Friedrich Nietzsches Idee des Übermenschen und ihr Missbrauch durch rechte Ideologen

10. September 2020

Friedrich Nietzsches Idee des Übermenschen wurde bereits sehr früh von rechten Ideologen vereinnahmt. Warum das passiert ist, was daran falsch ist und wie man Nietzsches Übermensch verstehen sollte, erfahren Sie hier.

Bild zeigt Friedrich Nietzsche
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Woher kommt Nietzsches Übermensch

Die Idee des Missbrauchs von Friedrich Nietzsches Philosophie entstammt einem einzigen Satz seines Werkes „Also sprach Zarathustra“:

Dieser Satz hat eine entscheidende Fortsetzung, die von rechten Ideologen stets unterschlagen wird. Sie lautet:

  • „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll.“

Diesem Satz gehen kontemplative Überlegungen des der persischen Mythologie entlehnten Denkers Zarathustra voraus, den Nietzsche als Figur für sein Sujet wählte und der ein reales, vor vielleicht 3.000 Jahren lebendes Vorbild hat. Diese Überlegungen führen zur Erkenntnis der Unzulänglichkeit menschlichen Denkens und Lehrens. Wichtig zu wissen: Nietzsche hat sich die Figur des Zarathustra nur geborgt. Der wahre Religionsstifter Zarathustra ist in seinen Thesen mit der Philosophie Nietzsches nur wenig zusammenzubringen. Auch die Schlussfolgerungen Nietzsches zum neuen Menschen, dem Übermenschen, zitieren Vordenker der rechten Szene kaum jemals, weil sie ihnen nicht ins Konzept ihrer Simplifizierung der Philosophie Nietzsches zu einer Philosophie der Herrenrasse passt:

  • Der Übermensch schafft und vernichtet, weil beides die Seiten einer Medaille sind.
  • Die Selbstliebe des Übermenschen verhindert Knechtsein und Wehmut.
  • Der Übermensch liebt das Leben und vertraut den eigenen Fähigkeiten.
  • Er ist männlich in dem Sinne, dass er hart und kompromisslos seine Ziele verfolgt. Damit meinte Nietzsche keinesfalls Gewalt oder Brutalität und schon gar nicht die Vernichtung anderer Rassen, sondern bloße, kompromisslose Disziplin.

Wie kam es zum Missbrauch von Nietzsches Philosophie?

Friedrich Nietzsche selbst hat diesen Missbrauch befürchtet. Der Zarathustra erschien in den 1880er-Jahren, in seinem Umfeld veröffentlichte der Philosoph weitere bedeutende Werke. Sie wurden von einem kleinen, aber intellektuell feinen Kreis aufmerksam gelesen, wobei Nietzsche selbst auffiel, dass er den größten Zuspruch von streng nationalistischen und völkischen Gruppen bekam, aus denen sich später die faschistische Bewegung (nach Nietzsches Tod) entwickelte.

Die intellektuelle Rechte

Wenn wir diese Gruppen in einen intellektuell feinen Kreis einordnen, verweisen wir darauf, dass es eine intellektuelle Rechte gibt (auch heute!), deren Einfluss nicht zu unterschätzen ist. Politisch rechts sein heißt nicht automatisch, dumm zu sein. Ohne Intellektuelle können Diktaturen nicht errichtet werden, es würde ihnen die nötige Gefolgschaft der Eliten fehlen.

Nietzsche als Standardlektüre im ersten Weltkrieg

Allmählich fanden nun Nietzsches Werke wie der Zarathustra breiteren Zuspruch, nämlich in dem Umfang, in welchem Europa und Deutschland politisch und wirtschaftlich erodierten. Im Ersten Weltkrieg schließlich gehörte der Zarathustra zur Standardlektüre gerade jüngerer Menschen: Die deutschen Soldaten hatten ihn als Taschenbuch bei sich und lasen ihn im Schützengraben. Um das zu verstehen, muss man den Zarathustra lesen. Er ist keine leichte Kost. Doch in einer Welt, in der physisch und auch geistig kein Stein mehr auf dem anderen bleibt, mag er Halt vermitteln.

Nietzsche und die Nationalsozialisten

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges schließlich besannen sich die intellektuellen Rechten auf die simple Idee des Übermenschen, während sie die komplexe Philosophie im Umfeld dieser Idee ausblendeten. Es blieb der nackte Kern eines über allen anderen Menschen stehenden Übermenschen, der in diesem Kontext ein sprachliches Misskonstrukt ist: Nietzsche hatte nicht gemeint, dass sich dieser Mensch (aus dem die Nazis ihre Herrenrasse machten) über die anderen Menschen erhebt, sondern dass er sein eigenes unzulängliches Menschsein überwindet. Doch die Simplifizierung war viel einfacher zu verstehen, wie das auch heute noch der Fall ist und es uns Zeitungen mit großen Lettern tagtäglich weismachen wollen (wehret den Anfängen, wehret der Dummheit!). Das mag Adolf Hitler gefallen haben, den wir ausdrücklich nicht zu den Intellektuellen zählen. Hierfür genügt ein kurzer Blick in sein Machwerk „Mein Kampf“, das so grottenschlecht geschrieben ist, dass sein Erfolg bis heute schier unerklärlich erscheint. Es gehört zu den Büchern, die die Welt nicht braucht. Er war kein Intellektueller, aber ein talentierter Demagoge ebenso wie sein Propagandaminister Goebbels, der den totalen Krieg einforderte und dabei genau wusste, wie Massen zu manipulieren sind. Von ihm stammt der Satz, dass derjenige, der viele Menschen führen will, einheitlich führen will, sich nicht nach dem Niveau des Klügsten, sondern nach dem des Dümmsten richten müsse. Damit waren Hitler und Goebbels bekanntlich erfolgreich: Sie führten ein Volk der Dichter, Denker, Wissenschaftler, Ingenieure und Wirtschaftslenker in den totalen Krieg mit über 50 Millionen Toten. Sie manipulierten dieses Volk dergestalt, dass es auch den Holocaust unterstützte oder zumindest nichts dagegen unternahm. Auch dieser Satz von Goebbels hängt vermutlich über den Kopfkissen moderner Chefredakteure, die tagtäglich die Medienlandschaft mit großen Lettern und simplifizierenden Headlines verunstalten. Simplifizierung ist fast immer erfolgreich, Nietzsches Werk ist gleich mehrfach davon betroffen.

Auch das inzwischen geflügelte Wort „wenn du zum Weib gehst, vergiss die Peitsche nicht“ stammt aus dem Zarathustra, auch dieser Satz ist im Kontext des Werkes viel weniger frauenfeindlich zu verstehen, als er kontextlos erscheint. Wenn aber nun die Simplifizierung so erfolgreich war und ist, warum brauchten und missbrauchen die Rechten eine höchst komplexe, in sich extrem ambivalente Philosophie wie die von Nietzsche, um ihre Ideen unters Volk zu bringen? Das lässt sich erklären.

Philosophie als Anker im Chaos

Wir stellen uns einen Soldaten im Schützengraben, ein hungerndes, von Massenarbeitslosigkeit und Hyperinflation betroffenes Volk vor. So sah die deutsche Realität zwischen 1914 und etwa 1932 aus. Diese Menschen suchten in höheren Ideen Halt. Nietzsche bot sie ihnen. Eine für unsere heutigen Verhältnisse schier unbegreifliche, an vielen Stellen überflüssig erscheinende Philosophie war ihr Anker. Denken kann man auch, wenn man hungrig ist. Doch so viel Komplexes vermag der Verstand nur wenig zu fassen und kaum jemals lange zu halten. Zurück bleibt der Eindruck von einer großartigen, märchenhaften Welt, durch die uns der Zarathustra geführt hat. In dieser Welt gab es die eine Idee des Übermenschen, zu der die Menschen der 1930er-Jahre freudig nickten, wenn sie ein rechter Demagoge aufgriff. Dass sie etwas Großem entsprungen war, wussten sie nach der Lektüre von Nietzsches Werk noch.

Und heute - da war doch etwas mit den Nationalsozialisten, Nietzsche und dem Übermenschen.

Heute ist Nietzsches Werk nur Menschen bekannt, die geistig keine dünnen Bretter bohren und Zeitungen mit großen Lettern sowie Online-Publikationen mit schwachsinnigen, reißerischen Headlines strikt meiden. Die anderen haben ihn nicht gelesen und werden es auch jetzt nicht tun. Doch gehört haben sie von ihm: Da war etwas mit den Nationalsozialisten, Nietzsche und dem Übermenschen. Richard Wagner war wohl auch ein Faschist. Irgendwie erklang seine Musik bei der Selektion an der Rampe in Auschwitz, irgendwie wurde er dann in Israel ein halbes Jahrhundert lang nicht gespielt. Zur Erinnerung:

  • Friedrich Nietzsche lebte von 1844 bis 1900.
  • Richard Wagner lebte von 1813 bis 1883.

Sie hatten und haben beide aber so gar nichts mit den Nazis zu tun. Doch diese finden immer wieder große Namen und Werke, die sie missbrauchen können. Nietzsche eignet sich für den Missbrauch vielleicht besonders gut, weil er ambivalent und in Teilen direkt widersprüchlich schrieb, wodurch er sich einer klaren Einordnung entzog. Das ist unter Philosophen vollkommen legitim. Das Leben, der Kosmos und die Geisteswelt sind nicht eindeutig. Nietzsche betrachtete seine Aufgabe darin, „in jedem Winkel der modernen Seele gesessen zu haben“. Im Grunde nahm er nur die Widersprüche seiner Zeit auf und verarbeitete sie philosophisch. Solche Widersprüche gab und gibt es immer. Es gibt zwei Wege, damit umzugehen:

  • Kluge Menschen halten sie aus und ringen im Widerspruch um eine neue Erkenntnisebene.
  • Weniger kluge Menschen lassen sich mit einer simplifizierten Aussage verköstigen.

Demagogen wiederum nutzen die Verzweiflung, die aus der Rezeption widersprüchlicher Aussagen resultiert, und finden in den Worten des Philosophen irgendwo eine klare Aussage. Das ist die des Übermenschen (zum Beispiel). Da wir den Rest des Werkes nicht verstehen, halten wir uns daran fest. Da das Werk insgesamt so unverständlich ist, muss es doch irgendwie sehr klug sein. Wenn ein so kluger Philosoph schreibt, dass wir Deutschen Übermenschen sind, muss es wohl stimmen. Fertig ist die rechte demagogische Soße. So etwas gibt es auch auf anderen Gebieten und auch von Linksintellektuellen. Karl Marx hat es auch nicht verdient, dass man ihn derart simplifizierend missbraucht.

Wir müssen verstehen, dass das 20. Jahrhundert zwei verheerende, mörderische Ideologien hervorgebracht hat, die wir als echte Übermenschen im Sinne von Friedrich Nietzsche überwinden müssen: den Faschismus und den Kommunismus.