Story XXV: Slaughter day

Bild von Q.A. Juyub
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In den dunkelsten Stunden der Nacht bemerkst Du manchmal ihre verschlingende Präsenz und eine unbestimmte, uralte Angst steigt tief in Deiner Seele auf. Jene, die finsterer als die schwärzesten Schatten sind, gab es schon seit der Morgendämmerung Menschheit und es wird sie immer geben, bis der letzte Homo Sapiens um einen gnädigen Tod winseln wird. Gierig greifen jene aus dem Zwischenreich in die Welt der Lebenden, um sich an köstlichen Leiden in okkupierter Körperlichkeit zu ergötzen.
Sie suchte einst als mächtige Aristokratin das ewige Leben und fand es in unerwarteter Weise. Als zornige Totenseele dringt die einstige Dunkelgräfin tief in den Verstand ihrer Opfer, zu denen vielleicht auch Du bald gehören wirst!

*

Kevins genussvoll hervorgestoßenes Bäuerchen, das in seiner Lautstärke allerdings eher einem ausgewachsenen Landwirt glich, unterbrach recht unsanft die fachkundigen Ausführungen seiner Mutter zu den amtlichen Maßnahmen hinsichtlich der Pandemie. Die arbeitete nämlich halbtags als Krankenschwester und bekam die ebenso verfehlten wie halbherzigen Bemühungen einer unfähigen Regierung, die mit rudimentärem Demokratieverständnis mächtig einen auf Demokratie machte, sozusagen an vorderster Front mit.
„Bravo Bursche, diese ewige Motzerei kann ja keine Sau ertragen! Aber gottseidank ist da unser Jungvolk ganz anders!“
Während es Mama Miraculi – Anette mit bürgerlichem Namen – förmlich die Sprache verschlug, betrachtete Großvater Armin seinen 9-jährigen Enkel mit einem zufriedenen Blick, der wiederum erwiderte das visuelle Wohlgefallen des Alten mit einem spöttischen Leuchten in den Augen.
„Opa ist ne alte Umweltsau!“
Nun war es am großväterlichen Rüsseltier den wohlerzogenen Enkel völlig perplex anzusehen, während der Rest der Familie, die neben dem wohlbekannten Muttertier noch aus Vater Ronny und Tochter Elisabeth bestand, am reich gedeckten Frühstückstisch in verschiedenen Variationen des Schweigens verharrte.
„Kevin, was ist in Dich gefahren? Entschuldige Dich gefälligst bei Opa!“
Trotz der vorhergehenden, harschen Kritik der älteren Generation und obwohl sie den anwesenden Exponenten derselbigen bei einigen Gelegenheiten liebend gern erschlagen hätte, fühlte sich die Erzeugerin der männlichen Nachkommenschaft jener bundesrepublikanisch glücklichen Familie bemüßigt, regulierend einzugreifen.
„Aber Anette, ich bin laut, weil der mir die Zukunft klaut! Der Alte hat die Erde kaputtgemacht, das haben die mir im Kinderkanal erzählt und der ist auch weiß und deshalb ganz, ganz böse! Daher sollte Opa auch schnell sterben, damit die Erde wieder heile wird!“
Die Empörung seines geliebten Enkels stieß nun -surprise, surprise- auf wenig Verständnis des greisen Weltenzerstörers.
„Du verdammter Bankert …“
„Jetzt beruhigen wir uns alle einmal!“
Nun brach auch Papa Ronny parteiisch deeskalierend sein bisher zufriedenes Schweigen.
„Opa Armin sollte daran denken, dass er und seinesgleichen den Planeten voll an die Wand gefahren haben. Das ist doch kein Wunder, wenn sich der Junge darüber aufregt.“
Ebenso aufmunternd wie verschwörerisch blinzelte der Vater seinem engagierten Filius zu, der wiederum seinen Erzeuger mit einem listigen Glitzern in den Augen zulächelte.
Mit äußerst mürrischer Mimik zog es Armin der Klimaschädling vor, nicht auf die propagandistisch wertvollen Vorwürfe des nach seinem Vorbild erzogenen Sohnes zu antworten. In ähnlichen Situationen pflegte nämlich der respektvolle Abkömmling den urväterlichen Rentner spöttisch darauf hinzuweisen, dass er gedenke ‚das alte Wrack‘ demnächst in das Seniorenwohnheim St. Judas - jene Altenaufbewahrungsstätte eines kirchlichen Trägers wurde inoffiziell auch gerne ‚das Lager‘ genannt - abzuschieben. Natürlich handelte es sich dabei um eine leere Drohung, da unser Familienoberhaupt die Rente des Alten gut gebrauchen konnte und jenes in christlicher Nächstenliebe geführte Altersheim für seine bescheidenen Dienste gar exorbitante Preise forderte, die unterhaltspflichtige Angehörige sich wie ausgenommene Weihnachtsgänse vorkommen ließen. Zu seinem Leidwesen realisierte der klimasündige Großvater die Inhaltslosigkeit solch billiger Drohgebärden nicht und kuschte dementsprechend.
„Außerdem will ich nichts mehr von dem infantilen Weibergeschwätz hören!“
Mit einem fordernden Blick geballter Männlichkeit betrachtete der liebende Ehemann seine Gattin, die in erlernter Unterwürfigkeit das blondgelockte Haupt senkte.
„Übrigens ist meine Tasse leer!“
Elisabeth, das letzte Glied in der familiären Nahrungskette, beeilte sich, dem fürsorglichen Vater das exquisite Geschirrteil mit dem eigens für ihn gebrühten, edlen Kaffee zu füllen – die Restfamilie durfte sich aus Kostengründen mit den minderwertigen Erzeugnissen eines örtlichen Diskounters begnügen.
„Muss ich denn alles sagen?“
Das für sich so treusorgende Familienoberhaupt schenkte seinem 13-jährigen Töchterlein ein tadelndes Kopfschütteln, sich allerdings insgeheim für die gute Dressur der Kleinen gratulierend. In prügelbedingter, kindlicher Liebe griff nun Elisabeth nach dem vatereigenen Zuckerspender, um dem Patriarchen das edle Getränk zu versüßen, wurde jedoch durch eine herrische Geste desselben in ihrem Unterfangen gehindert.
„Das mache ich schon lieber selber, bevor Du wieder Mist baust! Apropos Mist: Warum hast Du eigentlich in der letzten Mathematikarbeit nur eine ‚Zwei‘ geschrieben? Vielleicht ist das für ein Mädchen zu viel verlangt, aber nimm Dir gefälligst ein Beispiel an Deinem Bruder. Der geht zwar nicht zum Gymnasium, aber ist immerhin an seiner Grundschule klimatischer Oberaktivist und lässt selbst den Direktor nach seiner Pfeife tanzen, sodass sich jetzt niemand mehr traut, ihn ein weiteres Jahr sitzenbleiben zu lassen! Auf so einen Jungen kann man einfach nur stolz sein!“
Von väterlichem Stolz auf den wenig intellektuell begabten Stammhalter erfüllt, ergriff Ronny den erwähnten Zuckerstreuer, dessen Oberteil sich sogleich beim Dosierungsvorgang löste und höchst unsanft nebst einer gewaltigen Ladung Edelzuckers in der überdimensionierten, paternalen Kaffeetasse landete, die, einen koffeinhaltigen Tsunami auf dem Frühstückstisch auslösend, mit lautem Klirren umfiel. Während der Rest der Familie inklusive ihres offiziellen Oberhauptes in überrascht entsetztem Schweigen verharrte, verriet das hämische Gelächter des hochgeschätzten Thronfolgers den eigentlichen Urheber des Desasters.
Des Familientyrann erste Impuls bestand natürlich darin, den geliebten Sohn ordentlich für die Missetat zu züchtigen. Aber da es sich bei unserem Mann um einen ausgemachten Macho der feigeren Sorte handelte, besann er sich schnell eines Besseren. Als kleiner Erbsenzähler beim Jobcenter hatte er wenig zu melden und pflegte seinen Vorgesetzten gehörig in den Anus zu krabbeln. Kompensieren konnte es die Zier der bundesdeutschen Beamtenschaft dadurch, dass er seinen Frust an Kunden und der eigenen Familie ausließ. Durch seinen zwar dämlichen, aber äußerst rührigen Sohn, den er geschickt auf den aktuell orchestrierten Klimakreuzzug aufspringen ließ, war er plötzlich wer. Sein Sohnemann und seine Wenigkeit brachten es letztlich tatsächlich auf die Titelseite des lokalen Jubelblättchens; selbst Regierungsrat Beutelschneider sollte sich nach Aussagen seines diktatorischen Vorgesetzten nach ihm erkundigt haben! Obwohl manchmal gewisse Strangulierungsphantasien hinsichtlich des werten Sprösslings durch seinen Beamtenschädel gingen, wäre es nicht auszudenken, wenn

Meinem Pal Jürgen gewidmet.

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Kommentare

04. Okt 2020

Die BLAUE Frau ist auch kaum besser -
Kriegt die kein Bier, wetzt sie die Messer ...

LG Axel

04. Okt 2020

Ich bevorzuge da die 'grüne Fee', die sich aber leider in der BRD nicht offiziell zeigen darf.
Cheers JU

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