Kailash

Bild von theowleman
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Über der Stadt lag ein nebeliger Hauch. Er erwuchs wohl aus den vielen Schritten der Unmengen an Gläubigen, die trockenen Staub vom Boden aufwirbelten. Meinem Geruchssinn offenbarten sich die sonderbarsten Gerüche die Asien zu bieten hatte. Kein Reiseführer der westlichen Welt konnte mir dieses Gemisch aus Schweiß, Erde und Erlösung bieten, der auf so vielfältige Weise meine Sinne reizte. Auf den Märkten und in den Straßen nebenan schoben sich scheinbar endlos Menschentrauben herbei. Wie Wellen im Fluss entstand so eine kollektive Bewegung des Gesamten, die so grandios unwirklich schien. Unwirklich wie das Dasein selbst. An den unterschiedlich gefärbten Mänteln und Tüchern konnte ich erkennen, dass wohl selbst aus den entlegensten Teilen dieses geheimnisvollen Reiches die Menschen herbeiströmten, als liefen sie vor etwas davon. Doch die ganze Szenerie hatte nichts Gehetztes. Ganz im Gegenteil. Keiner rannte, keiner drängte, jeder gab jedem den Platz, der ihm zustand. Weiße Gebetsfahnen fingen den Wind und Mönche in orangefarbiger Tracht sprachen beruhigende Gebetsformeln. Gefesselt von der Zeremonie blieb mein Blick an einem unscheinbaren, hageren Pilger hängen, der sich in Niederwerfung fortbewegend dem Platz näherte. Als er mit den Knien die spitzen Mosaiksteine berührte, blieb sein Gesicht regungslos. Mit einer quälenden Langsamkeit stand er auf und streckte ein letztes Mal die Hände gefaltet zum Himmel empor. Die Bewegung war flüssig und schien einstudiert, doch es lag etwas Finales in ihr. Eine Endgültigkeit, wie nur der Tod sie kennen musste. Er kratze sich an seiner Stirn, die von Narben übersäht war. Einige Millionen Male hatte er mit dieser Fläche seines Körpers die Böden seiner Reise berührt. Seine Handflächen waren rein und an den Knöcheln waren Geschwüre zu sehen.
Seine Erscheinung stellte mich vor Fragen. Ein Unverständnis breitete sich in mir aus.

Ich hatte Angst. Trotzdem fand ich den Mut und fragte ihn:

„Warum tust du dir das an? Ein gesunder Mensch macht doch so etwas nicht!“

Er überlegte kurz und Traurigkeit veränderte seinen Blick. Er antwortete:

„Ich weiß nun wie groß die Erde ist. Ich habe sie mit meinem eigenen Körper ausgemessen.

Von Kopf bis Fuß.

Ich weiß Bescheid.“

Inspiriert von Werner Herzogs Dokumentation "Rad der Zeit" (2003)

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