Was wichtig erscheint ... (zum Glück nur eine Parabel!)

von Alfred Krieger
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Frau R. war ihr Leben lang fleißig und sparsam gewesen, dennoch sah sie sich gezwungen, jetzt im Alter jeden Pfennig umzudrehen. Umso mehr hatte sie sich gefreut, als ihr ihr Neffe zum Geburtstage einen Friseur-Gutschein geschenkt hatte.

Während tags darauf die geschickte Friseuse aus dem leider schon etwas schütteren Haar ein wahres Kunstwerk zauberte, hatten offensichtlich missgünstige Schicksalsmächte draußen finsterste Wolken aufziehen lassen, welche sich in einem bald einsetzenden starken Dauerregen ihrer feuchten Last zu entledigen suchten.
Frau R. betrachtete sich nach gut zwei Stunden haarkünstlerischer Bemühungen schließlich stolz und sichtlich zufrieden in allen ihr im Laden zur Verfügung stehenden Spiegeln, löste ihren Gutschein ein und bat darum, man möge ihr doch einen Schirm leihen, um ihre neu erstandene Haarpracht vor den Unbilden der Witterung schützen zu können. Gerne kam man ihrer Bitte nach, ihr einen riesigen Stockschirm aushändigend, welcher sie den Weg zu ihrem Auto - von den Wolkenattacken unbehelligt - zurücklegen ließ. Um den Haaren jedwelche Feuchtigkeit zu ersparen, hielt sie während des Einsteigens mit der linken Hand den Schirm in die Höhe, was das Erklimmen ihres Hausfrauenpanzers, üblicherweise SUV genannt, nicht gerade erleichterte. Aber kaum saß sie, tauchte ein neues Problem auf: Der weit ausladende Schirm verhakte sich beim Zusammenfalten im Dachträger, wobei er gleichzeitig an der oberen Außenkante der Fahrertüre sicheren Widerhalt fand, sodass er sich erfolgreich einem Schließen widersetzte. Durch kräftiges Drehen, Hin- und Herreißen, Schieben und Zerren gelang es Frau R. letztendlich dennoch, den aufsässigen Regenschutz ins Wageninnere zu zwingen. Zahlreiche Kratzer, welche sie mit dem Schirmgestänge ihrem fahrbaren Untersatze während dieser Prozedur beigebracht hatte, konnte sie ja von ihrer Sitzposition aus nicht sehen und so lehnte sie sich zufrieden zurück und fuhr los, nicht ohne sich vorher im Spiegel der Sonnenblende nochmals lächelnd betrachtet zu haben.

Sie war überglücklich. Heute störte sie – die sie einer alten Gewohnheit gemäß ständig am Wetter etwas herumzumäkeln hatte – nicht einmal der weiterhin rücksichtlos herabprasselnde Regen … heute war einfach IHR Tag.

Nach einer kurzen Fahrt parkte sie vor ihrer Garage. Sie öffnete die Fahrertüre, zog den auf der Beifahrerseite abgelegten, vor Nässe triefenden Schirm über sich hinweg, richtete ihn nach oben, erneut den feindlichen Wassermassen entgegen, und versuchte, ihn von ihrer regengeschützten Sitzposition aus zu öffnen. Dies war aber der Sperrigkeit des Gerätes wegen nur teilweise möglich. So faltete sie den Stockschirm wieder einigermaßen zusammen, sprang schnell – immer sich ausschließlich um ihre Frisur sorgend – aus dem hohen Gefährte, um im Springen gleichzeitig den widerspenstigen zu öffnen. Dadurch hatte sie aber keine Hand mehr frei, um sich einzuhalten und da sie mit dem rechten Fuße an der Einstiegsschwelle hängen blieb, stürzte sie so unglücklich, dass sie kurz darauf trotz sofortiger ärztlicher Bemühungen ihren Verletzungen erlag.

Da sie während des Fallens und sogar noch am Boden liegend den schützenden Schirm stets über sich, insbesondere über ihr Haupt, gehalten hatte, war ihre Frisur – den Himmlischen sei Dank - absolut unversehrt geblieben ... so hatte ihr Tod wenigstens einen tieferen Sinn!

In liebevoller, ermahnender Sorge meinem guten Eheweibe gewidmet, welches aus ähnlichen „haarigen“ Beweggründen heraus wie den oben genannten, vor zwei Tagen beim Aussteigen beinahe zu Fall gekommen wäre. 29.07.2016

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Kommentare

30. Jul 2016

Wenn's schee mocht ...
Nein, ernsthaft: Meine Mutter ist einmal auf dem Gang in den Waschkeller böse die Treppe runtergefallen, weil sie - statt sich am Handlauf festzuhalten - lieber die Wäsche umklammert hielt.
Ihr Schutzengel hat sich aber heldenhaft zwischen ihr Genick und die gegenüberliegende Wand geworfen.

30. Jul 2016

Dem Schutzengel der Frau Mama sei auch von meiner Seite aus herzlichst gedankt!
Liebe Grüße vom Alfred!

30. Jul 2016

Im Namen der Heere von Schutzengeln: Meinen Dank an dich dafür!
(Wieso sagst du deinen Kollegen nicht gleich selber Bescheid? ;o)))

31. Jul 2016

Als "Neuling"??? hat man es nicht leicht,
dass man die holde Schar erreicht.
Schon öfter hab' ich es probiert
und mich dabei ganz grob blamiert.
(Während die Holden mich belächeln,
kann ich mir doch nur Trost zufächeln!)

Eine(n) gute(n) Nacht/Morgen vom unbeflügelten, unbefiederten, erdverhafteten Alfred

30. Jul 2016

Drum kluger Mensch aufs Haar verzichtet -
Auf dass es harsch nicht ihn vernichtet ...

LG Axel

31. Jul 2016

So ist es wahrlich, 's ist kein Spaß:
was nicht vorhanden, wird nicht nass.

Eine gute Nacht wünscht Alfred