Sonntag

von Julian April
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Es ist Sonntag. Schon wieder. Passiert in letzter Zeit ziemlich häufig. Seit 22 Jahren ungefähr alle 7 Tage. Oder besser gesagt an 14,28% aller Tage meines noch nicht so langen Lebens.
Das bringt mich auf den Gedanken, dass 14,28% aller Erwachsenen laut eigenen Aussagen regelmäßig in Begleitung eines Kuscheltiers verreisen.
Haben Sie nicht gewusst, was?
Tja, was machen Sie jetzt mit dieser Information?
Vermutlich gar nichts.
So wie ich an Sonntagen.
Sie machen rein gar nichts.

Die Idee an sich ist ja eigentlich gar nicht so schlecht. Wie wäre es, einen Tag zu schaffen, der aus der grauen Masse der restlichen 85,72% der Woche heraussticht?
Einen Tag, der ganz anders ist.
Einen Tag, an dem man Strom sparen kann, weil man sein Handy über Nacht nicht aufladen muss, aus dem einfachen Grund, dass man am nächsten Morgen keinen Wecker braucht.
Und an dem man dann trotzdem um 6:33 Uhr aufwacht.
Mit dem Unterschied, dass man sich im Bett nochmal gemütlich umdrehen kann.
Um dann 20 Minuten die Wand anzustarren.
Und dann sein Handy rauszuholen.
Das nicht aufgeladen ist.

Einen Tag, an dem man das Fenster öffnen, den Vögeln lauschen und einen ausschweifenden Blick auf den Teil der Welt werfen kann, den man sonst nur im Halbdunkeln wahrnimmt, wenn man um 7:15 die Wohnung verlässt und im Volldunkeln, wenn man um 19:47 wieder zur Tür hineinstolpert. Klar, es könnte auch sein, dass man erst um 7:56 die Wohnung verlässt, aber in diesem Fall bliebe normalerweise keine Zeit mehr, um den Blick irgendwohin zu werfen.
Geschweige denn irgendwelchen Vögeln zu lauschen.
Die es hier in der Innenstadt sowieso nicht gibt.

Einen Tag, an dem einen ganz ausnahmsweise niemand fragt, ob man schon die sechs Stockwerke entfernte Post aus dem Briefkasten geholt hat, weil ja am Sonntag, wie jedes Kind weiß, keine Post ausgetragen wird.
Das war jetzt ein Witz, weil ich natürlich keine Post bekomme.
Und auch weil mir keiner einfällt, der mich in meiner 26 Quadratmeter Einzimmer „Wohnung“ danach fragen könnte.
Wird Sonntags die Post ausgetragen?

Einfach einen Tag an dem man all die Sachen machen kann, für die von Montag bis Samstag keine Zeit ist. Womit wir wieder beim Thema wären. In meinem Fall ist das nämlich nicht besonders viel.
Denn es gibt einige Sachen, die man sonntags nicht machen kann.
Zuallererst kann man natürlich nicht einkaufen. Das fällt mir meistens dann auf, wenn ich mit dem Bestaunen der Natur und dem Belauschen der Vögel fertig bin und mich dem Penny nähere um mir Toastbrot und einen neuen Karton Milch zu kaufen.
Den letzten musste ich mal wieder halb voll wegkippen.
Den vorletzten auch.
Und wahrscheinlich auch den vorvorletzten aber da bin ich mir nicht sicher.
Ist zu lange her.
Ich trinke nicht so oft Milch.
Aber Sonntags habe ich irgendwie immer Lust drauf. Wie gesagt an diesem Tag ist alles ganz anders.
Naja, wenn ich jetz schon unten bin, kann ich ja immerhin direkt noch die Post holen.
Haha.

Ebenso gestaltet sich das Pflegen sozialer Kontakte sonntags überraschend schwierig. Klar, eigentlich müssten ja alle Zeit haben, aber während die einen erst um 1 Uhr mittags aufstehen, weil ja gestern mal wieder Samstag war, gehen die anderen schon um 21 oder 22 Uhr (je nach Qualität des Tatorts oder alternativ des Pro7 Megablockbusters) schlafen, weil ja morgen schon wieder Montag ist.
Das passiert in letzter Zeit ziemlich häufig. Das mit dem Montag.
Wollen Sie wissen wie oft genau?
Vermutlich nicht.

Und dann gibt es diese eine Sache, die ich sonntags einfach nicht machen kann, auch wenn ich es mir immer und immer wieder vornehme und versuche mein bestes zu geben:
Ich kann an einem Sonntag einfach nicht entspannen.
Das ist das Kernproblem des ganzen. Da liegt der Hund begraben.
Das darf man sonntags übrigens auch nicht tun.
Also einen Hund begraben.
Jedenfalls als Jude.
Oder ist das bei denen am Samstag so? Egal ich schweife ab.
Also ich kann sonntags nicht entspannen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich tue ja nichts. Aber genau da liegt das Problem. Wir leben in einer Zeit, in der Nichts-Tun irgendwie einen komischen Beigeschmack hat.
Wenn mich jemand fragt „Hey, was machst du morgen so?“ und ich antworte „Ach eigentlich nichts“ dann folgt darauf entweder unsicheres Gelächter, peinliches Schweigen oder die ungemein hilfreiche Frage: „Ist alles okay?“
Und das ist es ja eigentlich auch.
Nur kommt es einem nicht so vor.
Denn auf dem Heimweg (wie gesagt, in meiner Wohnung gibt es niemanden, der mich irgendetwas fragen könnte) stellt sich mir dann immer die Frage, ob ich nicht doch noch etwas tun muss. Etwas, für dass ich den Rest der Woche keine Zeit hatte. Vielleicht die eine Sache, die ich schon immer mal machen wollte. Die ich vielleicht schon die ganze Woche oder den ganzen Monat oder all die 22 Jahre vor mir hergeschoben habe. Vielleicht ist diesen Sonntag der Tag dafür.
Der Tag um etwas Großes zu erreichen.
Der Tag der einen großen Idee, die mein Leben verändern kann. Denn irgendwann wird es ja mal Zeit mein Leben zu verändern. Bisher hat der große Kick ja irgendwie gefehlt. Aber an 85,72% der Tage fehlt mir einfach die Zeit dazu.
Jedenfalls rede ich mir das ein.

Und dann passiert es wie so häufig in letzter Zeit: Es ist Sonntag. Ich wache um 6:53 auf, starre an die Wand, hole mein nicht aufgeladenes Handy hervor, öffne ein Fenster, lausche den nicht-existenten Vögeln, lasse meinen Blick über die Umgebung schweifen und überlege, was ich heute großartiges tun kann um mein Leben etwas aufregender zu gestalten.
Nur fällt mir nie etwas ein. Dann mache ich wieder nichts.
Außer Texte darüber zu schreiben, wie anstrengend Sonntage sind.
Was ungefähr aufs gleiche rauskommt.

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