Die Wiederauferstehung

von Chris Mangan
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Manchmal, direkt nach einem Wettkampf, konnte es sein, dass ich sexuell erregt war. Das geschah vor allem dann, wenn ich auf einem der vorderen Plätze landete, ich also topfit und erfolgreich war. Es konnte passieren, dass ich mich in eine abschließbare Umkleidekabine verdrückte, im Idealfall eine mit Spiegel, und dann stolz meinen definierten Körper betrachtete. Noch immer im Wettkampfmodus, sah ich zu, wie die Ausbuchtung in meiner knappen Schwimmhose immer größer wurde. Ich strich mit der Hand darüber und schälte ihn schließlich aus meiner zweiten Haut. Durch die plötzliche Befreiung schwoll er noch mehr an. Ich empfand mich dann als unbesiegbar, als stählern und das machte mich geil. Richtig geil. Mit meinem Schwanz in der Hand, tagträumte ich, dass Sarah neben mir stünde und mich lustvoll anschaute. In meiner Phantasie trug sie meist einen roten Badeanzug, ähnlich wie die Rettungsschwimmerinnen aus Baywatch, dazu schwarze, glänzende Pumps. Billig, ich weiß. Ihr langes, blondes Haar fiel lose herunter und ihre Schneewittchenhaut war so weich wie sie aussah. Ihre Kurven, ihr Becken und ihr voller Busen, standen im Kontrast zu den Körpern der Wettkampfschwimmerinnen, die wie Surfbretter im Wasser lagen: hart und flach. Während ihre imaginäre Hand meinen Prengel ertastete und liebevoll streichelte, hielt ich sie im Arm und schaute mich selbstverliebt im Spiegel an, fokussiert auf mich und meine Männlichkeit, die in Sarahs Anwesenheit und Begierde Bestätigung suchte und fand. Sarah war damals eine Trophäe an meinem Arm, mehr nicht. Wie sehr sie mich trotzdem liebte, merkte ich erst später. Viel später.

*

Einmal, ungefähr ein Jahr nach Toms Unfall, waren wir beide auf eine Geburtstagsparty eingeladen. Es war das erste oder zweite Mal, dass wir uns überhaupt wieder unter Leute trauten. Die Party fand im Vereinsheim statt, es waren bestimmt an die hundert Leute dort. Als Tom in seinem Rollstuhl hereingefahren kam, ich direkt hinter ihm, brandete Applaus auf. Tom war das sehr unangenehm und mir auch. Wir beide hatten keine Ahnung, wofür der Applaus war. Dafür, dass wir wieder unter Menschen gingen? Was hatten sie erwartet? Dass wir uns in ein Loch verkriechen und bis zu unserem Tod darin hocken blieben?

Es gab viel gequältes Lächeln auf dieser Party. Die meisten Gäste, die wir für Freunde hielten, grüßten aus der Distanz, machten dann aber keine Anstalten auf uns zuzugehen. Selbst Toms Trainer huschte nur kurz an uns vorbei.
„Hey, Tom“, sagte er übertrieben jovial, „super cool, dass du da bist. Du natürlich auch, Sarah. Ich muss kurz zum Chef, aber ich bin gleich wieder da. Lasst uns was trinken, ja? Das müssen wir feiern.“
Wir haben ihn dann den ganzen Abend nicht mehr gesehen.

Der Einzige, der sich uns gegenüber ganz normal verhielt, war Jan. Er kam direkt auf uns zu, umarmte mich und dann Tom im Rollstuhl.
„Wollen wir was trinken?“, fragte er gerade heraus und zeigte Richtung Bar. Wir nickten, dankbar, aus der großen Eingangshalle und damit aus dem Fokus rücken zu können.

Jan unterhielt sich völlig ungezwungen mit uns. Er fragte Tom nach seinen Fortschritten, fragte, ob er sein Studium wieder aufnehmen würde und ob er sich schon mit dem Rollstuhl arrangiert hätte. Er erzählte ein paar Geschichten über die Leute aus dem Verein, über die Vorbereitung für die deutsche Meisterschaft und dass er sich gute Chancen bei den 200m Rücken ausrechnete.

„Jetzt, wo mein größter Konkurrent aus dem Rennen ist“, meinte er dann scherzhaft zu Tom. Sofort danach verzog er das Gesicht, ließ die Mundwinkel hängen und erstarrte kurz.
„Entschuldige, Tom, so war das nicht gemeint.“
Aber Tom lachte nur, und meinte, dass das schon in Ordnung sei.
„Endlich mal jemand, der mich nicht die ganze Zeit mit Samthandschuhen anfasst. Und du hast ja Recht: Ich bin aus dem Rennen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Vorerst“, sagte er dann, und jetzt lachten wir alle drei im Chor. Ich merkte, wie Tom und ich lockerer wurden und wäre ich nicht auf Klo gegangen, wäre es vielleicht wirklich ein schöner Abend geworden.

Aber auf dem Klo bekam ich dann mit, wie manche wirklich über uns dachten. Ich saß in einer Kabine, als drei von den Schwimmerinnen rein kamen. Ich erkannte sie an ihren Stimmen, es waren Jeanette, Helena und Lara. Sie kamen laut lachend herein und es schien, als wären sie nur zum Nasepudern herein gekommen. Erst redeten sie über Belangloses, aber dann kam die Sprache auf Tom.
„Habt ihr Tom gesehen?“, fragte Lara und schnappte dabei gekünstelt entsetzt nach Luft.
„Ja, schlimm, ne!?“, ätzte Jeanette sofort. „Wie der abgenommen hat. So’n blasses, fahles, Gesicht, ich dachte, was kommt denn da für ein Gespenst rein. Ich hab erst gar nicht kapiert, dass das Tom ist. Ich versteh auch nicht, warum der überhaupt hier ist, das muss doch alles super deprimierend für ihn sein.“
Ich sah zwar nichts, aber ich konnte die Zustimmung der beiden anderen Mädchen praktisch durch die Kabinentür fühlen.
„Der wird doch nie wieder schwimmen können“, meinte Helena.
„Ja, aber für Sarah ist das doch alles noch schlimmer. Stellt euch mal vor, euer Freund wär plötzlich n’Krüppel. Egal, was ihr macht, ihr habt verloren, so oder so. Entweder ihr trennt euch, dann heißt es, wat’ne treulose Schlampe, oder aber ihr bleibt bei ihm, dann müsst ihr es aber mit’nem Krüppel aushalten. Is’ doch Kacke.“

Am liebsten wäre ich aus der Kabine gestürmt und hätte allen dreien eine reingehauen. Stattdessen hatte ich Angst, dass sie mich wahrnehmen. Ich zog die Beine an und hockte mich solange auf die Toilette, bis ich sicher war, dass sie gegangen waren. Erst dann drückte ich behutsam die Toilettenspülung und stakste zum Waschbecken.

„Wo warst du so lange?“, fragte Tom als ich mit steinerner Miene zurück kam.
Wir blieben zwar noch zwei Stunden, aber innerlich hatte ich mich schon von allen und allem im Verein verabschiedet.

*
Knack. Die Lautmalerei trifft den Nagel auf den Kopf. Knack. Ein Schlag auf die Schädeldecke. Knack. Und danach war nichts mehr wie vorher. Das Wasser, in dem ich mich immer so zuhause gefühlt hatte, spülte mich nach oben, an die Oberfläche, warf mich ans Ufer wie einen toten Fisch. Mit dem Bauch nach oben trieb ich dort entlang und nahm die Schreie der Saufkumpanen nicht wahr. Ich erinnere mich an ein

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