Das Schälchen

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Gestern ließ sie ein Schälchen fallen. Durch eine Unachtsamkeit. Einfach so. Sie wollte es in den Schrank räumen, war aber nicht bei dem was sie tat, sondern mit den Gedanken in anderen Sphären. Sie machte den Griff, ohne sich ihm zu widmen. Das Berühren des Schälchens verlief somit unachtsam, und das Unheil nahm seinen Lauf. Es rutschte ihr aus der Hand, und fiel auf den grauen Küchensteinboden. Das schwarzweiß bemalte Gefäß zerbrach in gefühlt 1000 Scherben, und der terakottafarbene Ton zeigte sich unter der zerplatzen Lackierung. Sie stand barfuß zwischen diesem Kaputt und begann zu heulen. Trauer gepaart mit Wut über ihre eigene Fahrlässigkeit stieg in ihr hoch. Von der Ablage bis in den Schrank ist es vielleicht ein halber Meter, ein halber Meter Strecke und fünf Sekunden Aufmerksamkeit. Dafür, dass dieses Schälchen eines ihrer liebsten Stücke war, das sie besaß, hätte sie umschalten müssen. Sie tat es nicht.

Es stehen viele Dinge in Küchen- und Geschirrschränken. Praktische, Schöne, Hässliche. Dinge, die man selbst erwarb, geschenkte, geerbte. Dinge die man täglich benötigt, wenig braucht oder nie aus ihnen, den Schränken, herausnimmt.

In ihrem Gehirn lagern, wie auch in den Küchenschränken, Erinnerungen an das ein oder andere Ding, das eine Zeit lang ihr Leben begleitete. Da ist die Plastikreibe, mit der sie sich als Kind die Finger verletzte, weil sie zu spät aufhörte die Apfelschnitzen zu reiben.
Das Kaffeeservice ihrer mittleren Schwester, ein Hochzeitsgeschenk, das sie nach der Scheidung der Mutter vererbte. Ein weißes Kaffeeservice, bemalt mit kleinen blauen Veilchen. Einmal nahm sie es aus dem Schrank und deckte zum Geburtstag ihrer Mutter den Tisch damit. Die Mutter äußerte leichte Bedenken, die sie abtat. Wann sollte dieses Service denn genutzt werden, wenn nicht zu einer der wenigen Feiern, die ihre Mutter ausrichtete. Der Sekundenauftritt ihrer Schwester an diesem Tag ließ jedenfalls das Geschirr bis zur Auflösung des Haushaltes der Mutter nie mehr das Sonnenlicht erblicken, sondern verstaubte Jahre im Dunkel des riesigen braunen Eichenbüffets im Wohnzimmer.
Die kobaltblaue Glastortenplatte mit Goldrand ihrer Großmutter war hingegen mehrmals jährlich ein beliebtes Gebrauchsobjekt. Wenn das Blau auf dem Wohnzimmertisch stand, feierte man entweder Beerdigung oder Geburtstag. Je nach dem diente die Platte als Ablage für Käse- oder trockenen, nordhessischen Zuckerkuchen. Sie glänzte auf dem Tisch, bis man sie am späten Nachmittag in die Küche räumte, fein säuberlich mit der Hand spülte, um sie dann wieder in der kleinen Vitrine, die in der ‚Guten Stube‘ stand, zu verschließen. Jahr um Jahr hatte sie ihre Auftritte, die Tortenplatte, bis meine Großmutter anfing zu schwächeln. Sie zog zu ihrer Mutter ins Haus, und die kobaltblaue Glastortenplatte zog mit, wo sie ein paar Jahre neben dem Veilchenservice im Eichenbüffet schlummerte. Aber zu Großmutters Geburtstag landete sie immer auf dem Tisch, mit Käsekuchen bestückt. Und zu ihrer Beerdigung servierte man den nordhessischen Zuckerkuchen auf dem Kobaltblau. Am Abend, nachdem sie die Oma beisetzten, der Leichenschmaus und Aufwasch erledigt war, drückte ihre Mutter sie ihr in die Hand, die Glasplatte. „Hier, nimm Du sie jetzt, ich brauche sie nicht mehr.“
Und dann waren da noch die Likörgläser ihres Mannes, seine erste Einladung zum Essen an sie. Sie war furchtbar nervös und stand zehn Minuten früher vor seiner Haustür, als ursprünglich geplant. Trotzdem des bitterkalt war und sie keine Handschuhe trug, verharrte sie bis zur ausgemachten Uhrzeit draußen vor der Tür. Was er damals kochte, weiß sie nicht mehr, aber sie erinnert sich noch an die kleinen handgeschliffenen Likörschalen, in denen er als Aperitif den Sekt servierte. „Ein Erbstück meiner Großtante. Sie sind über 80 Jahre alt. Es gibt noch alle acht Gläser davon“, sagte er, als er ihr die Likörschale reichte. Doch durch die Taubheit ihrer angefrorenen Finger bekam sie das Glas nicht richtig zu fassen und es fiel mit lautem Klirren zu Boden. Geheiratet hat er sie trotzdem.

Ja, in ihr schlummern viele Geschichten über Dinge aus Küchen- und Wohnzimmerschränken, aber die Erinnerung an das Schälchen ist eine Besondere für sie.

Das Schälchen was sie gestern fallen ließ war aus unterschiedlichen Gründen besonders. Nicht nur die Optik war mehr als schön. Die Grundfarbe war weiß, gepaart mit einem filigranen schwarzen Muster, gleichmäßig geschwungene hauchzarte schwarze Pinselstriche, fortlaufend, ohne Ecken und Kanten. Die Bemalung fand sich innen wie außen wieder. Ein wenig erinnerte es an Mandala-Zeichnungen. Das Schälchen war klein, perfekt für Tapas geeignet, und es gibt es in seiner Art noch zweimal in ihrem Schrank, aber eben nur in seiner Art, denn jedes ist ein Unikat. Sie kaufte sie damals, im Oktober 2011 in Mexikocity als Trilogie. Es war eine Reise voller Emotionen, mit viel Freundschaft und mit viel Herzblut. Im August starb ihre älteste Schwester nach langer Krankheit, und der Schmerz darüber reiste erst einmal diffus an ihrer Seite mit. Auf der anderen Seite, sehr real, war eine ihrer liebsten Freundinnen, die ihr diese Tour überhaupt erst ermöglichte, und die Mexiko aufgrund ihres Berufes schon oft besuchte und für sie, die überwiegend, bis auf wenige Ausnahmen nur auf dem europäischen Kontinent pendelte, als eine wunderbare Reiseführerin agierte. In einer Woche sah sie so viel wie andere wahrscheinlich in einem Monat. Sie, die Freundin, brachte sie an Orte, die sie allesamt in ihr Herz schloss. Sie bewegten sich nicht in und mit dem üblichen Tourismus-Nap, sondern erlebten Mexikocity im ehrlichen Alltagsfluss.

Am zweiten Tag der Reise erfüllte die Freundin ihren größten Wunsch, und der Grund, warum sie Mexikocity überhaupt als Reiseziel wählte. Sie besuchten das blaue Haus von Frida, ihrer Lieblingsmalerin. Sie hielten sich über mehrere Stunden dort auf, und während sie in ihrem Garten auf sonnengelben Stühlen eine Pause einlegten, überkam sie ein unbeschreibliches Gefühl, so nah bei Frida zu sein. Sie spürte ihren Spirit, ihren Glanz, ihre Stärke. Aber auch der kleine Schmerz ging mit einher, die lebenslange Krankengeschichte von Frida, dessen Auswirkungen sich mit der Krankheit ihrer Schwester glichen. Alles überkam sie, und ihre Freundin und sie drückten sich, sehr fest und sehr innig. Einer ihrer schönsten Momente der Reise. Einer. Ein zweiter animierte sie zum Kauf der Schälchen-Trilogie.

Der Markt, den sie am vierten Tag besuchten war geprägt von geheimnisvollen Gerüchen und sonnendurchwachsenen, kräftigen Farben. In allen Variationen zeigten Händler typisches mexikanisches Kunsthandwerk. Traditionelle Stoffe, Gefäße, Schmuckstücke und vieles mehr wurde präsentiert. Ein buntes Sammelsurium von Möglichkeiten des Kaufens zeigte sich ihnen, und sie war geplättet von der großen Vielfalt. Der Markt war teilweise durch Tücher überdacht, doch gab es auch viele sonnige Abschnitte, so dass die kleinen, verwinkelten Marktgassen durch die Hitze auch eine Herausforderung darstellten. Darüber hinaus kam es zu Verengungen durch Menschenmengen, die bewältigt werden wollten, und so war sie trotz der vielen positiven Eindrücke auch froh und dankbar, gemeinsam mit der Freundin in eine Seitengasse schlüpfen zu können, die ein wenig vom Trubel verschont blieb. Die Sonne leuchtete hell in den mit Tüchern abgetrennten Raum, in dem sie sich wiederfanden. Das durchflutete Licht breitete sich über Bambusregale aus, auf denen andächtig handgefertigte Tongefäße standen. Hier wirkte nichts überladen oder kitschig, sondern jedes noch so kleine Behältnis hatte genug Spielraum, um sich mit all seiner Pracht entfalten zu können. In der Mitte saß ein junger Mann an einem Holztisch, der intensiv beschäftigt war, und sie erst bemerkte, als sie sich näherten. Er führte gleichmäßig einen Einhaar-Pinsel mit schwarzer Farbe auf einem Tonschälchen entlang, das bereits weiß lackiert war. Die anmutigen Bewegungen, die er dafür tat, wirkten hochkonzentriert. Es war fast überladen schön, wie ein paar Sonnenstrahlen mit seinen schwarzen Haaren spielten, während die langen Finger seiner Hand grazil den Pinsel führten. Es berührte sie sehr, und sie blieb starr stehen und schaute ihm zu. Er blickte auf, und sein Mund lächelte kurz, doch gleich richtete er seinen Kopf wieder gen Schälchen. Und plötzlich, eben noch im farbenfrohen, schnelllebigen Gewusel des Marktes, schlich die Zeit endlos langsam durch ihren Körper zu ziehen. Sie sah zu ihrer Freundin, die ähnlich paralysiert schien. Gefühlte Stunden der Stille breiteten sich in diesem Raum aus und versetzten Beide in Trance. Im gleichen Augenblick dachte sie an ihre Schwester, doch der bis dahin andauernde kleine Schmerz, ihr zweiter Reisebegleiter, wich mehr und mehr von ihr ab. Erleichternd, fast glücklich nahm sie ein Loslassen der Trauer wahr. Sie weiß nicht, wie lange sie so dort standen, da sie kurzzeitig das Gefühl für Raum und Zeit verlor, aber als ihre Freundin und sie wieder aus dem Zustand erwachten, wussten Beide, dass sie ihn eben erlebt hatten, einen Magic-Moment, den es nicht allzu oft im Leben gibt. Gesprochen haben sie in seiner Intensität nie darüber, es ist wie ein gemeinsames Geheimnis zwischen ihnen, dessen Herrlichkeit im Verborgenen ruht. Hier kaufte sie sie anschließend, die drei Schälchen, durchtränkt von diesem Augenblick der Magie.

Sieben Jahre später, am Abend des Tages, als am Morgen das Schälchen zerbrach, traf sie sich mit ihr, jener Freundin. Sie verbrachten einen wunderbaren Abend zusammen, und stoßen wie schon so oft zum Schluss mit Margarita auf das Leben an. Später, vor dem Schlafen gehen dachte sie an Mexiko. Und sie fühlte wieder die stehengebliebene Zeit des Loslassens, und ein kleines Lächeln wich ihrem Mund.

"Nada hay absoluto. Todo se cambia, todo se mueve, todo revoluciona, todo vuela y se va."

„Nichts ist absolut. Alles verändert sich, alles bewegt sich, alles dreht sich, alles fliegt und verschwindet.“
Frida Kahlo

Für Dany

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