Die Frau aus dem Nebel - Page 9

Bild von Nicole Schrake
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Augen schrieen geradezu um Hilfe. „Nicht hier.“ würgte die traurige Frau hervor. Sven schwieg. Er startete den Wagen und beide fuhren Richtung St.-Peter-Ording, zu Svens Haus.

Eine Viertelstunde später, die in vollkommener Stummheit, vonstattengegangen war, erreichten sie ihr anvisiertes Ziel. Sven parkte den Wagen vor dem Carport, ging um das Auto herum und öffente Marleen die Tür. Wenig später standen beide im Flur des Hauses. Marleen sah sich um. Es wirkte alles so heimelig, gemütlich, ja, wie ein Zuhause, das einen umfing und die raue Realität direkt vor der Tür aussperrte, wie einen unliebsamen Gast. Der Wind nahm immer mehr zu und pfiff um das Haus. Laut Radio wurde ein Sturm für die Nacht erwartet und das Land duckte sich bereits vor der heranziehenden Armee der Naturgewalten. Sven führte Marleen in das Wohnzimmer. Diese ließ sich in die weiche Couch sinken. „Möchtest Du einen Cappuccino?“ „Etwas Stärkeres wäre mir lieber.“ erwiderte Marleen und versuchte zu lächeln, was kläglich misslang. Svens Besorgnis wuchs. Was war mit seiner schönen Bekanntschaft geschehen? Ihre Traurigkeit konnte man geradezu greifen. Sven ging zur Bar und kredenzte zwei Dimple. Schweigend reichte er Marleen das Glas und prostete ihr zu. Sie leerte das Glas in einem Zug. Schlagartig verflog die Kälte in ihr, die sie seit Tagen gefangen nahm, ihr Herz einem Eisklumpen gleich in der Brust schlagen ließ, sie hatte Angst, einfach fürchterliche Angst. In wenigen Tagen war ihre heile Welt zusammengebrochen, das sorgsam gewobene Geflecht aus Erfolg und Sicherheit, verpufft in wenigen Minuten in einem MRT, das die Wahrheit ans Licht förderte. Man wurde ungefragt zu einem Spielball des Schicksals, auf dem man nunmehr auf einem maroden Kahn der Hoffnung gleich über die Wellen des Lebens jagte, ohne zu wissen, wo der Hafen war.

„Was ist los?“ fragte Sven drängend und sah in Marleens Gesicht. Sie sah ihn an. „Komm, her zu mir.“ bat sie den Mann und klopfte auf das Sofa. Sven stand auf und ließ sich neben Marleen nieder. Behutsam legte er seinen linken Arm und die zarten Schultern der Frau, die sich nun an seine Brust lehnte und tief Svens Duft einatmete. Ein Schluchzen erschütterte den schmalen Frauenkörper und Marleen fing an zu weinen. All die mühsame Contenance ertrank in einem Meer aus Tränen. Sven fühlte sich hilflos, drückte Marleen fest an sich und streichelte ihr etwas unbeholfen über die zuckenden Schultern. Nach ungefähr 10 Minuten ebbte der Tränenfluss etwas ab. Marleen kramte mit zittrigen Fingern in ihrer rechten Hosentasche und entnahm ein Tempotaschentusch. „Entschuldige bitte.“ wisperte sie leise und schneuzte sich die Nase. Dann hob sie den Kopf und sah Sven an. Selbst die Tränen konnten ihren Augen nicht die Schönheit nehmen. Sven beugte sich vor und küsste der traurigen Frau den letzten salzigen Tropfen sanft von der rechten Wange. Der Mann genoss den Duft ihrer Haut und in ihm keimte der übergroße Wunsch auf, dieses zerbrechliche Wesen an seiner Seite zu beschützen und zu behüten. Marleen wandte den Kopf und küsste Sven auf den Mund. Ein scheuer, zaghafter Kuss, der alles verdampfen ließ, was an Skepsis und Vernunft in den beiden Menschenköpfen noch vorhanden war. Jetzt gab es kein Halten mehr. Sven umschlang Marleen und sie überließ sich seinen starken Arm. In jenem Moment fand sie den Halt und Trost, das, wonach sie sich so sehr sehnte.

Mitten in der Nacht wachte Marleen auf und sah auf den nackten Mann neben sich, von dem nur ein breiter Rücken und ein verwuschelter Schopf aus dem riesigen Plumeau lugte. Marleen beugte sich vor und küsste Sven ganz sacht zwischen die Schulterblätter. Dieser murmelte im Schlaf und griente seelig. Marleen stieg leise aus dem Bett und hüllte sich in eine Decke, die am Fußende des Bettes lag. Dann trat sie an das Fenster und sah in die stürmische Nacht hinaus. Der Wind riss die Wolkendecke in Fetzen und ab und zu lugte ein fahler Mond totenkopfgleich auf die Erde. Marleen dachte an die vergangenen Stunden voller Leidenschaft und Ekstase. Sie konnte sich vollkommen fallen lassen, versunken, in den Mann, den sie erst seit Kurzem kannte und der ihr dennoch so vertraut erschien. Morgen, morgen würde sie mit ihm sprechen. Bis dahin gehörte die Nacht ihnen. Sie wollte sich an ihn schmiegen, ihn spüren und die Wirklichkeit wenigstens noch für ein paar Stunden verleugnen. Es konnte doch nicht schon alles vorbei sein, jetzt, wo es gerade erst anfing.

Der Morgen brach viel zu schnell an. Angespannt und blass saß Marleen am Esszimmertisch. Sven brachte ihr schweigend eine Tasse Kaffee, dann setzte er sich ihr gegenüber: „Ich bin ganz Ohr.“ sagte er nur und Marleen erzählte ...

Sven stand am Fenster und sah in den Garten. Die Sonne ergoss ihren goldenen Glanz in diesen Morgen, in einer Fülle und Pracht, die fast blendete. Sven nippte an seinem Cappuccino. Er drehte sich um und sah die verweinte Marleen an. „Wir schaffen das, gemeinsam. Annelore wird einige Tage das Bistro führen. Ich werde ihr von einer dringlichen Familienangelegenheit erzählen und dann fahren wir zum UKE nach Hamburg-Eppendorf, Du lässt Dich stationär aufnehmen. Ich werde immer an Deiner Seite sein.“ Sven kniete vor Marleen und sah sie eindringlich an. Sie hob den Kopf und versuchte etwas zu lächeln. Seine Wärme tat ihr so gut. Sie streichelte sanft über Svens blonden Schopf. „Da hast Du Dir ja einen Problemfall erster Güte angelacht.“ sagte Marleen traurig, doch Sven sah in ihren Augen einen Funken Hoffnung, Freude darüber, dass sie nicht alleine war. Ja, sie vertraute dem Mann da vor ihr und seine Nähe gab ihr Halt und etwas Zuversicht. Sven lächelte Marleen ermutigend an und griff zu seinem Handy. Er instruierte Annelore, erläuterte die Umstände seiner Reise aber nur vage.

Wenig später fuhren sie zu Marleens Haus, das außerhalb von St.-Peter-Ording in dem Örtchen Welt lag. Klein, schneeweiß, mit einem Reetdach, dazu ein alter Obstgarten. Sven sah sich um; ein bezaubernder Ort. Marleen lächelte und öffnete die Tür. Angesichts der niedrigen Räume musste sich Sven etwas bücken, wenig später standen sie in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer. Hector kam aus der angrenzenden Küche wie von der Tarantel gestochen hervorgeschossen. „Mein Schöner, verzeih mir. Komm, ab in den Garten." Schnell öffnete Marleen dem grauen Rüden die Haustür. Hector bellte laut und entschwand ins Freie. „Hübsch, hast Du es hier.“ sagte Sven uns sah sich um. „Ja, ich liebe dieses Haus. Es wurde 1930 erbaut, eigentlich war dies hier ein großer Bauernhof, doch der brannte vor ungefähr 20 Jahren bis auf die Grundmauern nieder, nur dieses Gesinde-Haus überstand den Brand. Es stand danach lange Zeit leer; der Garten war vollkommen verwildert, viel musste neu gemacht werden, so konnte ich es seinerzeit zu einem Spottpreis kaufen.“ erzählte Marleen. Sie stand in der Mitte des Raumes, sah so klein, zierlich und hilflos aus, dass Sven sie einfach in die Arme nehmen musste. Marleen überließ sich nur zu gern seiner Umarmung. Solange er bei ihr war konnte ihr nichts passieren. „Komm, rufe im UKE an.“ sagte Sven aufmunternd und küsste Marleens Stirn. Sie seufzte und ergriff nur zögernd das Telefon. Wie gerne hätte sie diesen Moment bis in alle Ewigkeit hinausgezögert ...

Die Aufnahme stand um 14 Uhr an. Sven brachte Hector zur „Strandmuschel“, der gleich schwanzwedelnd auf Annelore zulief. Sie streichelte den Hund und sah ihren Chef an. „Ich bin jetzt weg. Wenn etwas ist, Handy oder E-Mail. Ich danke Dir.“ sagte er dann warm zu der blonden Frau. „Geht klar, Chef. Nur keine Bange.“ Die Kellnerin lachte. Nein, Annelore kannte kein wankendes Weltbild, unerschütterlich wie ein Leuchtturm trotzte sie den Widrigkeiten des Lebens, immer mit dem Glauben, dass auch der stärkste Sturm irgendwann einmal Luft holen musste. Sven beneidete sie für ihr Gottvertrauen. Er verließ das Strandlokal. Wenig später fuhren Sven und Marleen los. Der stummen Beifahrerin brannten die Augen, als sie diesen lichtdurchfluteten Morgen einem Schwamm gleich in sich aufsog. Würde sie wieder zurückkehren? Sven ahnte Marleens Gedankengänge, drang aber nicht weiter in sie. Er war genauso angespannt und je mehr Kilometer der schnelle Jeep fraß, umso größer wurde Svens eigene Angst und Hilflosigkeit.

Marleen wurde stationär aufgenommen. Der Verdachtsbefund ließ keinen weiteren Aufschub zu. Nach einem Untersuchungsmarathon stand die Diagnose: Anaplastisches Astrozytom Grad III. Damit hatten sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigt, nun hieß es, den Gorgonen ins Gesicht schauen zu müssen. Marleen stand wenig später für den nächsten Morgen auf dem OP-Plan.

Abends ging Sven in den Krankenhauspark und rauchte eine Zigarette. Marleen war völlig erschöpft und lag schon in ihrem Krankenhausbett. Die Schwester gab ihr eine leichte Beruhigungstablette. Sven sah in den Nachthimmel hinauf und schrie eine stumme Frage in die tiefe Schwärze: Warum? Wenig später ging der rastlose Mann zu Marleen zurück. Sie schlief und sah in dem Bett wie ein verlorenes, einsames Kind aus. Sven zog leise einen Sessel heran und setzte sich neben Marleen. Er nahm ihre kleine, kalte rechte Hand und hielt sie so lange, bis er einschlief.

Der Eingriff dauerte 5 Stunden. Sven verließ den Wartebereich nur für Toilettengänge und Zigarettenpausen. Unmengen schwarzen Kaffees flossen in diesen Stunden durch seine Kehle. Die Gemütsverfassung des Wartenden wechselte von Optimismus zu tiefer Hoffnungslosigkeit. Er sah die MRT-Bilder vor sich: Dieses hässliche Monstrum, das sich in dem Gehirn Marleens ausbreitete, wie ein Parasit; schon eine geraume Zeit darin wuchs und jegliche Lebensplanung zu Staub und Asche verbrannte. Als endlich die Tür zum OP-Bereich klappte, zitterten Sven die Knie. Der Professor erschien im Wartebereich. Er lächelte und spreizte Mittel- und Zeigefinger der rechten Hand zum Victory-Zeichen.

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Die Sommermonate gingen als die heißesten in die Analen Nordfrieslands ein. Nie schienen die Nächte heller und leuchtender gewesen zu sein; das Leben pulsierte und die Sonnenuntergänge, die man Abend für Abend am Strand verfolgen konnte, versetzten jeden hoffnungslosen Romantiker in Ekstase. Die „Strandmuschel" war zu einer angesagten Location geworden, doch Sven hatte sich während Marleens Rekonvaleszenz aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Annelore übernahm seine Stellung und Sven merkte nach kurzer Zeit, dass er sich auf die resolute junge Frau absolut verlassen konnte.

Heute sah er wieder einmal nach dem Rechten. Sven stand in der „Strandmuschel“ am Tresen, trat dann in den Außenbereich und lugte durch die Glasscheibe. Das Meer zeigte sich heute wieder von seiner spiegelglatten Seite. Der Wind strich als warmer, liebkosender Hauch über die erhitzten Gesichter der Badegäste. Marleen stand unten am Wasser und warf Hector ein Stöckchen zu, das dieser begierig auffing und wild herumschleuderte. Marleen lachte. Sie drehte sich um, erblickte Sven und winkte wild, dann warf sie ihm eine Kusshand zu. Sven winkte zurück. Marleen trug einen grünen Badeanzug, der sich an ihren schlanken Körper schmiegte. Hector hüpfte in die Nordsee und versuchte eine darin dümpelnde Möwe zu fangen. Mit einem hämischen Gackern erhob sich diese in die Lüfte und sah auf den verdutzten Hund hinab. Marleen lachte erneut laut auf und watete tiefer in das Wasser, dann ließ sie sich in das kühle Nass gleiten und verschmolz mit ihm. Sie drehte sich auf den Rücken und sah in den tiefblauen Himmel hinauf. Eine Weile ließ Marleen sich von den Fluten treiben, im Einklang mit dem Meer, im Einklang mit sich. Vor einigen Monate musste sie befürchten, alles verloren zu haben und dann fand sie all das, wonach ihr Herz so lange gesucht hatte.

Die Therapien waren abgeschlossen, eine engmaschige Kontrolle blieb bislang ohne Befund. Der Feind schien das Feld geräumt zu haben, vorerst. Marleen ertrug alles klaglos, nur in manchen dunklen Stunden überkam sie eine namenlose Angst, doch die Helligkeit des Sommers und ihre Liebe zu Sven vertrieben die dunklen Gedankenwolken.

Sven verließ die Strandmuschel und ging über den Sand auf Marleen zu. Der Wind strich ihm die blonden Haare aus der Stirn. Es war ein Sommertag, der keine Schatten zuließ, sie verscheuchte, in ihre Schranken verwies. Sven wusste, dass das Schicksal ihnen ein kostbares Geschenk überreicht hatte: Zeit. Der blonde Mann sah seiner Wassernixe zu, wie sie fröhlich Hector mit Wasser bespritzte, den blonden Mann am Strand dann erblickte und aus dem Meer stieg. Svens Herz war schwer, voller Liebe und einer stillen, reinen Freude: Da war sie, seine Frau aus dem Nebel.

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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