Keinem anderen Menschen

Bild von Anita Zöhrer
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Wenn ich von der Schule nach Hause ging, warst du der Erste, den ich besuchte. Keinem anderen Menschen stand ich so nahe wie dir.

Meine Eltern konnten dich jedoch nicht ausstehen. Obwohl du nie ein Verbrechen verübt hattest, trauten sie dir nicht über den Weg. Ich solle mich gefälligst von dir fernhalten, ermahnten sie mich immer wieder, dabei warst du wie ein großer Bruder für mich. Was sie gegen dich hatten, nur, weil du auf der Straße wohntest, kann ich bis heute nicht verstehen.

Meine Eltern konnten sich so viel ärgern, wie sie wollten – es war mir egal. Weiterhin traf ich dich in der Gasse, in der du wohntest. Woher hätte ich auch ahnen sollen, dass sie mir nachspionierten? Die Polizei hetzten sie dir auf den Hals – Kindesbelästigung warfen sie dir vor. Das Klicken der Handschellen klingt mir nach wie vor in den Ohren. Wie schimpfte ich mit den Polizisten, als sie dich gegen eine Wand drückten und dich verhafteten. Doch ich war nicht mehr als eine kleine Göre für sie, weder mein Weinen noch meine Worte nahmen sie ernst.

Wir verloren uns jahrelang aus den Augen, vergessen hatte ich dich jedoch nie. Selbst als ich meinen Mann kennenlernte und heiratete, bliebst du in meinem Gedächtnis präsent. Das Band, das uns zusammenhielt, war unzertrennlich. Keine Entfernung, keine Ungewissheit, ob wir uns jemals wieder begegnen würden, konnte es lockern, geschweige denn zerreißen.

Umso mehr freute ich mich, als das Schicksal uns eines Tages wieder vereinte. Mit hängendem Kopf saßt du an deinem alten Platz. So sehr hatte ich die viele Male, an denen ich deine Gasse besucht hatte, gehofft, dass dieser Moment kommen würde. Meine Begeisterung war unbeschreiblich, meine Tränen bezeugten es dir. Ich lief zu dir hin. Überrascht erhobst du dich und wir fielen uns in die Arme.

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Kommentare

27. Apr 2021

Da ist dir eine schöne Geschiche durch die Hand geflossen. Chapeau !
Lebensnah, lebensecht, gefühlsstark und geistig-seelisch vollkommen
autark !