Sahnetorte

Bild von Tanja Grün
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Ria strahlte mich an und ihre silbergrauen Locken leuchteten in der Sonne. Komm, sagte sie, jetzt sind wir zwei alte Witwen, lass uns in die Konditorei gehen und Torte essen. Das machen wir jetzt so lange, bis wir nicht mehr können.
Ria, sagte ich, dein Mann ist doch erst gestern gestorben. Bist du dir sicher, dass du ausgerechnet heute mit mir Torte essen gehen möchtest?
Ja, sagte Ria. Ich erzähle dir eine Geschichte. Du wirst sie mir nicht glauben.
Und eine halbe Stunde später saßen wir uns in der teuersten Konditorei der Stadt gegenüber. Jede mit einer Schokoladentorte auf dem Teller. Ria hatte darauf bestanden, mich dazu einzuladen. Außerdem tranken wir Sekt. Zum Runterspülen, hatte Ria gesagt, und als die Kellnerin uns die Gläser gebracht hatte, mit mir feierlich angestoßen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sie trauerte.
Also sagte ich, erzähl.
Mein Mann war nett, sagte Ria. Aber, was du nicht weißt: Er war fast nie nett zu mir. Und ich bin keine, die sich das lange gefallen lässt, das müsste dir klar sein. Natürlich hatten wir Kinder, das hielt mich lange Zeit ein bisschen zurück. Und kaum waren sie aus dem Haus, wurde er krank und musste gepflegt werden. Ich würde niemanden in so einer Situation hängen lassen, du kennst mich und du hast es erlebt.
Aber alles ist ganz einfach: Es gibt einen Mann, der gehört zu mir wie meine beiden Herzkammern. Er heißt Leopold. Mit keinem Mann war ich jemals so glücklich wie mit meinem Leo. Er ist der beste. Er ist zärtlich, er ist sanft, er ist schön. Er war immer ein ganz wunderbarer Liebhaber.
Sie lachte, dass ihre silbernen Locken nur so wippten.
Und heute Abend werde ich ihn anrufen, wie jeden Abend seit 20 Jahren. Wir haben noch ein bisschen Zeit, hoffe ich.
Das ist das einzige Geheimnis, das ich jemals vor dir hatte, meine Liebste.
Und sie ließ sich die Schokoladenstreusel auf der Zunge zergehen und sah mir selig lächelnd ins Gesicht.

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