Der Lügner

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Der Lügner

Warum gerade er mir als Erster in den Sinn kommt bei meinem Versuch, in den Puzzleteilchen meines bisherigen Lebens zu kramen, vermag ich nicht zu sagen. Nur selten denke ich an ihn.
Heute jedenfalls hat er sich vor alle anderen bedeutenden und unbedeutenden Erinnerungen gedrängelt. Das passt zu ihm, oder besser gesagt, zu dem vorlauten Kind, das für eine Weile mein bester Freund sein sollte.
Wir kannten uns bereits seit der Einschulung. Er war nur wenige Tage älter als ich. Vermutlich waren wir uns schon als Neugeborene begegnet, denn unsere Mütter warteten im selben Krankenhauszimmer auf ihre Niederkunft.
Obwohl wir also kurz hintereinander das Licht der Welt bzw. die Lampen desselben Kreißsaales erblickten, verband uns in den ersten Kinderjahren wenig. Er war ein Klassenkamerad, nicht mehr und nicht weniger.
Gegensätzlicher hätten wir auch kaum sein können. Schon rein äußerlich waren wir völlig unterschiedliche Typen. Er war kleiner als ich, hatte dunkles Haar und ein Gesicht, dass einen weit entfernten Vorfahren aus einem ebenso weit entfernten Land des Südens erahnen ließ.
Ich dagegen war ein blassblonder Junge, schüchtern und ungelenk. Schüchtern war er nun ganz und gar nicht. Obwohl er nicht gerade der Größte war, sorgte er selbstbewusst dafür, dass man ihn nicht übersah. Hinzu kam, dass er sehr sportlich war, wovon bei mir so gar keine Rede sein konnte.
Und doch war es ausgerechnet der Sport, der den Grundstein für unsere Freundschaft legte.
Ich muss ungefähr elf Jahre alt gewesen sein, als ich beschloss, der weltbeste Judoka zu werden. Um es vorweg zu nehmen: Ich bin es nicht geworden, und auch ansonsten flocht mir die Sportwelt keine Lorbeerkränze.
Jedenfalls ging ich hoffnungsvoll und wohl auch ein wenig ängstlich zum ersten Training. Und da war er. Am liebsten wäre ich im Boden versunken, dachte ich doch schon mit vorauseilender Scham an den nächsten Schultag, an dem er sicherlich genüsslich von meinem sportlichen Versagen berichten würde. Zu meiner Überraschung blieb der erwartete Spott jedoch aus. Stattdessen stellte er mich den Trainingskameraden vor und half mir über Unsicherheit und Verlegenheit hinweg.
Bereits am nächsten Tag wurden wir Banknachbarn in der Schule und blieben es in den nächsten Jahren. (Einige Lehrer zogen es allerdings vor, uns der Ruhe wegen gelegentlich zu trennen).
Nach dem Training nahm er mich immer mit zu sich nach Hause, auch an den Tagen dazwischen besuchte ich ihn oft und blieb nicht selten bis nach dem Abendessen.
Seine Eltern waren immer sehr herzlich zu mir. Er war ein Einzelkind und ziemlich verwöhnt, teilte aber gern. Er besaß an materiellen Dingen vieles, von dem ich nur träumen konnte, aber das war nebensächlich. Vielmehr genoss ich die familiäre Geborgenheit, die mir bei meinen Besuchen zuteil wurde.
Aber da war noch etwas, was mich an meinem Freund faszinierte: Wenn ich mit ihm durch die Gegend stromerte, log er, dass sich die Balken bogen. Es waren aber keine plumpen Lügen, die irgend einem unguten Zweck oder der Vertuschung einer Schandtat dienten. Nein, es waren großartige Geschichten, die seiner blühenden, noch kindlich reinen Phantasie entsprangen. Leider erinnere ich mich nicht mehr an Einzelheiten. Ich weiß nur noch, dass er zum Beispiel von einem Telefon sprach, durch das man Geld schicken könne (und das Mitte der siebziger Jahre, in einem Land, in dem es nicht viele Telefone gab). Mit mancher seiner Phantastereien war er also vielleicht der Zeit nur voraus.
Ich nehme an, das war noch eine der unspektakulärsten Geschichten, die er mir erzählte.
Immer bestand er auf den Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen. Freilich ließ ich nie den geringsten Zweifel erkennen und stimmte jedem seiner Worte mit unverhohlenem Staunen zu. Niemals hätte ich riskiert, mich um den Genuss seines Geflunkers und seinen Redefluss zum Versiegen zu bringen.
Es war eine stille Übereinkunft, denn ich glaube, er wusste genau, dass ich ihn durchschaute, so wie ich eben wusste, dass er phantasierte. Das auszusprechen hätte den Zauber mit Sicherheit zerstört.
Ein paar Jahre später, es werden zwei oder drei gewesen sein, wurde er an eine andere Schule versetzt. Die Treffen wurden seltener, ich beendete zudem meine kurze „Sportlerkarriere“, neue Freundschaften entstanden. Als ich dann meine Heimatstadt verließ, verloren wir uns völlig aus den
Augen.
Viele Jahre später erfuhr ich, dass er bei einem Motorradunfall tödlich verunglückt war.
Heute aber hat er sich noch einmal sehr lebendig in meine Erinnerung gedrängelt und mich mit seinen wunderbaren Lügengeschichten zum Lächeln gebracht.

© Hans-Jörg Große (2015)

"Der Lügner" ist eine Erzählung aus meiner autobiographischen Sammlung "Streifschüsse".

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Kommentare

23. Jan 2015

Soso, noch jemand, der von "Lebenssplittern" schreibt ...
Na, bei Dir heißen sie ja nur im Untertiel so. Übrigens habe ich, nachdem ich die meinen im letzten Jahr schon so genannt hatte, zu meiner Erheiterung feststellen können, dass es sogar schon Bücher gibt, deren Titel so lautet. Da sind wir beide wohl zu spät gekommen, auch wenn es sich bei dieser Art der Biografie von selber auf den Präsentierteller legt-
Jetzt zum Text:
Er gefällt mir ausnehmend gut! Er hat eine sanfte Eindringlichkeit und malt - entgegen dem, was der Titel vermuten lässt - sehr gefühlvoll das Bild einer einnehmenden, nicht nur Dich faszinierenden Persönlichkeit. Ich kann sowohl verstehen, dass "er sich vorgedrängt" hat, wie auch, dass Du Jahre der Freundschaft mit ihm genossen hast. Schade, dass diese Freundschaft so verblasst ist im "wirklichen" Leben, wo ihr doch anscheinend in der selben Stadt gewohnt habt ...
Auch Dein liebevoller Schreibstil gefällt mir gut!

23. Jan 2015

Oh, das ist wirklich nicht beabsichtigt gewesen. Da hätte ich wohl besser recherchieren sollen. Ich danke dir, dass du mir diese Namensgleichheit nicht verübelst. Vielleicht fällt mir demnächst noch etwas ein, was origineller ist.
Ein herzliches Dank aber nicht nur für deine Toleranz, sondern auch für deinen wunderschönen Kommentar zum Text, über den ich mich sehr freue!
Liebe Grüße,
Jörg

23. Jan 2015

Kein Thema! Ich hab's doch - ofensichtlich - auch nicht erfunden. (grins)

23. Jan 2015

Und dabei denkt man, man hätte eine wahnsinnig tolle Idee gehabt... :-)

23. Jan 2015

Sehr gut gelungen - ungelogen!
(ICH hab' ja Lügen NIE erwogen...)
Auf "Lebenssplitter" von noé -
Ich ebenfalls gern seh.
(Splitter tun nicht immer weh...)
LG Axel

23. Jan 2015

Lieber Axel, wie wir sehn
kannst du uns Splittler gut verstehn! :-)
Liebe Grüße,
Jörg

24. Jan 2015

Ich habe meine Sammlung nun in "Streifschüsse" umbenannt, da es die "Lebenssplitter" schon gab.
Liebe Grüße
Jörg