Die Jagd nach dem Tod

Bild von Anita Zöhrer
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Zusammen mit meiner besten Freundin begab ich mich auf die Jagd nach all den bösen Wesen, die die Erde bedrohten. In verborgenen Welten fernab jeglicher Realität der Menschen wollten wir sie aufspüren: Streit, Krieg und was da sonst noch so alles wütete. Die erste Spur, auf die wir stießen, war die Spur des Todes.

Wir ritten durch einen dunklen Wald, der über und über von Schnee bedeckt war, und gelangten schließlich zu einem Berg, durch den ein Tunnel führte. Meine Freundin zog zur Sicherheit ihre Pistole und ritt voran, ich blieb dicht hinter ihr. Ich hatte Angst, furchtbare Angst sogar. Vermutete am anderen Ende des Tunnels nichts Gutes, doch ich hatte mich getäuscht. Die Sonne strahlte und eine endlos scheinende Wiese voller blühender Blumen und Kräuter, umringt von hohen Bergen und dazwischen ein großer See, verschlug mir die Sprache.
„Alles nur Tarnung“, meinte meine Freundin kühn.
Sie galoppierte auf den See zu und ich folgte ihr.

Am See stiegen wir ab und während unsere Pferde tranken, forderte meine Freundin mich auf, einen meiner Ärmel aufzukrempeln und ihr meinen bloßen Arm zu reichen. Ich tat, was sie sagte. Immerhin war sie meine beste Freundin und ich vertraute ihr - ein großer Fehler, wie sich daraufhin herausstellte. Ehe ich mich versah, hatte sie auch schon ihr Messer aus ihrem Gürtel gezogen und schnitt mir meine Pulsader auf. Ich schrie auf vor Schmerz und vor Schreck.
„Bist du übergeschnappt?“
Ich wollte zu meinem Pferd und mir etwas holen, womit ich die Blutung stoppen hätte können, meine Freundin hinderte mich jedoch daran. An beiden Armen packte sie mich und hielt mich fest.
„Sobald der Tod kommt, erschieße ich ihn und streue dir dann Sternenstaub über die Wunde!“
„Sternenstaub?“
„Ich hab ihn von meinem Bruder bekommen. Er hat ihn nach einem Meteoriteneinschlag eingesammelt. Damit kannst du Tote wieder zum Leben erwecken, also beruhig dich gefälligst!“
Ich solle mich beruhigen? Ich traute meinen Ohren kaum. Sie konnte gut reden, sie war ja nicht diejenige, die da gerade verblutete. Zum ersten Mal bereute ich es, mich von meiner Freundin zu diesem Unterfangen überredet haben zu lassen.

Wie der Tod wohl aussehen mochte, ich wagte gar nicht, daran zu denken. Bestimmt war er ein furchteinflößender Zombie mit roten Augen und kaum Fleisch auf den Knochen, wenn überhaupt. Gott, wie ich mich vor der Begegnung mit ihm fürchtete. Ich hoffte noch von ganzem Herzen, dass der Plan meiner Freundin auch wirklich aufging und der Tod uns nicht womöglich beide holte, als mein Pferd plötzlich das Weite suchte. Ohne lange zu überlegen, sprang meine Freundin auf ihr Pferd und jagte meinem hinterher, ließ mich alleine zurück in der Wiese liegen. Ja, hatte sie denn jetzt endgültig den Verstand verloren? Ich lag im Sterben und sie ließ mich allein. Ich wollte ihr nachrufen, doch ich bekam keinen Laut aus mir heraus. Immer mehr verließen mich auch meine Kräfte und ich spürte, wie mein Ende nahte. Nun war er nicht mehr weit, der Tod, im Gegensatz zu meiner Freundin, aber es war nicht der erwartete Zombie, der auf einmal neben mir stand, sondern ein Mann in einem schwarzen Anzug. Ganz und gar nicht grässlich war er, sondern irgendwie sogar hübsch.
„Komm, ich zeig dir meine Welt.“
Der Mann kniete sich zu mir und ich merkte noch, wie er mich auf seine Arme nahm, bevor ich ohnmächtig wurde und wenig später an seine Brust gelehnt wieder erwachte. Mein verletztes Handgelenkt lag in seiner Hand und ich konnte beobachten, wie sich die Wunde schloss und das Blut in Luft auflöste, als ob es nie da gewesen wäre. All der Schmerz, all die Angst, alles verschwand mit der Wunde und dem Blut und zurück blieben tiefe Dankbarkeit und Geborgenheit. Ich fühlte mich wohl bei dem Mann und blickte ihm tief in die Augen. Konnte es denn möglich sein, dass er es war? Ich konnte es mir nicht vorstellen.

Das war also seine Welt, wie der Mann sie genannt hatte. Das Paradies auf Erden war es. Gerne hätte ich gewusst, ob ich nicht vielleicht doch schon tot war. Denn wo sah man noch so unberührte Natur wie hier? Wo Bäume und Blumen aller Art gedeihen und sämtliche Tiere in Freiheit leben? Und diese Berge, diese wunderschönen Berge! Konnte das denn die Welt des Todes sein? Feuer und gequälte Seelen, das stellte ich mir unter seiner Heimat vor, aber nicht das.

Nach einem Spaziergang durch das Paradies setzten wir uns auf einen Felsen und prompt sprang dem Mann ein kleines Eichkätzchen auf den Schoß. Er lachte und streichelte es, holte aus seiner Hosentasche ein paar Eicheln hervor und fütterte es damit.
„Du kannst es streicheln, wenn du willst. Keine Sorge, es beißt nicht.“
Zaghaft, um es nicht zu erschrecken, fasste ich es an und tatsächlich: Es ließ sich von mir streicheln.
Nachdem es gefressen hatte, suchte das Eichkätzchen wieder das Weite und ich legte meinen Kopf auf die Schulter des Mannes. Ich genoss seine Nähe, die Geborgenheit und den Halt, den ich bei ihm fand. Ich hatte dabei ganz auf meine Freundin vergessen, die wie aus dem Nichts plötzlich auftauchte. Mit ihrer Pistole zielte sie auf den Mann und drückte ab. Ein lauter Knall, ein Schuss und schon spritzte Blut aus der Brust des Mannes, als die Patrone sie durchbohrte. Der Mann fiel zu Boden, ich beugte mich über ihn und brach in Tränen aus.
„Na, endlich haben wir ihn!“, freute sich meine Freundin und der Mann wandte seinen Blick von mir ab.
„Nein, das kann nicht sein!“
Ich konnte es nicht fassen. Er? Der Tod?
„Sie hat recht, ich bin es.“
Dieser Mann und nicht irgendein herzloser Zombie war also tatsächlich der Tod. Und wenn schon, es änderte dennoch nichts daran, dass ich ihn liebte. Ja, ich liebte ihn. Und zwar als den, der er war.
„Lass mich nicht allein, ich brauch dich, hörst du?“, flehte ich ihn an und legte meine Hand auf seine Wange.
„Sternenstaub“, flüsterte er mir zu, aber ich verstand nicht, was er damit meinte.
„Du wirst doch wohl nicht ernsthaft um dieses Stück Scheiße trauern?“, verhöhnte mich meine Freundin.
„Warum? Warum hast du das getan?“
„Was fragst du so blöd?“
Meine Freundin trat dem Mann in die Seite und er stöhnte auf vor Schmerz, verlor mehr und mehr Blut. Dass er um sein Leben kämpfte und ich nichts für ihn tun konnte, zerriss mir das Herz. Ich wollte ihn nicht gehen lassen, wollte nicht, dass er starb, sah auch nicht ein, weshalb er es verdient haben sollte.
Der Himmel färbte sich feuerrot und tauchte die Landschaft in ein dunkles Orange. Feuerbälle fielen aus den Wolken hernieder und setzen die Pflanzen in Brand. Die Tiere brachen in Panik aus und stürmten wie wild umher, suchten Schutz vor der herabfallenden Gefahr.
„Hauen wir ab!“
Schnell eilte meine Freundin zu ihrem Pferd zurück, während der Mann das
Wort Sternenstaub wiederholte. Nun wurde mir klar, was er mir sagen wollte. Ich schnappte mir einen Stein, lief meiner Freundin hinterher und schlug ihr damit so fest auf den Hinterkopf, dass sie ihr Bewusstsein verlor und zu Boden sank. Ich durchsuchte ihre Taschen und in ihrer Jacke fand ich es: das Päckchen mit dem Sternenstaub, von dem sie mir erzählt hatte.
Der Mann war ebenfalls bewusstlos geworden und rührte sich nicht mehr, als ich zu ihm zurückkehrte. Konnte es denn wirklich möglich sein, dass der Tod sterben konnte? Mit zittrigen Händen öffnete ich das Päckchen und leerte es über seine Wunde, hoffte inständig, dass es auch wirklich funktionierte. Der Sternenstaub rieselte herab und verschwand in dem vielen Blut, das bereits ausgetreten war, und ich wartete, wartete umsonst. Nichts geschah. Der Tod starb und mit ihm seine einst heile Welt, die um uns immer weiter in Flammen aufging.
„Ich liebe dich, Tod!“
Bitterlich weinend legte ich mich zu ihm, meinen Arm um ihn und meinen Kopf auf seiner Brust. Was hatten meine Freundin und ich nur getan? Es war ein schwerer Fehler gewesen, uns auf die Jagd nach dem Tod zu begeben. Er war nicht das abgrundtief böse Wesen, für den wir ihn stets gehalten hatten. Wäre er abgrundtief böse gewesen, wie konnte es dann sein, dass er so viel Liebe in sich trug? So viel ehrliche Liebe? Und wie konnte er so zärtlich sein? Es konnte mir niemand weismachen, dass er mich so dermaßen hinters Licht geführt und mir die ganze Zeit nur etwas vorgespielt hatte. Auch nicht meine Freundin. Wenn sich hier jemand als abgrundtief böse erwies, dann war es sie. Sie, die sich einen Dreck darum scherte, dass der Tod nicht nur schlecht war, und nur auf seinen Untergang aus war.

Enorme Müdigkeit überfiel mich und ich versank in einen tiefen Schlaf, fand mich zu Hause in meinem Bett wieder, als ich erwachte. Mein Herz pochte wie wild. Ich sprang aus dem Bett und lief hinaus ins Freie.
„Hallo!“
Meine Freundin kam auf mich zu und winkte mir.
„Ich steige aus, ich will das nicht mehr!“, platzte es sogleich aus mir hervor.
„Was?“
Verwirrt sah mich meine Freundin an. Sie schien nicht die leiseste Ahnung zu haben, wovon ich sprach.
„Na, unsere Jagd nach den bösen Mächten, es war ein Fehler!“
„Was ist mit dir? Geht’s dir nicht gut?“
Meine Freundin hatte offenbar ihr Gedächtnis verloren oder ich meinen Verstand. Ich eilte zurück in meine Wohnung und ins Badezimmer, wusch mir mit kaltem Wasser mein Gesicht. Alles nur ein Traum? Dabei war alles so real gewesen. Ich hielt den Atem an und blickte auf meinen Arm. Eine große Narbe zierte die Stelle, an der mir meine Freundin die Pulsadern aufgeschnitten hatte.
„Tod!“
Was war nur aus ihm geworden? Und wie konnte ich es in Erfahrung bringen? Ich stürzte in die Küche und holte mir ein Messer aus der Schublade, hielt es hoch und zitterte. Die Schneide glänzte, vor Kurzem erst hatte ich sie geschärft. Der Schmerz war mir noch spürbar im Gedächtnis, dennoch wollte ich es wagen. Was blieb mir sonst für eine andere Möglichkeit, um dem Verbleib des Mannes auf den Grund zu gehen, den ich so sehr ins Herz geschlossen hatte wie noch keinen zuvor?
Ich legte das Messer an und wollte schon zu schneiden beginnen, als plötzlich von hinten jemand seine Hand auf die meine legte.
„Tu’s nicht!“, flüsterte mir eine Stimme ins Ohr, die ihr nur zu gut kannte.
Die Hand griff nach dem Messer und gab es auf die Anrichte vor mir. Ich drehte mich um, Tränen traten mir in die Augen. Er war es wirklich!
Unversehrt stand er vor mir und lächelte mich an, strich mir sanft übers Gesicht und wischte mir eine Träne weg.
„Tod!“
Ich umarmte ihn und drückte ihn an mich. Nie wieder wollte ich ihn gehen lassen, nie wieder von seiner Seite weichen, liebte ich ihn doch mehr, als ich jemals jemanden zuvor geliebt hatte.

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Kommentare

08. Mär 2021

Hallo Anita,
vulgäre Worte, Fäkalsprache erzeugen inzestuöse Atmosphären wie neonazistische Ausdrücke faschistische Atmosphären erzeugen.
Fäkalsprache ist sehr verbreitet, sie tut jedoch niemandem wirklich gut und ist nicht für jeden selbstverständlich.
MfG
Bożena