Der letzte Prozess: Der Nachlass von Max Brod und Franz Kafka geht nach Jerusalem

09. Dezember 2016
Bild einer Illustration von Franz Kafka
Illustration von Franz Kafka
Urheberrecht: Elsa Korkiainen

Die Odyssee ist vorläufig zu Ende. Erfahren Sie hier mehr über die spannende, zum Teil absurde Geschichte um die wertvollen Manuskripte und Briefe des Schriftstellers Franz Kafka.

Im August 2016 traf der Oberste Gerichtshof von Israel in letzter Instanz die Entscheidung, dass der Nachlass von Max Brod endgültig in der Nationalbibliothek in Jerusalem verbleiben wird. Die Israelin Eva Hoffe hatte zuvor darauf bestanden, die rechtmäßige Erbin des Nachlasses zu sein. Zu der Hinterlassenschaft von Max Brod gehören wertvolle Manuskripte und Briefe des Schriftstellers Franz Kafka. Kafka ahnte wohl nicht, dass der Prozess um sein Erbe einen derart absurden Verlauf nehmen würde, der in vielen Teilen seinem gleichnamigen Roman ähnelt. Die Nachlassverwalter von Max Brod wollten die Dokumente eigentlich verkaufen, vorzugsweise an ein Archiv in Marbach. Jedoch beanspruchte der Staat Israel die Handschriften mit Verweis auf die jüdische Herkunft der beiden Autoren. Der Rechtsstreit zog sich über mehrere Jahre hin, doch das Gericht entschied endgültig, dass die Dokumente in der Nationalbibliothek am besten aufgehoben sind.

Die Dokumente sollten verbrannt werden

Zu diesem wahrlich kafkaesken Prozess hätte es eigentlich gar nicht kommen müssen, denn der deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka (1883 – 1924) verfügte in seinem Letzten Willen, dass die Manuskripte und Briefe verbrannt werden sollen. So hatte es Kafka von seinem engen Freund Max Brod verlangt, dem er die Dokumente hinterließ.

Brod fand unter Kafkas Hinterlassenschaften zwei Schriftstücke. In dem ersten bat Kafka Brod darum, „alles (…) restlos und ungelesen zu verbrennen“, in einem zweiten Schriftstück, das er wahrscheinlich direkt vor seinem Tod verfasste, hieß es: „Von allem was ich geschrieben habe gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (...) alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (...) verbrennen.“

Brod aber missachtete die Anweisungen und vernichtete die Dokumente nicht, nachdem Franz Kafka im Jahr 1924 an Tuberkulose starb. Brod war fest davon überzeugt, die Vernichtung der Manuskripte nicht verantworten zu können und wollte das Werk Kafkas der literarischen Welt zugänglich machen.
 
Max Brod als Kafkas Förderer

Max Brod (1884 - 1968) war ein deutschsprachiger Schriftsteller und Kritiker. Zu Lebzeiten war er selbst erfolgreich, doch sein literarisches Werk ist heute weitgehend unbeachtet. In Erinnerung geblieben ist er der Nachwelt besonders wegen seiner Verdienste als Herausgeber und Interpret des Werks von Franz Kafka. Die beiden trafen sich regelmäßig mit weiteren engen Freunden, um sich gegenseitig aus ihren Manuskripten vorzulesen. Kafkas Texte überzeugten Brod von deren herausragender Bedeutung und er versuchte, den stets an seinem Talent zweifelnden Kafka zu unterstützen und drängte ihn, seine Arbeiten zu veröffentlichen. Kafka war psychisch labil und zeitweise vereinsamt, hatte jedoch lebenslang einen kleinen, aber konstanten Kreis von Freunden und zahllose Bekannte, die hauptsächlich in seiner Heimatstadt Prag lebten. Kafkas Freundschaft zu gewinnen war schwierig, hatte er sich jedoch einmal geöffnet, hielten die Beziehungen oft ein Leben lang. Max Brod wurde nicht nur zur entscheidenden psychischen Stütze, sondern auch zum wesentlichen Förderer und Mentor.

Im März 1939, bevor die Nationalsozialisten Prag einnahmen, floh Brod in einem der letzten Flüchtlingszüge nach Palästina, im Gepäck die wichtigen Schriftstücke seines verstorbenen Freundes. Brod veröffentlichte Kafkas Werke in den folgenden Jahren und der Autor erlangte Weltruhm. Ohne Max Brod wären viele der Romane und Erzählungen Kafkas verloren gegangen.
 
Brods Sekretärin

Als Brod 1968 verstarb, vermachte er zahlreiche Briefe und Manuskripte seiner ehemaligen Sekretärin Ester Hoffe. Auch Familie Hoffe stammte aus Prag und war im Jahr 1940 geflohen, Esters Vater hatte Max Brod bei einem Hebräischkurs kennengelernt. Ester Hoffe begann für den Schriftsteller zu arbeiten, korrigierte seine Manuskripte und tippte sie ab.

In seinem Testament hatte Max Brod allerdings nicht genau angegeben, wo seine Dokumente verbleiben sollten. Im Testament nannte er einige Orte, beispielsweise die Hebräische Universität in Jerusalem und die Stadtbücherei in Tel Aviv, war aber auch offen für „jedes andere öffentliche Archiv in Israel oder im Ausland“. Er legte fest, dass Ester Hoffe darüber bestimmen sollte, an welchem Ort der Nachlass nach ihrem Tod aufbewahrt werden soll, „wenn sie nicht zu Lebzeiten ein anderes Arrangement getroffen hat“.

Es halten sich hartnäckige Gerüchte, Brod und Hoffe seien Geliebte gewesen und Hoffe habe sich den Nachlass nur durch Intimität erworben. Auch deshalb klagte der Staat Israel bereits in den siebziger Jahren gegen Ester Hoffe und versuchte, ihr das Erbe streitig zu machen.

Brods Sekretärin hatte allerdings ganz andere Pläne und verkaufte im Laufe der Zeit einige der Handschriften. Im Jahr 1974 versteigerte sie 22 Briefe, 10 Postkarten und einige andere Dokumente für insgesamt 90000 Mark. Im Jahr 1985 wurde ein Brief von Kafka an Felice Bauer für 11000 Mark versteigert. Der größte Coup war schließlich im Jahr 1988 die Versteigerung des Originalmanuskripts von „Der Process“, das stolze 3,5 Millionen Mark einbrachte. Käufer war das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das später auch Interesse an anderen Dokumenten Kafkas hatte und deshalb mit den Töchtern von Ester Hoffe in Kontakt trat.
 
Der Streit um Brods Nachlass

Nachdem Ester Hoffe im Jahr 2007 verstarb, vermachte sie ihren zwei Töchtern die Dokumente und der juristische Streit entbrannte endgültig. Auf der einen Seite beanspruchte Israel die Schriftstücke, auf der anderen Seite wollten Ester Hoffes Töchter das Recht erstreiten, die Dokumente verkaufen zu dürfen – am liebsten an das Literaturarchiv in Marbach. Dort befindet sich einerseits schon jetzt eine der größten Sammlungen für Kafkas Schriften, andererseits hielten die Töchter die Nationalbibliothek in Israel für zu schlecht ausgerüstet. Die Nationalbibliothek bestätigte zwar, dass die Lagermöglichkeiten nicht dem internationalen Standard entsprechen, dennoch solle das jüdische Kulturerbe in Israel bleiben. Israelische Behörden versuchten, nachzuweisen, die Hoffe-Töchter seien nicht die rechtmäßigen Erben. Das Gericht folgte in letzter Instanz dem Argument, Brod habe in seinem Testament verfügt, sein literarischer Nachlass solle an eine jüdische Bibliothek gehen. Das Gericht kritisierte im endgültigen Urteil Eva Hoffes Verhalten (eine der Hoffe-Töchter war bereits verstorben) während des Rechtsstreit und die Versteigerungen der Dokumente Kafkas durch die Familie. Brod habe „nicht gewollt, dass sein Nachlass an den Meistbietenden verkauft wird", hieß es in dem abschließenden Urteil.
 
Das jüdische Kulturerbe

Der Prozess um die Dokumente brachte neben den juristischen Fragen auch das schwierige deutsch-israelische Verhältnis zutage. Der Streit entfachte sich um die Frage, ob der Nachlass des jüdischen Schriftstellers, der vor Nationalsozialisten fliehen musste, ausgerechnet im Land der Täter landen dürfe. Das israelische Gericht kam zu dem Schluss, dass Brod seinen Nachlass nicht in Deutschland sehen wollte, auch deshalb, weil seine Verwandten ebenso wie Kafkas drei Schwestern von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Darüber hinaus besteht die Frage, ob Kafkas Schriften ein Teil deutscher Literatur sind oder ein Teil des Staates, der sich als Botschafter jüdischen Kulturguts begreift.

Die Nationalbibliothek in Israel jedenfalls zeigte sich sehr erfreut darüber, dass der Nachlass sowohl von Brod als auch von Kafka in Israel verweilen wird. Der Direktor der Nationalbibliothek sprach von einem „Festtag für jede kulturinteressierte Person, in Israel und anderswo". In der Nationalbibliothek soll der Nachlass nach Erhalt so schnell wie möglich katalogisiert und ausgestellt werden. Die Nationalbibliothek kündigte darüber hinaus an, von den wichtigsten Manuskripten und Briefen Digitalisate anzufertigen, die der breiten Öffentlichkeit auf der Internetseite der Bibliothek zugänglich gemacht werden sollen. Schlussendlich zeigte sich die Bibliothek sogar offen für eine Kooperation mit dem Archiv in Marbach.

 

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