TRAUMNOVELLE - Page 9

von Arthur Schnitzler
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„Noch nicht da,“ – dann zu Fridolin, erklärend, „nämlich der Wagen. Immer holt mich ein Wagen ab, und immer ein anderer.“

„Du machst mich neugierig, Nachtigall“, meinte Fridolin kühl.

„Här’ zu“, sagte Nachtigall nach einigem Zögern. „Wenn ich einem auf der Welt vergennte – aber, wie macht man nur –“, und plötzlich: „Hast du Courage?“

„Sonderbare Frage“, sagte Fridolin im Ton eines beleidigten Couleurstudenten.

„Ich meine nicht soo.“

„Also wie meinst du eigentlich? Wozu braucht man bei dieser Gelegenheit so besondere Courage? Was kann einem denn passieren?“ Und er lachte kurz und verächtlich.

„Mir kann nichts passieren, heechstens, daß ich zum letzten Male heite – aber das ist vielleicht auch soo.“ Er schwieg und blickte wieder durch den Vorhangspalt hinaus.

„Na also?“

„Wie meinst du?“ fragte Nachtigall wie aus einem Traum.

„Erzähl’ doch weiter. Wenn du schon einmal angefangen hast... Geheime Veranstaltung? Geschlossene Gesellschaft? Geladene Gäste?“

„Ich weiß nicht. Neilich waren dreißig Menschen, das erstemal nur sechzehn.“

„Ein Ball?“

„Natürlich ein Ball.“ Er schien jetzt zu bereuen, daß er überhaupt gesprochen hatte.

„Und du machst Musik dazu?“

„Wieso dazu? Ich weiß nicht wozu. Wirklich, ich weiß nicht. Ich spielle, ich spielle – mit verbundene Augen.“

„Nachtigall, Nachtigall, was singst du da für ein Lied!“

Nachtigall seufzte leise. „Aber leider nicht ganz verbunden. Nicht so, daß ich gar nichts sehe. Ich seh’ nämlich im Spiegel durch das schwarze Seidentuch über meine Augen...“ Und wieder schwieg er.

„Mit einem Wort,“ sagte Fridolin ungeduldig und verächtlich, fühlte sich aber sonderbar erregt... „nackte Frauenzimmer.“

„Sag’ nicht Frauenzimmer, Fridolin,“ erwiderte Nachtigall wie beleidigt, „solche Weiber hast du nie gesehen.“

Fridolin räusperte sich leicht. „Und wie hoch ist das Entrée?“ fragte er beiläufig.

„Billetts meinst du und soo? Ha, was fallt dir ein.“

„Also wie verschafft man sich Eintritt?“ fragte Fridolin mit gepreßten Lippen und trommelte auf die Tischplatte.

„Parolle mußt du kennen, und jedesmal ist eine andere.“

„Und die heutige?“

„Weiß ich noch nicht. Erfahr’ ich erst vom Kutscher.“

„Nimm mich mit, Nachtigall.“

„Unmeglich, zu gefährlich.“

„Vor einer Minute hattest du doch selbst die Absicht... mir zu ‚vergennen‘. Es wird schon möglich sein.“

Nachtigall betrachtete ihn prüfend. „So wie du bist – kenntest du auf keinen Fall, nämlich alle sind maskiert, Herren und Damen. Hast du eine Maske bei dir und soo? Unmeglich. Vielleicht nächstes Mal. Werde mir was ausspekulieren.“ Er horchte auf und blickte wieder durch den Vorhangspalt auf die Straße, und aufatmend: „Da ist der Wagen. Adieu.“

Fridolin hielt ihn beim Arm fest. „So kommst du mir nicht davon. Du wirst mich mitnehmen.“

„Aber Kollega...“

„Überlaß mir alles Weitere. Ich weiß schon, daß es ‚gefährlich‘ ist – vielleicht lockt mich gerade das.“

„Aber ich sage dir schon – ohne Kostim und Larve –“

„Es gibt Maskenleihanstalten.“

„Um ein Uhr früh –!“

„Hör einmal zu, Nachtigall. Ecke Wickenburgstraße befindet sich so ein Unternehmen. Täglich gehe ich ein paarmal an der Tafel vorbei.“ Und hastig, in wachsender Erregung: „Du bleibst hier noch eine Viertelstunde, Nachtigall, ich versuch’ indessen dort mein Glück. Der Besitzer der Leihanstalt wohnt vermutlich im gleichen Haus. Wenn nicht – dann verzichte ich eben. Das Schicksal soll entscheiden. Im selben Haus ist ein Café, Café Vindobona heißt es, glaube ich. Du sagst dem Kutscher – daß du in dem Café irgend etwas vergessen hast, gehst hinein, ich warte nah der Tür, du sagst mir rasch die Parole, steigst wieder in deinen Wagen; ich, wenn es mir gelungen ist, ein Kostüm zu bekommen, nehme mir rasch einen andern, fahre dir nach – das Weitere muß sich finden. Dein Risiko, Nachtigall, mein Ehrenwort, trage ich in jedem Falle mit.“

Nachtigall hatte einige Male versucht, Fridolin zu unterbrechen, doch vergeblich. Fridolin warf die Zeche auf den Tisch mit einem allzu reichlichen Trinkgeld, wie ihm das in den Stil dieser Nacht zu passen schien, und ging. Draußen stand ein geschlossener Wagen, unbeweglich auf dem Bock saß ein Kutscher, ganz in Schwarz, mit hohem Zylinder; – wie eine Trauerkutsche, dachte Fridolin. Nach wenigen Minuten, im Laufschritt, war er zu dem Eckhaus gelangt, das er suchte, läutete, erkundigte sich beim Hausmeister, ob der Maskenverleiher Gibiser hier im Hause wohnte, und hoffte im stillen, daß es nicht der Fall wäre. Aber Gibiser wohnte tatsächlich hier, im Stockwerk unterhalb der Leihanstalt, der Hausmeister schien nicht einmal sonderlich erstaunt über den späten Besuch, sondern, durch das ansehnliche Trinkgeld Fridolins leutselig gestimmt, bemerkte er, daß während des Faschings gar nicht so selten auch in solcher Nachtstunde Leute kämen, um Kostüme auszuleihen. Er leuchtete von unten aus so lange mit der Kerze, bis Fridolin im ersten Stockwerk geklingelt hatte. Herr Gibiser, als hätte er an der Türe gewartet, öffnete selbst, er war hager, bartlos, kahl, trug einen altmodischen geblümten Schlafrock und eine türkische Mütze mit einer Troddel, so daß er wie ein lächerlicher Alter auf dem Theater aussah. Fridolin brachte sein Begehren vor und erwähnte, daß der Preis keine Rolle spiele, worauf Herr Gibiser beinahe wegwerfend bemerkte: „Ich verlange, was mir zukommt, nicht mehr.“

Er führte Fridolin über eine Wendeltreppe ins Magazin hinauf. Es roch nach Seide, Samt, Parfüms, Staub und trockenen Blumen; aus schwimmendem Dunkel blitzte es silbern und rot; und plötzlich glänzten eine Menge kleiner Lämpchen zwischen offenen Schränken eines engen, langgestreckten Gangs, der sich rückwärts in Finsternis verlor. Rechts und links hingen Kostüme aller Art; auf der einen Seite Ritter, Knappen, Bauern, Jäger, Gelehrte, Orientalen, Narren, auf der anderen Hofdamen, Ritterfräulein, Bäuerinnen, Kammerzofen, Königinnen der Nacht. Oberhalb der Kostüme waren die entsprechenden Kopfbedeckungen zu sehen, und es war Fridolin zumute, als wenn er durch eine Allee von Gehängten schritte, die im Begriffe wären, sich gegenseitig zum Tanz aufzufordern. Herr Gibiser ging hinter ihm einher. „Haben der Herr einen besonderen Wunsch? Louis Quatorze? Directoire? Altdeutsch?“

„Ich brauche eine dunkle Mönchskutte und eine schwarze Larve, nichts weiter.“

In diesem Augenblick tönte vom Ende des Gangs her ein gläsernes Geklirr. Fridolin sah dem Maskenverleiher erschrocken ins Gesicht, als sei dieser zu sofortiger Aufklärung verpflichtet. Gibiser selbst aber stand starr, tastete nach einem irgendwo versteckten Schalter – und eine blendende Helle ergoß sich sofort bis zum Ende des Gangs, wo ein kleines gedecktes Tischchen mit Tellern, Gläsern und Flaschen zu sehen war. Von zwei Stühlen rechts und links erhoben sich je ein Femrichter in rotem Talar, während ein zierliches helles Wesen im selben

Veröffentlicht / Quelle: 
1. Buch-Auflage (Erstdruck in der Berliner Modezeitschrift "Die Dame", 1925), S. Fischer

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