Das Wochenende auf dem Land

Bild von Nicole Schrake
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Endlich! Der Hektik des Alltags entrinnen, die Seele baumeln lassen, die warmen Nachmittage genießen, die träge und süß, wie Honig durch meine Adern fließen und an denen meine Phantasie mit den langen Schatten Fangen spielt. Die weißen Wolkentupfen verlieren sich im Azurblau des weiten Himmels. Fernes Vogelgezwitscher, der Hauch des nach Sommer riechenden Windes, der durch das weit geöffnete Terassenfenster weht und sich in dem feinen, weißen Gespinst der Gardinen verfängt. Kein Wecker, kein morgendliches Wälzen durch den Stau, nur ausgeliefert der inneren Uhr und der Freude, hier zu sein, in meinem kleinen Landhaus, tief versteckt in den mit grünem Samt bezogenen Hügeln der Cotswolds.

Meine Eltern vererbten mir das kleine, gelbe Haus, das mich immer wieder mit offenen Armen empfängt; der Duft der Erinnerungen, der gelebten Leben, der die Wände all die Jahre durchdrang, tränkte und sich wie kühlender Balsam auf gestresste, wunde Großstadtseelen legt. Heimat, Rückzugsort, Versteck, wenn die Welt einen nicht finden soll.

Eine Zeit lang wollte ich es nach dem allzu frühen Tod meiner Eltern verkaufen; eine verschrobene Künstlerin aus London, die mein Haus zufällig fand, bot mir eine irrsinnige Summe, doch nach einigen schlaflosen Nächten und dem Lauschen auf die Stimme meines Herzens, verwarf ich den Gedanken des Verkaufs ein für alle mal. Ja, es war alt, ja, das Dach musste dringend saniert werden und in den kalten Monaten schien der Nebel, der über den Cotswolds waberte, in jede Ritze des Hauses einzudringen, aber hier waren meine Wurzeln, hier war mein wahres Ich.

Ich stand oft gerne am großen Wohnzimmerfenster und sah in den Garten hinaus. John, der alte Gärtner meiner Eltern, der jede Blume, jede Wurzel kannte, kümmerte sich während meiner Abwesenheit liebevoll und mit Herzblut um die weitläufige Grünfläche, die von meiner Mutter gekonnt angelegten Rosenbeete und den großen Schwimmteich. Hier war eine andere Welt, voller Stille, Zauber und Magie, fernab meines stressigen Alltages in London. Egal, wie oft ich hier her kam, mir kam es immer so vor, als würde ich in ein zweites Leben schlüpfen, in eine zweite Haut, die mich verwandelte, zu einem anderen Menschen machte; meine Welt, überzogen mit Feenstaub und dem Stillstand der Zeit.

Als ich Freitag gegen 17:00 Uhr endlich den PC abstellte, mich von meinem Chef verabschiedete, brandete die Vorfreude bereits in hohen Wellen in mir auf. Mein Herz schlug schneller, ich sprang voller Elan in meinen winzigen Wagen und freute mich diebisch, als ich endlich auf der M 40 in mein verdientes Wochenende fuhr. In knapp 2 Stunden wollte ich endlich da sein, an meinem Sehnsuchtsort. Ich konnte endlich die letzten Wochen hinter mir lassen, die unglückliche Affäre mit einem verheirateten Arbeitskollegen, das starre Korsett meines eng getakteten Alltages. Die Sonne begleitete mich auf meiner gesamten Fahrt und als ich endlich die bekannten Schilder las, die liebliche Landschaft vor meinen Augen auftauchte, war es einmal mehr ein Gefühl von Ankunft, Heimat. 2 wundervolle Tage lagen vor mir, viel Schlaf, gutes Essen, Lesen eines dicken Wälzers, den ich mir in London in einem verstaubten Antiquariat wenige Tage zuvor gekauft hatte. Mein Smartphone stellte ich ab. Ich hatte kein Verlangen auf Anrufe einer bestimmten Person, die mir seit nunmehr 6 Monaten das Herz schwer in meiner Brust schlagen ließ. Doch dieses unrühmliche Kapitel sollte ein Ende haben. Dazu war ich fest entschlossen.

Gegen 19 Uhr fuhr ich auf die kiesbedeckte Einfahrt vor meinem Haus vor. Zartviolette Hortensienbüsche nickten mir eifrig in der lauen Abendbrise zu und schienen mich willkommen zu heißen. Aufatmend stieg ich aus meinem Wagen, streckte mich und sog tief diese wundervolle, samtige Luft in meine Lungen. Um mich herum nichts als Stille, die mir angesichts der stressigen Woche zuvor fast unwirklich vorkam. Um mich herum keine Nachbarn. Einsam, versteckt lag mein Haus in dieser märchenhaften Landschaft, umgeben von einem Hain alter Eichen, deren Schatten an heißen Sommertagen das Innere des Hauses kühl hielten und schon lange bevor das Haus gebaut wurde ihre mächtigen Wipfel in den endlosen Himmel streckten. Ich ging zum Kofferraum, wuchtete meinen Trolley heraus, schloss den Wagen ab und ging auf das Haus zu. Fast meinte ich meine Elten am Küchenfenster stehen zu sehen, wie sie mir zuwinkten, die Freude über unser Wiedersehen in ihren Augen ... Das Bild schmerzte nach wie vor. Eine Narbe, die immer da sein würde, einem hellen, sichelroten Halbmond auf meiner Seele gleich.

Ich steckte den Schlüssel in das Haustürschloss und stand wenige Augenblicke später im schattigen Flur. Die Luft roch etwas modrig, also ging ich zum Wohnzimmerfenster und öffnete weit die gläsernen Flügel. Pfeifend ging ich durch die Räume und umfing sie mit liebevollem Blick. Es war schön, wieder einmal hier zu sein. Mr. Miller, die Frau des Gärtners, hatte mir die ihr telefonisch durchgegeben Einkäufe in den Kühlschrank geräumt. Zufrieden entnahm ich ihm eine gekühlte Flasche Weißwein, schnappte mir ein Glas und trat auf die Veranda. Die letzten Sonnenstrahlen verfingen sich in dem Smaragdgrün des Schwimmteiches. Seerosenblätter trieben leise auf der Wasseroberfläche und ein winziger Frosch hockte träge auf einem Blatt, scheinbar genauso verzaubert von der Magie der Stille wie ich.

Ich öffnete die Weinflasche, goss mir das perlende Nass in das Glas und setzte mich auf einen der verwitterten Holzliegen. Genießerisch trank ich einen Schluck, nestelte in meiner rechten Hosentasche und zog ein zerquetsches Päckchen Marlboro hervor. Ich steckte mir eine Zigarette an und sah gedankenverloren den Rauchkringeln nach, die sich in die Höhe schraubten und dann meinem Blick entschwanden. Die Umgebung zeigte einmal mehr Wirkung. Das gelbe Häuschen umfing mich voller Wärme, wenn ich in der Kälte des Leben fast erfror, tröstete mich in meiner Trauer und heilte die Wunden des Alltags. Über allem lag eine bittere Süße, wisperten die sonnengewärmten Mauern vom Glück vergangener Zeiten, als das Haus noch voller Leben war und unsere Cockerspaniel kläffend und balgend über das satte Grün des englischen Rasens sprangen.

Es war an der Zeit, einige Entscheidungen zu treffen und ich wollte das Wochenende in den Cotswolds dazu nutzen, um meine Gedanken zu sortieren, Abstand zu gewinnen, von dem Menschen, der mir nicht gut tat. Im Büro versuchte ich Lester aus dem Weg zu gehen, ignorierte seine Anrufe, löschte ungelesen seine E-Mails und vermied peinlichst irgendwelche Zusammenkünfte in der Kaffeeküche oder bei Meetings. Ich hatte die Nase voll. Er wusste nicht, dass ich das Wochenende auf dem Land verbrachte und würde bestimmt vor meiner Haustür in London stehen. Nun, ich hatte keine Lust mehr auf heimliche Schäferstündchen, Liebesschwüre und dem ständigen Warten, auf eine Nachricht, auf eine Entscheidung. Ich bereute tausende Male das viel zu enge Band zwischen uns und versuchte immer wieder das zwischen uns auflodernde Feuer der Leidenschaft mit Verstand und Distanz einzudämmen. Leider versagte ich nur allzu oft kläglich. Ich legte mich auf die Sonnenliege, schwenkte gedankenverloren das fast leere Weinglas in meiner rechten Hand und sah in das endlose Blau über mir, das so blau war, wie seine Augen. Verdammt!

Entschlossen erhob ich mich, mein Magen knurrte. Ich ging in die Küche und öffnete erneut den Kühlschrank. Kaltes Hühnchen, Feldsalat, Dressing, Tomaten, frisches Baguette. Schnell richtete ich das Abendessen an, nahm den Teller, füllte mir erneut das Weinglas und ging wieder auf die Veranda. Jetzt, wo die Sonne hinter den alten Eichen verschwand, wurde es angenehm. Die staubige Hitze der Großstadt ließ ich immer mehr hinter mir und genoss diese stille Stunde. Genüsslich verspeiste ich mein Abendmahl und leerte durstig das zweite Glas Wein. Der Stress, die Unruhe der letzten Tage fiel von mir ab und ich entspannte mich zusehend. Ich ging in das Haus und stellte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine. Eine heiße Dusche würde den letzten Rest der Anspannung von mir nehmen und mit dem Wasser in den Abfluss davon gleiten, wie meine Sehnsucht nach Lester. So hoffte ich.

Eilig zog ich mich aus und warf die verschwitzten Sachen in die Ecke. Ich ließ das Wasser etwas laufen, bis mich Dampf einhüllte. Aufatmend trat ich unter das heiße Wasser und genoss das Prickeln der Strahlen auf meiner Haut. Leise singend hüllte ich meinen Körper in duftigen Schaum, meine Hände glitten über meine Brüste und ich stellte mir vor, dass seine Hände mich berührten. Schluss! Energisch verwarf ich die aufkommenden erotischen Empfindungen. Ich stellte das Wasser ab und trat auf den flauschigen Teppich. Schnell rubbelte ich mich ab, ergriff den grünen, weiten Bademantel und schlüpfte hinein.

Das Geräusch von knirschendem Kies riss mich aus meiner wohligen Trägheit. Wer konnte das sein? Bestimmt John, der Gärtner. Ich kämmte mir schnell meine Haare und lief auf die Veranda, um das Haus herum. Ich traute meinen Augen nicht. Lester stieg aus seinem Wagen. 1,90 m geballte Männlichkeit, dunkle Haare, blaue Augen und ein Lächeln, das Steine schmelzen ließ. Ich war wenig erfreut. Lester bemerkte meine äußerst frostige Miene und sein Lächeln erlosch. Sein Blick wurde ernst, er kam auf mich zu. „Bitte, höre mich wenigstens an.“ „Ich will nicht mehr, hast Du das endlich kapiert?“ schnaubte ich wütend, verletzt, traurig, dass er es wagte, hier in mein Reich einzudringen und die so mühsam gesponnene Ruhe mit groben Fingern zerriss. Lester stand jetzt vor mir, ich spürte die Wärme seines Körpers, roch den Duft seiner Haut und all die Stunden mit ihm tauchten vor meinem inneren Auge auf, die Stunden, die sich eingebrannt hatten in meine Seele. Es ging immer noch ein derartiger Sog von Lester aus, der mich einmal mehr mitzureißen drohte, mich umfing, trunken machte, doch diesmal sollte er kein einfaches Spiel haben. Ich wandte mich von Lester ab und lief rasch um das Haus in den Garten. Er folgte mir. „Helen, bitte, bleib stehen!“ „Ich sage Dir noch einmal, verschwinde aus meinem Leben! Es ist aus! Ich will und kann nicht mehr!“ rief ich weinend über die Schulter. Lester holte mich ein und zog mich an seine breite Brust. „Lass mich los!“ schrie ich, fast versucht ihm vor eins seiner Schienbeine zu treten.

„Komm bitte mit, ich muss Dir etwas zeigen.“ bat Lester mich und grinste jetzt schelmisch. Ich zeigte mich noch bockig, wie ein verstocktes Kind. „Komm schon, Überraschung.“ Ich hob den Blick und konnte dem Lachen in seinen blauen Augen dann doch nicht widerstehen. Noch etwas widerwillig begleitete ich ihn zu seinem blauen Volvo. Langsam ging der Kofferraumdeckel hoch. Ich sah unzählige Kisten, Koffer und Tüten. „Ich habe mich von Susan getrennt. Willst Du mich, heute, über das Wochenende, für den Rest Deiner Tage?“ raunte Lester leise hinter mir. Ich drehte mich um, er zog mich an sich und mein Kuss war eine Antwort, die süßer nicht sein konnte ...

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