Fata Morgana

Bild von Claudia Willmes
Mitglied

Schweigend sitzen wir uns gegenüber, vis-á-vis,
nur du und ich, inmitten des unberührten weißen Wüstensandes.
Aufmerksam betrachte ich deine reglose Gestalt,
sauge mich hinein, in ihre feinen Linien und Konturen,
male sie mit dem Finger in die flirrende Luft, die uns einhüllt,
wie in eine kühlende und wärmende Decke zugleich.
dein Blick berührt mich zart wie eine weiche Daunenfeder,
die sanft über meine warme, nackte Haut streichelt.
Verträumt hängt mein Blick an deinem vertrauten Gesicht.
Winzige Sandkörner sammeln sich in deinen dunklen Brauen, auf deiner Oberlippe
und in deinen zu einem Lächeln geformten Mundwinkeln,
sie schimmern wie Diamantstaub in den feuchten Spuren deiner Schweißperlen.
Die Iris deiner Augen spiegelt die Farben des Ozeans wider,
und ich verliere mich in ihrem Strudel wie eine Ertrinkende.
Dein Atem klingt wie sein rhythmisches Rauschen,
wenn er sich uns durch den Sand entgegen wirft
und die nackten Füße mit feuchtem Schaum benetzt,
um sich danach geschmeidig wieder zurückzuziehen.

Das satte Blau des Horizonts ziert ein schmales Wolkenband,
es hält dein widerspenstiges Haar zusammen,
durch das sich die raue Brise gräbt, wie der Pflug durch den Ackerboden eines Kornfeldes.
Kleine Lawinen aus feinem Sand rieseln unablässig von deiner Brust und deinen Armen herab,
entwerfen eine winzige Dünenlandschaft in deinem Schoß.
Über unseren Köpfen raschelt das Blätterdach einer Dattelpalme,
die gleißenden Sonnenstrahlen stehlen sich kraftvoll hindurch,
formen helle, tanzende Flecken auf Nase, Stirn und Wangen.
Ich will sie berühren, dich spüren für einen einzigen Moment,
doch meine Hand greift ins Leere,
denn du bist nicht aus Fleisch und Blut,
ein Trugbild nur, gleich einer Fata Morgana
in der Wüste meiner Erinnerungen, so lebendig,
schmerzlich und doch süß zugleich.

Schon bald wirft die Abenddämmerung ihre Schattennetze aus,
sie holen das Licht der untergehenden Sonne ein
und das Bild von dir löst sich in ihrem Dunst allmählich auf,
entflieht mit der hereinbrechenden Dunkelheit,
die den Tagtraum mit sich nimmt,
um meine Vision von dir im Sand, unter der glutroten Sonne, wieder sicher zu verschließen
in der Schatztruhe des unergründlichen Kosmos.

(c) Clou Dy 2017

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Interne Verweise

Kommentare

17. Jun 2017

Wunderschönes Bild und wunderschöner Text.
Doch mit Trugbildern ist es wohl manchmal wie verhext.

Liebe Grüße,
Annelie

17. Jun 2017

Ja, so einem Romantiker,
dem ist das Herzelein oft schwer
und weil´s mir so im Blute liegt,
ich´s einfach mal da nieder schrieb.
Danke für deinen netten Kommentar, liebe Annelie und ein schönes Wochenende wünsch ich dir!
LG Claudia

18. Jun 2017

Vielen Dank, Hakan, für dein positives Feedback, freut mich sehr. Ich wünsche dir noch einen erholsamen Sonntag Abend!
LG Claudia