Überlegungen zum Sinn des Lebens, die die Welt nicht braucht 02/19

von Valeria Frank
Mitglied

Es ist sinnlos. Alles. Ich. Mein Leben. Ich habe mich mit 12 Jahren das erste Mal gefragt, was eigentlich der Sinn dieses Lebens sein soll. Liebe? Sich fortpflanzen? Glücklich sein? Die Welt ein Stück besser machen? Ich habe keine Antwort darauf. Ich fühle diese Leere und lebe gleichzeitig im Überfluss. Im globalen Norden, im modernen Deutschland, in einer großen Wohnung – kostenlos. Studiere im Master, wärme mich an meinem Ofen, kaufe mir Schuhe und anderen Quatsch, habe meine Wohnung mit Dingen dekoriert, die mir vermeintlich wichtig sind. Und stelle fest: Nichts davon hat eine Bedeutung, weil nichts davon zu mir gehört. Die Wohnung gehört meinen Eltern, die mir erlauben übergangsweise dort zu wohnen. Ich bekomme immer wieder zu spüren, dass dies nicht meine Wohnung ist. Das macht sie auch nicht zu einem Zuhause. Die Möbel, die Bücher, die CDs, die Kleider, die Haushaltsgeräte, die Deko, sogar meine Fotos und Erinnerungsstücke – alles entbehrlich. Wenn alles brennen würde (was immer mein größter Horror war), dann würde es halt brennen. Wäre ok für mich. Ich würde nichts vermissen. Nichts davon hat eine so große Bedeutung für mich, dass ich es nicht auch entbehren könnte. Was ist mir wichtig? Vor wenigen Monaten ging die langjährige Beziehung mit meinem Exfreund zu Ende. Die letzten Jahre habe ich mein Leben bzw. den Sinn dieses Lebens nie hinterfragt. Die Beziehung gab meinem Leben Sinn, machte alles wertvoll und unentbehrlich. Doch letztendlich sind die Beziehungen zu den Menschen in meinem Leben genauso wertlos wie die Gegenstände in meiner Wohnung. Ich dachte ich wäre stark, aber ich bin nur eins: Verloren. Lost in space. Wir sind alle verloren. Verlorene Seelen die ihrem Leben, dessen Grund und Wesen sie nicht verstehen, auf unterschiedliche Weisen versuchen, Sinn zu geben. Wir brauchen Sinn, wir müssen Sinn generieren um leben zu können und zu wollen. Das ist nur menschlich. Wir brauchen Ziele. Wir sind wie Ameisen, die jeden Tag dasselbe tun, nicht wissen warum aber davon ausgehen, es diene einer höheren Sache. Wir jagen Dingen hinterher, die Sinn für uns generieren sollen. Die einen finden ihren Sinn in schönen Dingen, andere in der Liebe, wieder andere in der Religion, d.h. dem Glauben daran, dass alles einen Sinn hat, weil es einen geben MUSS. Ist das nicht komplett bescheuert? Wozu das alles? Wozu der Aufwand? „Lebe jeden Tag als wäre es dein letzter“, was bringt mir dieses Sprichwort, wenn ich nicht weiß, was ich will, wohin ich will, wer ich bin und warum ich hier bin? Identitätskrise nennt man sowas, denke ich. Bin da kein Experte. Muss an Janis Joplin denken, die da singt „Freedom's just another word for nothin' left to lose. Nothin', don't mean nothin' hon' if it ain't free, no no“. Das ist der zentrale Punkt. Ich habe nichts zu verlieren, weil mir nichts etwas bedeutet. Das macht mich frei. Aber frei für was? Um zu tun, was ich will? Dazu müsste ich wissen, was das ist. Wenn ich nichts zu verlieren habe, habe ich auch nichts zu gewinnen. Manch einer vermutet jetzt vielleicht, ich bin depressiv. Und Gott, was weiß ich ob ich es bin oder nicht? Ich habe mich seit der Trennung von meinem Exfreund wie versessen daran gemacht, andere Typen zu daten. Tinder macht es einem da ziemlich einfach. Ich habe viel Energie in das Schreiben, die Vorbereitung auf das Treffen, das Treffen selbst und das Kontakt halten investiert. Und stehe da mit nichts. Ich wollte ja aber auch nie mehr. Ich wollte keine Beziehung, wollte einfach Sex. Unverbindlich, mit Fremden, damit ich wieder etwas spüre. Und stelle jetzt fest: Ich spüre nichts. Vielleicht habe ich das ja gebraucht, das Gefühl begehrt zu werden, die Nähe, das Interesse an meiner Person. Ich denke es war vor allem das Interesse. Ironisch im Angesicht dessen, dass auch ich, wie die Dinge die ich zu besitzen wähne, vergänglich bin. Nur eine Sternschnuppe in einer langen Nacht. Mein Licht leuchtet kurz auf und erlischt dann wieder in der Unendlichkeit des Weltalls. Kommt aus dem Nichts, geht wieder ins Nichts. Von mir wird nichts bleiben und wenn, dann nicht lange im Angesicht der Zeit. Was ist das also, leben? Wie macht man das richtig? Gibt es eine „Einführung für Dummies“ in „das Leben sinnvoll gestalten“? Und wenn es das gäbe, wäre es dann glaubwürdig? Wohl eher nicht. Kann ja nur von einem weiteren Menschen geschrieben sein, der genauso wenig über das Leben weiß wie ich. Meiner Meinung nach neigen wir Menschen dazu, bestimmte Dinge überzubewerten. Zeit zum Beispiel. Durch diesen Anspruch, die Zeit, die wir haben (besonders: die wenige, endliche Zeit, deren Zeitspanne wir nicht kontrollieren können) besonders sinnvoll zu nutzen, setzen wir uns tagtäglich erneut unter Druck. Oder die Liebe. Wir möchten die Liebe des Lebens finden, streben nach einem Seelenverwandten und vergessen dabei, dass auch der Andere nicht mehr sein kann als ein Mensch, der genauso viele Probleme, Unsicherheiten, Ängste und Macken hat wie wir selbst. Und das Famose ist, dass der Andere derartige Erwartungen ja auch an uns als Partner/in stellt. Wohin soll das führen, wenn nicht zu Problemen und Streitereien, Enttäuschung und Trauer um das Ideal, dass sich nie erfüllen wird. Um die Beziehung oder Ehe, die nie perfekt sein wird. Oder auch das Glücklich-sein oder Glücklich-werden. Wie viele Ratgeber gibt es zu diesem Thema? Milliarden? Und die Quintessenz ist: Glück ist nicht fassbar, nicht herstellbar, nie zu 100 Prozent da und hält niemals ewig. Also auch Glück nur eine Metapher dafür, Sinn zu generieren? Wenn wir glücklich sind haben wir unser Leben lebenswert gemacht? Gut gelebt? Nicht verschwendet? Glück als Begriff für etwas, das möglicherweise nicht in seiner ganzen Radikalität existiert, sondern lediglich als Momentaufnahme? Wie wir selbst auch? Glück als etwas, von dem wir hoffen, dass es das gibt und wonach wir streben in der Gefahr, es nie zu finden? Wie Gott? Gott auch als Begriff für etwas, das Sinn generieren soll? Götter waren meiner Meinung nach bereits von Beginn an nur Mittel zum Zweck. Götter haben wir erfunden, um unsere lähmende Angst vor dem Tod zu kontrollieren, um unserem möglicherweise sinnlosen, endlichen Dasein eine Richtung zu geben, um Naturphänomene zu erklären, um uns anerkannt und wertgeschätzt zu fühlen. Jede Handlung hat ihren eigenen Sinn. Glauben hat einen Sinn, Lieben hat einen Sinn, Sex hat einen Sinn – weil es einen Zweck hat. Und dieser Zweck ergibt sich aus unserer Endlichkeit, Ahnungslosigkeit, Machtlosigkeit und Angst heraus. Angst davor allein zu sein, Angst davor das Leben nicht gut genug zu nutzen, Angst vor Sinnlosigkeit und Angst vor uns selbst. Angst davor, sich einzugestehen, dass wir nur Menschen sind. Menschen, die kommen und gehen, die verletzlich sind, verwundbar, leicht zu töten, schnell sterben. Wir sind intelligente Wesen, meinen wir, weil wir in der Lage sind, uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen. Ganz nach dem Motto der Aufklärung. Der Mensch als Vernunftwesen. Nicht wie das Tier, das lediglich aufgrund von Reflexen handelt. Ich behaupte, die Vernunftbegabung ist unser Verhängnis. Ist mein Verhängnis. „Wenn ich denke, dann bin ich“. Wir definieren uns als Menschen darüber, einen Verstand zu haben. Denken zu können. Reflektieren zu können. Lieben zu können. Empathie zu haben. Und sind dabei doch die grausamsten Lebewesen, die diese Erde jemals gesehen hat und sehen wird. Zu allem fähig. In der Lage zu gedeihen oder zu entarten. Ständig auf der Jagd, ständig auf der Hut. Ein Leben in Angst – vor einander, vor uns selbst, vor der Welt, vor der Natur und ihrer Gewalt, vor negativen Gefühlen, vor dem Tod, vor der Vergänglichkeit, vor dem Alter, vor Entscheidungen, vor Risiken, vor Herausforderungen, vor den Elementen, davor nicht genug oder alles zu wissen, vor möglichen Irrtümern, vor dem Scheitern etc. Wir fürchten uns von Anfang bis Ende unseres Sternschnuppen-Daseins. Ist das nicht traurig? Wir erwarten so viel von uns als Menschen, oder zu wenig. Und das richtige Maß kennt sowieso niemand. Ich weiß, was ich schreibe ist nicht sonderlich motivierend, positiv, hoffnungsvoll oder angenehm. Auch nicht für mich. Aber es macht vielleicht Sinn. Ich hoffe, dass sich während ich das alles hier schreibe, ein Sinn in diesem Handeln erkenntlich macht. Der Sinn besteht möglicherweise schlichtweg darin, meinen Kopf zu entleeren. Ihn neu zu ordnen. Damit ich weitermachen kann. Ich stehe auf der Stelle, obwohl ich mich bewege. Obwohl ich durch den Tag renne, Woche für Woche, bewege ich mich kein Stückchen weiter. Ich stehe. Und stehe. Und stehe. Und frage mich, ob ich jemals gelaufen bin und wenn ja, in welche Richtung. Ich habe verlernt zu gehen. Weil gehen einen Sinn voraussetzt, ein Ziel, einen Weg. Mein Leben ist anders geworden. Ich lebe auf eine andere Art. In einem anderen Ort. In einer Wohnung. Aber nicht in einem Zuhause. Auch ein Zuhause setzt Sinn voraus. Vielleicht ist die Lösung die, dass es keinen Sinn gibt. Vielleicht bedarf es lediglich der Anerkennung der Tatsache, dass es auch keinen Sinn haben muss. Vielleicht muss ich mich nur von der Erwartung frei machen, dass mein Handeln Sinn generieren muss. Vielleicht muss ich nur laufen. Egal wohin, ohne Ziel. Nur laufen. Ein Schritt. Noch ein Schritt. In eine unbekannte Richtung. Auf nichts Besonderes hin. Einfach laufen. Und diese Erkenntnis ist wohl im Endeffekt der Sinn meines Schreibens. Die Fitnesstrainerin beim World Jumping Kurs sagt ständig „In Bewegung bleiben, bleibt in Bewegung, egal wie“. Vielleicht ist es so simpel. So simpel wie das, was die Ameisen tun. In Bewegung bleiben um nicht vom Leben gelähmt zu werden. Einfach in Bewegung bleiben.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise