Die neue Bildungsanstalt

von Ian Reichl
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Die Sommerferien stehen vor der Tür, allen Grund gute Laune zu haben, wäre da nicht noch das Schulfest. Jedes Jahr ein Spektakel wenn die Eltern der neuen Fünfklässler auf ihre zukünftige Bildungsanstalt treffen:
Der kleine Justus, gerade elf Jahre alt geworden, spielt ohne große Vorahnung im Garten Fußball bis seine Mutter die Gartentür auf reist und mit einer Geschwindigkeit auf Justus zu rast, dass die Szene ohne weiteres eine Szene aus dem Film Jurassic Park sein könnte in der ein wild gewordenes Rhinozeros gerade auf Justus zu rennt. Jedenfalls bestätigt dies auch Justus Blick, der zu diesem Zeitpunkt aus zwei eindeutig erkennbaren Komponenten besteht: „Verwirrung“ und „pure Angst“.
Ohne dem Elfjährigen die Chance zu geben die Situation einschätzen zu können, befindet sich Justus nun im Ankleidezimmer seines Vaters und binnen weniger Sekunden verwandelt sich Justus vom elfjährigen Jungen zum vierzigjährigen Sachbearbeiter. Seine Mutter, in der einen Hand das Telefon, mit dem sie sein Vater regelrecht zur Schnecke macht da er sich um zwei Minuten verspäten werde. Nur schüchtern hört man von der anderen Seite der Leitung die Worte: „Mia culpa“ was in diesem Kontext nur so viel bedeutet wie: „Gnade mir Gott“.
Man befindet sich nun in der „heißen Phase“. Fünf Minuten vor Abfahrt, die Mutter zwischenzeitlich mit dem Brockhaus in der Hand um sich noch sämtliche Fakten über die deutsche Geschichte reinzuprügeln um den neuen Geschichtslehrer zum Einstieg erstmal in den Senkel zu stellen.
Endlich erreicht der Vater die Einfahrt des Hauses. Ohne große Begrüßungsfloskeln steigt der immer noch völlig ahnungslose Justus und seine hysterische Mutter ins Auto. Nach nur einer kurzen Phase des Schweigens, wurde nun der Schlachtplan für die Schulbesichtigung in Angriff genommen. Ja, der ein oder andere Logistiker wäre höchstwahrscheinlich blass geworden. Nach dem kurzen Exkurs für den elfjährigen ins Zeitmanagement, erreicht man auch schon die Schule.
Um für diesen Anblick ein passenden Vergleich zu finden, lässt sich hier ohne weiteres die Operation „Overlord“ anführen, in der die Alliierten versuchten die Normandie zu stürmen. Panische Eltern die über das Schulgelände hetzen um bloß keine Vorstellung zu verpassen. Justus Mutter die gerade in diesem Moment entschieden hat, die Abendlektüre von ihrem Jungen von „das magische Baumhaus“ auf „im Westen nichts Neues“ umzustellen um den Bildungsauftakt des Jungens perfekt zu machen. Der Vater, der sich auf dem Weg nachhause befindet um den größeren Wagen zu holen, damit auch sämtliche neu gekauften Lektüren fachgerecht verstaut werden können.
Zwei Stunden später trifft man sich wieder am Auto. Justus der innerhalb dieser zwei Stunden mindestens um 5 Jahre gealtert ist erreicht völlig erschöpft das Auto an dem er auf seinen Vater trifft der zu seiner Überraschung völlig fertig auf einer nur noch halb vollen Bierkiste mit Zigarette im Mund sitzt und sichtlich betet das seine Frau die neue Bildungsstätte für die richtige halten würde. Selbst die Mutter, die langsam die Rolle des Feldwebels ablegte, wirkte erschöpft.
30 Jahre später erinnert sich Justus an diesen Tag, der alles verändern würde. Nun sitzt Justus in einem Büro mit Anzug und Krawatte und überlegt was noch aus ihm hätte werden können. Der Traum einen handwerklichen Beruf ausüben zu können bleibt für Justus also ein Traum und die von seiner Mutter geschaffene Realität zum Albtraum.

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Kommentare

16. Sep 2019

Dieser Text soll darauf aufmerksam machen, wie Eltern die Talente und Interessen ihrer Kinder vernachlässigen und nur diesen einen Weg für den richtigen Weg halten. Und wie die Gesellschaft nur diesen Weg akzeptiert. (Ich selber bin 19 Jahre alt und machte dieses Jahr mein Abitur)