Hesse, der Goldmund

von Uwe Kraus
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In Hesse ersieht man die gesamte Idee, die Komplexität der Romantik, all ihre Facetten und Änderungen. Er, der neben Novalis und Nietzsche mein Lieblingskünstler und Interpret ist, der mit seinen Werken die vorbereitende Idee der Flower-Power-Romantik einleitete, ist einer der wichtigsten Vertreter des Neuromantischen, sowie der Schriftstellerei der Weimarer Republik und der des gesamten idealen Romantikertums. Seine Werke verbinden Psychoanalytisches und fernöstliche meditative Einflüsse der Philosophie. Er lernte von Nietzsche, dem Wiedergebärer, aber auch von Novalis, Jean Paul, Heine, Goethe und den Größen der klassischen Literaturgeschichte. Seine Ideen der Ästhetik sind im Bewußtseinserweiternden, Psychedelischen zu finden. In Büchern wie den angesprochenen läßt sich eine Parallele zur Irrationalität Nietzsches, zum Zarathustra feststellen. Goldmund, einer seiner schönsten Hauptcharaktere der Erzählung Narziß und Goldmund, stellt für mich schon eine Funktion des Künstlers, des Idealbildes, dar. Auch das Glasperlenspiel des Pazifisten, die Sozialutopie zeigt ein romantisches Idealbild in der Beschreibung des Magister Ludi Knecht, der als Spielmeister eine Gegenidee zur nationalfaschistischen Ideologie, zum Antisemitismus Hitlers erklärt. Mit diesem Werk können wir den Versuch Hesses ersehen, die Romantik nach den beiden Kriegen wieder zu voller Blüte zu bringen.

Ich selbst finde mich in den Schriften Hesses wieder, ich verstehe seinen Steppenwolf nur zu genau; das Traktat veränderte Generationen von Hesselesern. Eigentlich ist er daran schuld, daß ich ein Literat, Dichter und Denker wurde, denn als ich zum ersten Male sein Werk „Unterm Rad“ las und mir dabei seinen Lebensdrang zum Schriftstellerischen einverleibte, wurde mir klar, daß auch ich zum Schreiben gemacht bin; denn ich fühlte in vielen Dingen ähnlich wie Hans Giebenrath oder Peter Camenzind. Ich wollte auch am Wasser meditieren wie Siddhartha, oder nach Göttern forschen wie Demian. Sein gesamtes Denkgebäude, auch wenn es heute nachgemacht und larmoryant, im Bezuge auf frühere Literaten der romantischen Strömungen erscheint, wirkt eindrucksvoll, in manchen Teilen mystisch und undurchdringbar. Die Philosophie, sein Wissen, das ihn mit vielen Literaten der Philosophiegeschichte verbindet, machen ihn mir zum besten Schriftsteller neben Tolstoi, denn Novalis und Nietzsche sind reine Philosophen. Seine Ideen gehen immer von seinen eigentümlichen Erfahrungen, von seiner eigenen lebensphilosophischen Weisheit, seiner Bildung und Intelligenz aus. Hesse versteht es auch heute noch, aktuell in der Welt zu sein, gelesen, gelebt zu werden, in seiner Welt der Magie und Poesie. Auch die Gedichte des Nobelpreisträgers, vor allen Dingen dieses, zeigen was seine romantisch-philosophisch-ästhetische Weltsicht ausmacht.

Das Glasperlenspiel

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in anandre, neue Bindungen zu geben
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an unserer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln und nicht engen
Er will uns Stuf`' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewönung sich entraffen!

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Nun, da es ein wunderbares Werk ist, welches den Anbeginne des Zaubers der Romantik, der Philosophie des Glasperlenspiels und der Wiederkunft epochaler Veränderungen unseres Lebens selbst darstellt, bringt es mir die Idee nahe, kurz die Ästhetik dieses Werkes zu forschen und zu hinterfragen. Jede Blüte welkt wie eine Stufe unseres Lebens, genauso wie jede Änderung des romantischen Systems, und dieses fordert den Neubeginne, der voll Zauber erwartet werden kann. Sicher, Hesse spiegelt das Leben selbst wieder, es bringt die Sicherheit mit sich, das Element, das neue Bindungen eingehen kann, wenn es dies für richtig hält. Es ist ein Zyklus, der von Raum zu Raum durchlebt wird, bis zum Tode und darüber hinaus. Die Romantik ist eine ähnliche Idee; sie wurde auch durch die verschiedensten Zeiten und Räume geführt, dann nahm man Abschied von ihr, der Idee der Natur, der Bestimmung des Menschen und fiel in Werte, welche die Welt nicht gesunden werden, sondern betrüben. Die Magie hingegen, die mit der Romantik Raum um Raum lebte und kostbar den Urquell aller Genialität, aller Kräfte der Schöpfung aufzeigte, wurde mißhandelt auf dem Wege der Evolution des Denkaktes zurückgelassen, einsam und undankbar.

Aber ich will sagen, was Magie ist, dazu fühle ich mich berufen, den Denkakt des schöpfenden Ichs zu vollenden, die Weisung des Zarathustra nicht zu übergehen und angefangene Gedankengebäude fertigzudenken. Die Romantik ist kein fertiges und absolut komplettes Bild, dazu starben Novalis und Nietzsche zu früh! Es gilt mit diesem Werk dies zu vollenden und auf ewig die Bejahung zukünftiger Irrationalität zuzulassen. Denn (Hesse):

„Utopien sind nicht da, um sklavisch realisiert zu werden, sondern um die Möglichkeit des Schwierigen und doch Ersehnten zur Diskussion zu stellen und den Glauben an diese Möglichkeiten zu stärken.“

In diesem Merksatz ersieht man, daß auch wenn meine Ideen Utopien sind und vielleicht bleiben, sie trotzdem diskutiert und nicht als unmögliches Etwas angesehen werden sollten.
Nietzsche wollte eine Irrationalität, die die Zukunft bejaht; ich will eine, die erst bejaht wird und folgerichtig die Zukunft ausmacht. Der Denkweg Nietzsches, die Wiederkunft des Gleichen, sowie die Umwertung der Werte beziehen sich auf andere philosophische Grundgedanken; jedoch um einen neuen magischen Idealismus einzuführen, muß die Wiederkehr der romantischen Ideologie erfolgen, die auf einer neuen operativen Umkehr folgen muß, da diese die einzige Möglichkeit ist, Irrationalität wachsen zu lassen, eine solche, die die Zukunft bejaht, oder anders gesehen, eine, die bejahend die Zukunft fordert.

Um Magie zu glauben, bejahen, forschen und entstehen zu lassen, gilt es, wie Hesse sagt, innen und außen zu vertauschen, was eine Ähnlichkeit zum romantisierenden Prinzip des Novalis aufzeigt. Es gilt, Unbedeutendes als wichtig in den relevanten Vordergrund zu stellen, es gilt, um an Frieden zu glauben den Pantheismus zu bejahen und die Synthese der Blauen Blume zwischen Natur und Mensch zu festigen und fertigen. Aber all dies muß geschehen auf der Basis des freien Wollenden, mögenden Zuges, der Wunsch heißt. Man muß wünschen, daß die Romantik zurückkehrt, aus freien Stücken die Paradoxien bejahen und einsetzen! Wenn wir dies nicht tun, sind wir unverantwortlich mit unserem Wissen des Vergangenen umgegangen; man hat doch aus dem Präteritum zu lernen; aus aktueller Zeit, der Zeit des Fernsehens und der Spielkonsolen ist nichts nachzuahmen, zu übernehmen. Es wäre ein Vertrauensbruch zu Gott, wenn die Welt immer mehr verflacht und materialisiert wird, ohne an die Werte und Einsichten zu denken, die Großes offenbaren.

„Ob die Kunst und das Schöne den Menschen wirklich zu bessern und stärken sei dahingestellt, zum mindesten erinnern sie uns, gleich dem Sternenhimmel an das Licht, an die Idee der Ordnung, der Harmonie, des > Sinnes < im Chaos.“ (Hesse)

Ich weiß nicht ob dies stimmt, denn Kunst und Schönheit ändern den Menschen und bringen Ideale, magische Ideale an die wahrheitsliebende Natur. Ein Mensch, der sich mit der Kunst auseinandersetzt, mit Kultur, wird feststellen, daß er selbst, wenn er es will, Schönes vollbringen kann. In jedem von uns steckt der geheime Wunsch der Harmonie, den ich als Genialität auslege. In jedem von uns steckt ein romantischer Wahn, eine Wahrheit, die in einer romantischen Gesellschaft ausgelebt werden kann. Aber nur dort! Diese romantische Gesellschaft werde ich in meinem Märchen, der Utopie oder auch der Theorie zur neuen Irrationalität darlegen und mittels dieser die Kraft, die in jedem Gesellschaftstypus steckt, öffnen und brauchbar machen. Genialität kann zu jeder Zeit ins Menschliche treten; Ästhetik kann zu jeder Zeit erweckt werden, denn beides sind Grundhaltungen der Seele, die nur entschlafen sind und darauf warten zu arbeiten und zu handeln!

„Kunst ist eine feine und sensible Haut zwischen uns und dem Herzen der Welt, und es ist gewiß besser, diese dünne Haut zu haben, als einen Panzer – aber um ganz ins Herz der Welt hineinzukommen, muß man auch diese zarteste Haut schließlich durchstoßen.“ (Hesse)

Dieser Aphorismus bestätigt das, was ich auszudrücken versuche. Kunst, Kultur, also auch Philosophie sind unsere höchsten Güter, und diese besitzen wir in uns. Wir müssen diese unterbewußten Triebe, diese guten Eigenschaften menschlichen Denkens zurückfordern, denn eine Kultur sollte nicht aus Fernsehen bestehen, auch nicht aus negativen Trieben, sondern aus Gegenvernunft und Gegenverstand, also aus Paradoxien zu unserer Welt, und diese bedeuten mir die höchsten Güter der Irrationalität. Die gegenständigen Werte, rationelles Denken, Konservativität, Vernunft, aller Cartesianismus und Bürokratismus sind in der Reromantik nicht brauchbar, sie sind im romantischen, nietzscheanischen Sinne amoralische Gegenstände. Ästhetik, irrationale Ästhetik muß die Umwertung des Amoralischen fordern, denn dies sind Sklaven der heutigen Welt, die uns selbst zu Sklaven machen. Wir müssen doch frei sein und nicht in unserer „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ das Dasein für annehmbar halten, das als korrekt ausgelegt wird. A priori gilt: Philosophie und alle Gesichter der Wahrheit kommen nicht aus dem Verstand oder der Vernunft. Wahrheit ist transzendent, also irrational, und das bedeutet: Wer die Wahrheit hinterfragt, muß im ästhetisch-romantischen Sinne mit der Irrationalität beginnen. Philosophie, Wahn und Wahrheit, die Gesichter desRomantischen, sind die höchsten Güter unserer Kultur, und es gilt diese wieder zu bekräftigen, denn die Wahrheit, die Wittgenstein im „Traktatus logico philosophicus“ offengelegt zu haben glaubte, geht nicht logisch zu erfragen, sondern mit dem Gegenstücke der Logik, und dies ist die Blaue Blume, das Symbol alles Irrationalen. Hesse würde mir an dieser Stelle sicher recht geben, denn meine Ideen sind kohärent zu seinen, sie spiegeln die gesamte Romantik in unsere Zeit und dies wollte er selbst. Ist denn der Goldmund, den er in unsere Welt brachte, kein Künstler, der die romantische Kraft des Einzelmenschen mit der Metaphysik der Künste in Verbindung, in Kohärenz setzte?

Hesse ist Goldmund, ist Demian, ist Camenzind, und diese Figuren sind alle magische Personen seiner Existenz. Darum ist Hesse Magier und Zauberer der romantischen Idee. Mit Novalis dem Propheten, Nietzsche dem Wiedergebärer und Hesse dem Zauberer, steht für mich das Grundgerüst der Romantik deutscher Kultur da, das nun neu leben soll!

(c) Uwe Kraus anno 2000

Aus meinem Essayband: Das reromantische Manifest – Ich glaube an die Natur, also finde ich mich ... mein erster wirklich großer Versuch. Ich wollte Philosoph werden – kein Dichter!

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Kommentare

13. Dez 2018

Dein Text gelang Dir - wirklich fein:
Kultur kann lesenswert auch sein ...

LG Axel