Sei´s drum... ("Ja, was ist denn hier los?" "Das Momentum!")

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Sprachliche Besonderheiten in der Fußball-Berichterstattung

("Es ist angerichtet" - unerträglich, unsäglich, unabwendbar, aber die meisten Reporter sagen das leider zu Beginn einer Live-Reportage!)

So, wie die meisten Menschen lediglich Tomatensaft im Flugzeug zu trinken pflegen, verhält es sich auch mit „Sei´s drum“. Diese Redewendung benutzt im Alltag wirklich keiner, auch kein Sport-Reporter. Aber während einer Live-Reportage kann es sein, dass diese Floskel rund 3 - 4 x genutzt wird.

Meist, wenn ein Schiedsrichter mit einer Entscheidung völlig falsch liegt. Merkwürdig, richtig?

Es braucht meist den einen Reporter, der einen Hype anstößt. Wer hat denn zum erstenmal vom „Chipball“ geschwärmt? Der „Chipball“ ist ein Flugball, der ziemlich weich mit einer Flugkurve wie eine "Bogenlampe" über den Gegner gespielt wird. Wer immer es war, er hat eine Lawine losgetreten. Ähnlich wie beim Wort antizipieren. Das klingt enorm intelligent, das hat Stil, das nervt ohne Ende. Irgendeiner musste sich profilieren, meinte, er müsse den akademischen Touch ins Geschehen bringen, er (zu Beginn der Live-Berichterstattung gab es noch keine Reporter-Damen, nicht beim Fußball) sprach von der Antizipation (Vorwegnahme, Vorgriff). Bewundernd blickten Millionen Fußball-Fans (meist erstmalig) ins Wörterbuch. So kam vor gut 2 Jahren plötzlich auf, meist in Interviews mit Fußball-Spielern gleich nach einem Spiel, dass ein hart eingeschobenes "Ja" seinen großen Auftritt hatte. Das gab es zuvor nicht. "Wir hatten, ja, von Anfang an einige Probleme. Wenn wir das, ja, nicht in den Griff bekommen, werden wir, ja, durchaus in den gefährlichen Bereich der, ja, Zone der Tabelle geraten, ja..." Übernommen wurde das von den Trainern, hernach ging es in den Sprachgebrauch der meisten Reporter über. Auch äußerst erfolgreich seit der Erstnennung: Das Umschalt-Spiel. Oder: Stand jetzt... Wie oft das gesagt wird, ist wirklich erstaunlich. Während einer Reportage, beim Interview usw.: "Stand jetzt sind wir abgestiegen, ja, aber es sind ja noch 7 Minuten zu spielen..."

Wenn einer einen Schneeball anstößt, wird leicht eine Lawine daraus. Nehmen Sie doch nur „gegen den Ball arbeiten“. Früher hätte man „verteidigen“ gesagt. Einfach. Zu einfach? Ebenso das Pressing. Die Fachbegriffe werden gern ins Englische oder Amerikanische übertragen. So sprechen wir heute von der „Box“, früher war das nur der Strafraum. Eine Verniedlichungs-Welle hat uns regelrecht überrollt. Wer hat das zu verantworten? Plötzlich wird von Törchen, Köpfchen, Beinchen und Händchen gesprochen. Wie peinlich. „Der hat ein sehr feines Füßchen...“ Den Leuten scheint das zu gefallen. Ich persönlich finde: Wenn ein Fuß in der Größe 47, der bisweilen exorbitant, besonders nach einem Spiel, zu stinken geruht, als „Füßchen“, wirklich und real, bezeichnet wird, dann hört der Spaß auf. Bei Füßchen denke ich immer gleich an kleine, bezaubernde Damenfüße. Aber doch nicht an die 47er Mauken, bestialisch stinkend und qualmend. Woher kommt nur diese Verniedlichung? Können doch nicht alle Sport-Reporter über Nacht Väter geworden sein?!? Jetzt gleich zwei kleine Ergänzungen, a) intellektueller Art, b) profaner Art (Akademie).

Jean-Paul Sartre über Fußball:

Fußball als existenzielle Kontingenz-Performance aus intellektueller Sicht

Betrachtet man den Vorstoß einer Fußballmannschaft (die ihrer Struktur nach im Übrigen einer bewaffneten Rebellengruppe gleichgestellt wird!), ist – wie es bei Sartre heißt – „die Aktion jedes Spielers als unbestimmte Möglichkeit durch die Funktion vorausbestimmt worden, und zwar in Bezug auf ein künftiges Ziel, das [seinerseits] nur durch eine organisierte Vielheit technischer Aktivität verwirklicht werden konnte.“

„Jene Bewegung, jene Ballabgabe, jene Finte können wir ja nicht von der Funktion ableiten: diese definiert nur die abstrakte Möglichkeit gewisser Finten, gewisser Handlungen in einer zugleich begrenzten und unbestimmten Situation. Die Aktion ist unreduzierbar“.

„Bei einem Fußballspiel kompliziert sich […] alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“

DIE FUSSBALL-REPORTER-AKADEMIE

„Sehr schön, eine gemischte Klasse. Ich sehe 3 Damen und 9 Herren hier. Nun, ich heiße Sie sehr herzlich willkommen! Ich bin der Kursleiter, mein Name ist Gerfried Bedenkirch. Wir werden zusammen herauszufinden haben, ob Sie das Rüstzeug für eine Karriere als Fußball-Reporter respektive Fußball-Reporterin mit sich führen, in sich tragen. Wenn Sie SEHR fleißig sind, Ihre tja Hausaufgaben machen, sich einbringen, rege beteiligen am Unterricht und über das nötige Fachwissen verfügen, dann kann es durchaus sein, dass Sie demnächst eine Paarung wie die zwischen dem großen FCB und dem BVB kommentieren dürfen - sofern Sie genug Talent mitbringen. Das wird sich hier sehr rasch erweisen.“

Der Kursleiter geht zu jedem einzelnen Kursteilnehmer, reicht ihm oder ihr die Hand, lässt sich den Namen sagen, vergisst diese Namen auf der Stelle, teilt Unterlagen aus.

„Wir gehen es so an. Der Unterricht besteht aus insgesamt 10 Einheiten. Da ist die wichtigste Einheit, das Sprech-Training. Dann gibt es die Analyse. Hier werden wir Spielszenen aus bedeutenden Partien analysieren und bewerten. Dann haben wir, sicherlich für viele von Ihnen eine Problem-Zone, die Unterrichts-Einheit „Deutsche Grammatik“.

Von keinem von Ihnen möchte ich jemals hören: Da hat der Ball den Pfosten leider nur gestriffen! Oder gar das macht Sinn! In dieser Akademie ist das streng, äußerst streng verboten. Bei uns ergibt etwas Sinn. Aber Sinn machen? Das ergibt absolut keinen Sinn. Verboten: "Müller zu Alaba. Alaba zurück zu Müller. Der spielt den Ball erneut zu Alaba..." Das ist langweilig und peinlich. Vermeiden Sie das ständige "Ballverlust!" Das sieht der Zuseher selbst. Warum müssen Sie das so süffisant verkünden? Es gibt einen Sport-Reporter bei FIFA 20, der das in einem Spiel gute 3 Dutzend Mal bringt. Uwäch... Einwurf, vielleicht. Ecke, sicherlich. Aber Ballverlust? Nein, ganz bestimmt nicht! Vermeiden Sie auch den kategorisch gebellten Imperativ "So!". Das ist unsinnig. Was soll "So!" bedeuten? Auslösen? Damit gemahnt sich der Fußball-Reporter meist nur in selbstverletzender Weise, wieder zurück zum aktuellen Geschehen zu finden. "So!" ist ebenso peinlich wie das dutzendfach gebrauchte, eingeschobene "Ja!". Es gibt mehrere Fußball-Reporter, die das ein halbes Hundert Mal bringen - "So!" und "Ja!". Die disqualifizieren sich quasi automatisch für weiterführende Aufgaben, zum Beispiel eine WM. Niemals möchte ich von Ihnen hören: "Hacke, Spitze, eins-zwei-drei..." Niemals! Dass wir uns dahingehend gut verstanden haben, die Damen und die Herren! Ich meinte NIEMALS und ich werde das auch nie wieder ansprechen. Das Diplom können Sie vergessen, wenn Sie diesen unseligen Text auch nur 1 x bringen sollten. Basta. Doch weiter...

Wir haben dann noch die Unterrichts-Einheiten „Dramaturgie“, sehr wichtig, und die sehr beliebte Jubel-Kunde. Wann muss ich mit

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Interne Verweise

Kommentare

12. Sep 2020

Sehr lesenswert und von enorm hohem Unterhaltungswert, obwohl ich alles andere als ein Fußballfan bin - oder vielleicht deswegen? Bei verschiedenen Passagen habe ich heftig genickt. Was mir immer schon absolut gegen den Strich geht, ist das rauchig-maskulin gefärbte Brüllen gewisser Sport-Reporterinnen, deren unorthodoxes Anheben und Absenken der Stimme keiner bekannten Sprachregelung oder -melodie folgt. Diese Damen stelle ich mir in zärtlicher Intimität vor, wenn sie mit diesen Brüllanweisungen geneigte Liebhaber lenken und leiten wollen. Aber vielleicht gibt es ja auch dafür Fans ...
Sei's drum!
;o)))

12. Sep 2020

Da Krause meine Fernbedienung hat,
Findet bei mir nur Fußball statt ...

LG Axel

12. Sep 2020

Liebe Noé, lieber Axel,

vielen Dank für Eure netten Kommentare. Ich habe mir
deine "zärtliche Intimität" vorstellen können, Noé. Und
musste brüllen vor Lachen. Eine herrliche, erfrischend
spaßige Imagination. Nett, dass du trotz der Fußball-
Nicht-Leidenschaft den Text gelesen hast. Danke Euch.

Gruß von Gerfried (sei´s drum - warum machen wir aus
dieser entsetzlichen Floskel nicht ein Geheimzeichen?
Nur so, unter uns, als eine Art Erkennungs-Merkmal?)

12. Sep 2020

Geheimzeichen ...
Wie spannend!
Aber kann es noch "geheim" sein, wenn alle, alle es gelesen haben (in diesem Zusammenhang)?

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