgefühl, nur die Nacht glänzt herab.
Doch diese Befriedigung hält höchstens einen ganzen Tag an. Danach steigt immer wieder ein fieberndes Verlangen in mir hoch erneut in das dunkle Meer der Nacht einzutauchen, um mich auf seinen Wellen hinfort tragen zu lassen. Und wie ein Süchtiger erliege ich dem Drang.

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Kommentare

11. Mär 2016

Man kann in jenen Worten spüren -
Wie solch Lauf mag uns berühren ...

LG Axel