Aus dem Anekdoten-Fundus

Bild von Garfield Mattatuck
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Beim Optiker.

Leicht genervt blickt die Fachangestellte auf den schwierigen Kunden, der gefühlt das 50. Kassengestell auf sein Nasenbein zwingt und immer noch recht unschlüssig wirkt.

„Wissen Sie, werte Dame“, spricht er jetzt, „ich bin Bergsteiger aus Passion und von Beruf. Mir ist es äußerst wichtig, dass mir auf einem Gipfel-Foto die neue Brille auch wirklich gut zu Gesicht steht. Sehen Sie, ich habe die Angewohnheit, beim Foto in luftiger Höhe leicht verspielt einen Bügel in den Mund zu nehmen und dabei kokett, tiefgründig und überaus berglastig zu wirken, wenn ich, durchaus leicht verspannt, den Selbstauslöser betätige. Eine solche Brille suche ich, liebe Frau. Die mir gut zu Gesicht steht, wenn ich am Bügel lutsche. Verstehen Sie?“

„Berglastig?“ Die junge Frau mit Brille ist ein einziges Fragezeichen.

„Ja, dies ist ein Fachbegriff aus meinem Metier, berglastig. Er bedeutet in etwa, sich der gleichzeitigen Schwere der Verantwortung und der Leichtigkeit der Präsenz auf dem Gipfel stetig bewusst zu sein. Du weißt um das Erreichte, kennst aber auch die Strapazen eines Abstiegs. Einen solch tiefgründigen Blick einzufangen, ist für keinen Fotografen ein leichtes Unterfangen. Wenn kein Bergfreund anwesend ist, muss ich per Selbstauslöser versuchen, diesen immanent komplexen Gesichtsausdruck für eine ganze Ewigkeit in den Speicher zu zwingen, ein ambivalentes Abenteuer, denn ich bin mehr Bergsteiger als Fotograf. Sozusagen ein fotografierender Bergsteiger, aber auf gar keinen Fall ein bergsteigender Fotograf. Diese Bezeichnung lehne ich vehement ab.“

„Könnte ich Sie denn hierfür begeistern, der Herr?“ Die freundliche Fachkraft nimmt eine Hornbrille aus dem Kasten. „Die hier macht sich gut beim Bügel-Lutschen! Und Sie müssten lediglich rund 65 Euro zuzahlen... Eine typische Foto-Brille zum Lecken und Lutschen am Bügel, auf dem Gipfel des K2.“

„Eine Zuzahlung kann ich mir nicht leisten, liebwerte Dame. Die Brille darf auf keinen Fall zusätzliche Kosten verursachen. Ich stecke jeden Cent in die Ausrüstung und in den Fotoapparat. Bin chronisch pleite, kann mir noch nicht einmal einen Bergsteiger-Hut mit Gamsbart leisten. Nicht einmal das! Ich träume seit Jahren von dem Trachten Filzhut „Edelweiß“, zu 49,99 Euro. Aber das bleibt eben nur ein Traum. Ich kann das nicht stemmen, pekuniär, wissen Sie? Zeigen Sie mir doch bitte einmal diese Brille.“ Er deutet auf ein Modell aus der oberen Reihe.

„Dort oben finden Sie die besonders kostenintensiven Modelle, der Herr. Wenn Sie, wie Sie sagen, nichts zuzahlen möchten, dann gehören Ihnen die Reihen 1-17. Aus diesen Modellen können Sie dann frei wählen. Aber die meisten dieser Brillen habe ich Ihnen schon gezeigt...“ (Leicht bis mittelschwer genervt. Dieser Typ....)

„Dann lassen Sie mich mal am Bügel dieser Brille dort lutschen.“ (Zeigt auf eine Brille in Reihe 9)

„Ich muss Sie bitten, auf gar keinen Fall an irgendeinem Bügel hier zu lecken oder zu lutschen. Das kann ich nicht erlauben! Ein strenger Hygiene-Standard verbietet dies!“

„Aber wie soll ich denn dann herausfinden, wie ich mit Bügel im Mund auf dem Gipfel Foto aussehe? Wie, frage ich Sie?“ Vor lauter Entrüstung zieht der Gipfel-Mann seinen Mund-Nasen-Schutz ein Stück weit herunter.

„Wenn Sie möchten, könnten Sie die Brille so vors Gesicht halten, dass man denken könnte: Der lutscht jetzt gleich am Bügel. Den Rest imaginieren Sie einfach. Denkbar und stressfrei. Was sagen Sie? D´accord?“

„Findig sind Sie ja, mein Kind. Nun gut, versuchen wir es...“ Der Gipfelstürmer nimmt eine ihm dargebotene Brille und stellt sich vor den Spiegel. Leicht verspielt, aber in jedem Fall auch sehr deutlich verpeilt nimmt er den Bügel auf Mundhöhe, zieht seine Maske kurz runter, hört noch die mahnenden Worte der Optikerin „Nicht in den Mund nehmen!“ und dreht sich wieder und wieder, schaut sich im Profil an, lugt und linst, ist weiterhin unschlüssig, meint dann aber, urplötzlich: „Die ist es! Def... def.... definitiv!“

Die junge bebrillte Frau seufzt deutlich hörbar auf. „Na, dann Berg Ahoi oder wie man bei Ihresgleichen sagt!“

„Das heißt Berg Heil bei uns!“

„Ist das nicht ein wenig... nun ja, anstößig?“

„Na, dann eben Berg frei! Aber dann müssten Sie Petri Heil oder Waidmannsheil ja auch anprangern. Berg frei ist aber doch nun wirklich in Ordnung, oder?“

„Klingt merkwürdig, finde ich...“

„Na, dann eben Glück auf!“

„Nun, das sagen aber die Bergleute!“

„Zu denen zähle ich mich im weitesten Sinne. Berg und Mann, ich bin ein Berg-Mann. Viele Bergmänner sind Bergleute. Ich gehöre zu den Bergleuten. Daher geht auch so ein „Glück auf!“, warum eigentlich nicht? Finde ich persönlich gut: Mit Glück hinauf auf den Gipfel! Glück auf!“ Nach einer Pause „Sagen Sie mal, junge Dame, ganz ehrlich: Was halten Sie eigentlich von uns Kraxlern und Kletterfritzen?“

„Ich persönlich? Das ist jetzt aber nur meine rein private Meinung... Ich denke, wir sollten weder auf Berge klettern - das sollten wir den Gämsen überlassen - noch sollten wir in der Tiefsee tauchen gehen, noch sollten wir je fliegen. Fische sollen tauchen, Vögel sollen fliegen. Aber der Mensch sollte stets auf dem Boden bleiben. Schuster, bleib bei deinen Leisten. Es gibt sogar einen entsprechenden Passus in der Bibel: Der Brief Gideons an die Häretiker, 2:7-12. Dort steht es klipp und klar: „Weder sollt Ihr des Meeres Grunde sehen, noch sollt Ihr auf des höchsten Gipfels stehen und Euch selbst bewundern für diese Tat, noch sollt Ihr versuchen, Euch Vögel gleich in die Lüfte zu erheben. All dies missfällt dem Einen, all dies wird den Einzigen verdrießen!“ Sehen Sie, das ist auch meine Meinung über die Taucher, Flieger und Kraxler. Ich hoffe, ich habe Ihre Gefühle nicht verletzt, liebwerter Kunde.“ Der Mann schaut sehr verdutzt, lässt die Augenbrauen tanzen, Dann sieht er wieder, erneut unschlüssig, auf die Brille in seiner Hand. Dann, endlich, eine Entscheidung: „Die liegt sehr gut in der Hand, hat eine veritable Haptik. Ich denke, die hier ist es. Griffig, zusatzkostenfrei, stramme Bügel!“

„Sie nehmen diese Brille?“ Hoffnung keimt auf bei der Fachangestellten, sie will heute noch nach Hause zu Mann und Kind.

„Ja, gut denn. Ich nehme nun diese Brille hier!“ Entschlossen, will noch flott am Bügel lecken, aber die Brille wird ihm entrissen und in ein Etui gepackt. Er nimmt es an sich und freut sich, lächelt die junge Frau dankbar an. „Dank für wirklich Alles! Sie schickt der Herrgott persönlich! Dank über Dank!“

„Heureka!“ Der Ausruf der jungen Optikerin geriert ein wenig zu laut. Prompt drehen sich 5 Köpfe nach ihr um, 3 Augenpaare schauen missbilligend, eines gehört dem Chef.

Der Gipfelstürmer lacht. „DAS sagen wir aber nun wirklich nicht, wir Bergleute! Heureka.... Aber zum guten Abschluss noch eine letzte Frage, liebe Frau.“

„Ja-haaa?“ Denkt gerade intensiv daran, dieses Steiger-Monster mit einem Eispickel grausam zu massakrieren. Warum stopft der sich eigentlich keine Kontaktlinsen in die trüben Augen?

„Ich sehe nur bebrillte Angestellte hier. Wie kommt das? Wird bei der Auswahl Ihrer Fachkräfte darauf geachtet, nur Brillenträger zu nehmen?“

„Nein, mein Herr, wir nehmen auch talentierte Nicht-Brillenträger. Aber diese werden dann von der Geschäftsleitung gezwungen, eine Brille mit Fensterglas zu tragen. Es ist seit jeher Tradition, dass alle unsere Angestellten, rein solidarisch, Brillenträger zu sein haben. Der Kunde soll sich unter „seinesgleichen“ fühlen. Angenommen und respektiert, von Brillenträgern umgeben. Auch ich trage eine Brille mit Fensterglas.“

„Das ist... irgendwie enttäuschend, finde ich. Das sind Fake News. Schade. Leider, unter diesen Umständen muss ich vom Erwerb einer Brille in diesem Geschäft nun doch absehen, unwerte falsche Brillenschlange. Ich bin dann mal weg... Glück ab! Auf Nimmerwiedersehen!“

Der Mann entschwindet und die Fachangestellte fühlt sich einer Ohnmacht nahe. Sie hatte 105 endlos lange Minuten mit diesem Wipfel-Idioten verbracht. Und erst jetzt bemerkte sie, dass der fotografierende Bergsteiger das Etui unsanft hatte mitgehen heißen. Das war ihr heutiger Euphemismus für einen dreisten Brillen-Diebstahl. Ich werde mir morgen frei nehmen, denkt die Angestellte. Der Job ist wirklich ultrahart. Bergleute können es kaum schwerer haben.

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Interne Verweise

Kommentare

11. Okt 2020

... aber was macht der Dreiste mit einem leeren Brillengestell?

12. Okt 2020

Waaas?! In dem geklauten Gestell auch??!! Die sind doch eigentlich immer "leer" ...
;o))

12. Okt 2020

Liebe noé, bei diesem Optiker wird Wert darauf gelegt,
ich habe das recherchiert, dass ein gewisser Druck
auf der Nasenwurzel die Leichtigkeit des Brillenträger-
Daseins deutlich zu durchbrechen weiß. Der Kunde
hat so die Möglichkeit, sich an das Gewicht dieser
seiner neuen Brille zu gewöhnen.

Ach, weißt Du... Im Grunde genommen kommt es
diesem Bergsteiger und Wipfelstürmer ja nur auf
den Bügel an. Ihm ist die Brille vollkommen, total
schnurz. Hauptsache, er sieht etwas, zum Beispiel
das Gipfelkreuz. Er will den Bügel im Mund haben,
das ist ihm wichtig. Eine Pose für die Ewigkeiten.

Glück auf! LG von Garfield

11. Okt 2020

Sein letzter Wille ? Auch im Sarg liegen, mit ner Brille...
HG Olaf

11. Okt 2020

...und immer fein verspielt am Bügel lutschen.
Das wirkt intellektuell verschroben und leicht
dekadent. Auf jeden Fall ein Hingucker. HG
zurück,

Garfield