Das ''Nähe und Distanz'' Dilemma

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Ein großes Thema im Laufe meiner Ausbildung und generell in meinem Job, ist das Thema ''Nähe und Distanz''. Dieses Thema ist zurecht sehr wichtig und bedarf deshalb Aufmerksamkeit. Aber worum genau geht es?

Nun theoretisch betrachtet würde ich es so formulieren:
Es ist mein Job, Menschen in Krankheitsphasen eine Unterstützung zu sein. In meinem Fall reden wir über Menschen mit mentalen, psychischen Leiden. Das heißt im Idealfall bin ich Beraterin, ich höre zu, ich gebe Ratschläge aber niemals ungefragt, ich unterstütze wo Bedarf ist. Ich begleite in Krisen, manchmal bin ich auch Anleiterin. Ich gebe Methoden und Techniken weiter zum Aufbau und Erhalt eines selbstständigen Lebens, wenn dies phasenweise nicht mehr möglich war. Ich muss in der Lage sein zum Teil tiefe Beziehungen einzugehen. Ich muss auch mal mit meinen Patienten trauern können. Ich muss Vertrauen schaffen. Eine Atmosphäre herstellen, in der man sich traut auch über seine dunkelsten Tage zu sprechen. Ich muss mich einfühlen können. Ich muss auch mit Aggression und Wut umgehen können. Ich muss es verstehen können.

Wenn wir in dem Zusammenhang von Distanz sprechen, geht es eigentlich nur darum, sich selbst nicht darin zu verlieren. Ich darf mitfühlen, ja. Aber ich darf nicht selbst daran kaputt gehen. Es geht darum greifbar und nahbar für seine Patienten zu sein ohne dabei die eigenen Grenzen zu übergehen und schließlich berufsunfähig zu werden. Soweit so gut.

Aber wie sieht die Realität in den Krankenhäusern und in den Psychiatrien aus? Meiner bisherigen Erfahrung nach, geht es in erster Linie um ABSTAND. Und das ist nicht Coronabedingt gemeint...
Wenn wir über Nähe und Distanz sprechen, meinen die meisten eher Distanz. Aber warum ist das so? Ich habe bei so vielen Kollegen das Gefühl, als wenn Nähe und echte Beziehung etwas nahezu gefährliches wären. So nachdem Motto ''Lass den bloß nicht zu nah an dich ran. Der ist nicht umsonst in der Psychiatrie!'' Das klingt jetzt böse, aber so kommt es häufig rüber. Natürlich ist es wichtig, dass man sein Tun und Handeln immer gut reflektiert und nicht völlig blauäugig in jede Situation reinläuft. Bestimmte Krankheitsbilder erfordern ein gewisses ''Know how''. Das gillt vorallem auch für den Umgang mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen.
Aber Leute, man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Wir reden hier über Menschen. Und was ich vorallem gelernt habe ist, je kränker du einen Menschen behandelst, desto kränker wird er sich auch verhalten.

Und was auch viele scheinbar nicht mehr wissen. Authentizität und Humor, wirkt häufig besser als eine durch und durch ''professionelle Fassade''
Hierzu ein kleines Beispiel:
Seit ca. 2 Jahren betreue ich eine Patientin mit einer schweren Borderline Störung. Sie kommt oft in suizidalen Krisen zu uns und die Aufnahmesituationen sind häufig.... naja nicht so einfach.
Was noch zu ihr zu sagen ist, sie hat einen unfassbar genialen schwarzen Humor!
Sie kam also eines Nachts mit dem Krisendienst zur Aufnahme. Ich hatte Nachtschicht und habe sie ca 2 Stunden lang 1:1 begleitet. Das heißt, ich bin ihr nicht von der Seite gewichen weil sie sonst, naja ich sage mal unschöne Sachen gemacht hätte. Irgendwann saßen wir im Stationsgarten. Sie hat eine Zigarette geraucht und fing an zu erzählen: '' Ich würde so gerne mal in die Berge fahren. Ich wollte schon immer mal Bergsteigen. Das ist Adrenalin und Action. Und wenn ich dann nach Stunden endlich oben angekommen bin... Dann springe ich einfach runter!''
So, ich hätte wohl so etwas sagen können wie ''Ach Frau ***. Sagen Sie doch so etwas nicht. Sie haben doch noch so viel, wo für es sich zu leben lohnt.'' Aber... Ich musste lachen. Ich konnte nicht mehr. Die Art wie sie es sagte, so stumpf und trocken. Ich musste einfach lachen... Natürlich habe ich mich (lachender Weise) sofort entschuldigt. Aber ihre Antwort darauf war:'' Ach Frau H... ich bin so froh, dass endlich mal jemand darüber lachen kann, wenn ich so etwas sage. Man muss mich auch nicht immer so ernst nehmen.''
Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit, die nun schon seit 2 Jahren fortbesteht. Wir sehen uns alle 2 Wochen ambulant und mittlerweile kenne ich ihre komplette Lebensgeschichte.
Diese Patientin hat mir gezeigt, worauf es wirklich bei diesem Job ankommt. Und ich empfinde große Dankbarkeit und Respekt für sie.
Manch einer würde sagen, dass wir uns zu nahe stehen. Wir schenken uns jedes Jahr etwas zum Geburtstag und zu Weihnachten. Und machmal trinken wir in unseren ''Sitzungen'' auch NUR Kaffee und machen Witze über den Tod. Aber ich spüre, dass bei der Art wie wir unsere Beziehung gestaltet haben, bei all der Nähe die es eben auch tatsächlich gibt, der Respekt zwischen uns nicht darunter gelitten hat. Sie überschreitet nicht meine persönlichen Grenzen nur weil ich ihr Nähe und Beziehung gebe. Sie ist schwer krank, aber sie ist eben auch nur ein Mensch.
Und wenn sie an den Folgen ihrer Erkrankungen stirbt, und das wird sie, werde ich mit Stolz um sie weinen. Stolz darüber sie kennengelernt zu haben. Und dankbar dafür, dass ich den Mut hatte, sie in mein leben zu lassen. Und ich sage mit Stolz, dass sie mehr ist als ''nur'' eine Patientin.

Danke B.T

14.03.2021

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