TRAUMNOVELLE - Page 10

von Arthur Schnitzler
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Augenblick verschwand. Gibiser stürzte mit langen Schritten hin, griff über den Tisch und hielt eine weiße Perücke in der Hand, während zugleich unter dem Tisch sich hervorschlängelnd ein anmutiges, ganz junges Mädchen, fast noch ein Kind, im Pierrettenkostüm mit weißen Seidenstrümpfen durch den Gang bis zu Fridolin gelaufen kam, der sie notgedrungen in seinen Armen auffing. Gibiser hatte die weiße Perücke auf den Tisch fallen lassen und hielt rechts und links die Femrichter an den Falten ihrer Talare fest. Zugleich rief er zu Fridolin hin: „Herr, halten Sie mir das Mädel fest.“ Die Kleine preßte sich an Fridolin, als müßte er sie schützen. Ihr kleines schmales Gesicht war weiß bestäubt, mit einigen Schönheitspflästerchen bedeckt, von ihren zarten Brüsten stieg ein Duft von Rosen und Puder auf; – aus ihren Augen lächelte Schelmerei und Lust.

„Meine Herren“, rief Gibiser, „Sie bleiben hier so lange, bis ich Sie der Polizei übergeben habe.“

„Was fällt Ihnen ein?“ riefen die beiden. Und wie aus einem Munde: „Wir sind einer Einladung des Fräuleins gefolgt.“

Gibiser ließ sie beide los, und Fridolin hörte, wie er zu ihnen sagte: „Hierüber werden Sie nähere Auskunft zu geben haben. Oder sahen Sie nicht sofort, daß Sie es mit einer Wahnsinnigen zu tun hatten?“ und zu Fridolin gewendet: „Verzeihen Sie den Zwischenfall, mein Herr.“

„Oh, es tut nichts“, sagte Fridolin. Am liebsten wäre er dageblieben oder hätte die Kleine gleich mitgenommen, wohin immer – und was immer daraus gefolgt wäre. Sie sah lockend und kindlich zu ihm auf, wie gebannt. Die Femrichter am Ende des Ganges unterhielten sich aufgeregt miteinander. Gibiser wandte sich sachlich an Fridolin mit der Frage: „Sie wünschen eine Kutte, mein Herr, einen Pilgerhut, eine Larve?“

„Nein“, sagte die Pierrette mit leuchtenden Augen, „einen Hermelinmantel mußt du diesem Herrn geben und ein rotseidenes Wams.“

„Du rührst dich nicht von meiner Seite“, sagte Gibiser und wies auf eine dunkle Kutte, die zwischen einem Landsknecht und einem venezianischen Senator hing. „Dieses entspricht Ihrer Größe, hier der passende Hut, nehmen Sie, rasch.“

Nun meldeten sich von neuem die Femrichter. „Sie werden uns unverzüglich hinauslassen, Herr Chibisier“, sie sprachen den Namen Gibiser zu Fridolins Befremden französisch aus.

„Davon kann keine Rede sein,“ erwiderte der Maskenverleiher höhnisch, „vorläufig werden Sie die Freundlichkeit haben, hier meine Rückkehr abzuwarten.“

Indes fuhr Fridolin in die Kutte, band die Enden der herunterhängenden weißen Schnur in einen Knoten, Gibiser reichte ihm, auf einer schmalen Leiter stehend, den schwarzen, breitkrempigen Pilgerhut herunter, und Fridolin setzte ihn auf; doch dies alles tat er wie unter einem Zwang, denn immer stärker empfand er es wie eine Verpflichtung, zu bleiben und der Pierrette in einer drohenden Gefahr beizustehen. Die Larve, die Gibiser ihm nun in die Hand drückte und die er gleich probierte, roch nach einem fremdartigen, etwas widerlichen Parfüm.

„Du gehst mir voran“, sagte Gibiser zu der Kleinen und wies gebieterisch zur Treppe. Pierrette wandte sich um, blickte zum Ende des Gangs und winkte einen wehmütig-heiteren Abschiedsgruß hin. Fridolin folgte ihrem Blick; dort standen keine Femrichter mehr, sondern zwei schlanke junge Herrn in Frack und weißer Krawatte, doch beide noch mit den roten Larven über den Gesichtern. Pierrette schwebte die Wendeltreppe hinab, Gibiser ging hinter ihr, ihnen folgte Fridolin. Im Vorzimmer unten öffnete Gibiser eine Tür, die nach den inneren Räumen führte, und sagte zu Pierrette: „Du gehst augenblicklich zu Bette, verworfenes Geschöpf, wir sprechen uns, sobald ich mit den Herren oben abgerechnet habe.“

Sie stand in der Türe, weiß und zart, und schüttelte mit einem Blick auf Fridolin traurig den Kopf. Fridolin erblickte in einem großen Wandspiegel rechts einen hageren Pilger, der niemand anderer war als er selbst, und wunderte sich darüber, mit so natürlichen Dingen es eigentlich zuging.

Pierrette war verschwunden, der alte Maskenverleiher sperrte hinter ihr ab. Dann öffnete er die Wohnungstür und drängte Fridolin ins Stiegenhaus.

„Verzeihen Sie,“ sagte Fridolin, „meine Schuldigkeit..“

„Lassen Sie, mein Herr, Bezahlung erfolgt bei Rückstellung, ich traue Ihnen.“

Doch Fridolin rührte sich nicht vom Fleck. „Sie schwören mir, daß Sie dem armen Kind nichts Böses tun werden?“

„Was kümmert Sie das, Herr?“

„Ich hörte, wie Sie die Kleine vorher als wahnsinnig bezeichneten, – und jetzt nannten Sie sie ein verworfenes Geschöpf. Ein auffallender Widerspruch, Sie werden es nicht leugnen.“

„Nun, mein Herr“, entgegnete Gibiser mit einem Ton wie auf dem Theater, „ist der Wahnsinnige nicht verworfen vor Gott?“

Fridolin schüttelte sich angewidert.

„Wie immer,“ bemerkte er dann, „es wird sich Rat schaffen lassen. Ich bin Arzt. Wir reden morgen weiter über die Sache.“

Gibiser lachte höhnisch und lautlos. Im Stiegenhaus flammte plötzlich Licht auf, die Türe zwischen Gibiser und Fridolin schloß sich, und sofort wurde der Riegel vorgelegt. Fridolin entledigte sich, während er die Treppe hinunterging, des Huts, der Kutte, der Larve, nahm alles unter den Arm, der Hausbesorger öffnete das Tor, die Trauerkutsche stand gegenüber, mit dem unbeweglichen Lenker auf dem Bock. Nachtigall schickte sich eben an, das Café zu verlassen, und schien nicht sehr angenehm berührt, daß Fridolin pünktlich zur Stelle war.

„Du hast dir also richtig ein Kostüm verschafft?“ „Wie du siehst. Und die Parole?“

„Du bestehst also darauf?“

„Unbedingt.“

„Also – Parole ist Dänemark.“

„Bist du toll, Nachtigall?“

„Weshalb toll?“

„Nichts, nichts. – Ich war zufällig heuer im Sommer an der dänischen Küste. Also steig ein – aber nicht gleich, damit ich Zeit habe, mir drüben einen Wagen zu nehmen.“

Nachtigall nickte, zündete sich gemächlich eine Zigarette an, indes überquerte Fridolin rasch die Straße, nahm einen Fiaker und wies im harmlosen Ton, als handle es sich um einen Scherz, seinen Kutscher an, dem Trauerwagen zu folgen, der sich eben vor ihnen in Bewegung setzte.

Sie fuhren über die Alserstraße, dann unter einem Bahnviadukt der Vorstadt zu und weiter durch schlecht beleuchtete menschenleere Nebengassen. Fridolin erwog die Möglichkeit, daß der Kutscher seines Wagens die Spur des vorderen verlieren könnte; doch sooft er den Kopf durch das offene Fenster in die unnatürlich warme Luft hinaussteckte, immer sah er den anderen Wagen in mäßiger Entfernung vor sich, und unbeweglich saß der Kutscher mit dem hohen schwarzen Zylinder auf dem Bock. Es könnte auch übel ausgehen, dachte Fridolin. Dabei spürte er immer noch den Geruch von Rosen und Puder, der von Pierrettens Brüsten zu ihm aufgestiegen war. An welch einem seltsamen

Veröffentlicht / Quelle: 
1. Buch-Auflage (Erstdruck in der Berliner Modezeitschrift "Die Dame", 1925), S. Fischer

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