Bewegende Worte

von marie mehrfeld
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Mit versiegelten Schnäbeln hocken deine Winterfreunde die schwarzen Krähen stumm schlafend im kahlen Gebüsch, alle Sterne erloschen, der Morgen noch nicht gegraut,

du hast die alten Verse schweigend gelesen mit gerunzelter Stirn Zeile um Zeile im flackernden Schein deiner Kerze, „ich aber sage euch, liebet eure Feinde, segnet, die euch

fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“, du siehst die Hand vor den Augen nicht, sehnst vergeblich herbei das Licht und die Lust

des duftenden Sommers, dunkelblau zuckt unter der Schädeldecke das pfeifende Rasen deines Pulses her und hin, dein Herz, nicht aus Eisen gemacht, fürchtet die klappernden Läden

im heulenden Nachtsturm, die abgehangene Zeit überzieht Fensterscheiben mit zähen Spuren, Bilder brennender Häuser und hungernder Kinder der fernen Länder im Krieg beleuchten

im Kopf den Hauch der Vergänglichkeit, du fröstelst, die Zähne der Ewigkeit hörst du nagen an dir und die Finsternis deiner Seele schreit nach Liebe und Wärme, geh nun

zu den Menschen und halte warme Hände in hohen Räumen und sing gute Lieder in die kalte Luft des dunkeln Novembertags und bewege die schweren Worte in deinem Herzen.

Siehe Matthäus Evangelium Kapitel 5, Vers 44-46; Vergebung und Gewaltfreiheit, Liebe und Gutes tun - diese Forderungen sind nicht ausschließlich Eigenheiten des Christentums, in anderen Weltreligionen haben sie ebenso Bedeutung. Auch die philosophische Ethik befasst sich mit der Überwindung von Feindschaft.

Interne Verweise

Kommentare

14. Nov 2017

Sehr furios und bewegend, Marie, deine neue Slam-Poesie gefällt mir wie immer sehr, sehr, weil vollgepowert mit starken Worten. Auch meine absoluten Winterfreunde, die stummen Krähen, liegen mir nicht schwer im Magen; aber seine Feinde lieben, das bringe mal einer fertig - sie würden es eh nicht merken, diese Feinde - und ich liebe viel lieber meine Freunde. Ist aber ganz wunderbar formuliert alles und sehr beeindruckend. Ich mag dieses Slam-Poem sehr.

Liebe Grüße,
Annelie

14. Nov 2017

Lieben Dank, Annelie, bei diesem Gedicht wollte ich allerdings nicht "slamen" ... nur eine gewisse Stimmung rüberbringen, die mich befällt in schlaflosen Nächten ... immer auf der Suche nach einer Lösung, nach einem Ausweg. Das Wetter heute bei uns mal sonnig, ein Geschenk, werde einen langen Spaziergang machen ohne Stock und Schirm und grüße dich in Rictung Lübeck.
Marie

15. Nov 2017

Ja, das mit den Feinden gelingt mir auch selten, manchmal muss man sie auch bekämpfen, vor allem die in uns selbst, diese inneren Schweinehunde ... das fiel mir noch zu deiner feinen Antwort ein, liebe Annelie.

Liebe Grüße - Marie

14. Nov 2017

Liebe Marie, ich bin ständig am Kämpfen. Das beginnt bereits am Morgen mit mindestens einer Stunde Yoga, während andere hier faul gegen die Wände klopfen oder - stundenlang - mit ihrer Bohrmaschine herumspielen und/oder mit den Türen ballern. Frage bitte nicht, das ist alles so traurig, und manchmal bin ich kurz davor, den psychiatrischen Dienst anrufen, um diesen Menschen Erleichterung zu verschaffen. - Yoga ist oft harte Arbeit, manchmal sehr anstrengend; aber es befreit mich von jeglichen Schmerzen bzw. kommen gar nicht erst welche auf. So erspare ich meiner Krankenkasse eine Menge Geld. - Zum Glück brauche ich den Krach hier nicht zu hören, wenn ich nicht will; ich habe mir u.a. Ohrenschutz gekauft, den Bauarbeiter als Hörschutz bei ihrer Arbeit tragen. So sitze ich denn hier manchmal wie ein Wesen von einem anderen Stern vorm Laptop - mit Ohropax u n d als Bauarbeiterin verkleidet (Hah!). Und ich kämpfe abends dagegen an, dass ich nicht zu viel Yogurt esse; das ist nämlich gar nicht gesund. Darüber hinaus möchte ich am liebsten den ganzen Tag lesen; auch dagegen kämpfe ich, liebe Marie. Man sollte nämlich, wie du es heute offenbar getan hast, mindestens eine dreiviertel Stunde lang spazieren gehen. Ich hoffe, dein Spaziergang war schön und hat dich auf gute Gedanken gebracht.

Liebe Grüße,
Annelie

15. Nov 2017

Du bist zu beneiden um deine Yogastunden, sie werden dir ein hohes Alter bescheren - mit klarem Geist und gesundem Körper ... geschrieben mit dem Zeigefinger frühmorgens um kurz nach sechs ...
Marie

15. Nov 2017

Könnte (fast) jeder machen, liebe Marie - und wir würden jede Menge Krankenkassenbeiträge sparen.

Mit Hochachtung
vor der Frühaufsteherin, die
um diese Zeit bereits ihren Zeigefinger bewegt!

Liebe Grüße,
Annelie

14. Nov 2017

Dieser Text spricht an - direkt:
Erreicht den Leser - ganz perfekt!
(Den Feind zu lieben, haut schwer hin -
Da ich ein Feind von Krause bin ...)

LG Axel

14. Nov 2017

Danke, Axel.
Deine Feindin Krause, sie lebe hoch -
bringt sie die besten Ideen dir doch …

LG - Marie

14. Nov 2017

Und dann geh hinaus ins Flüchtlingsheim oder ins Seniorenzentrum und gib dich hin,
mit all deiner Liebe und all der Kraft, die dir durch Gott geschenkt ist.
Jeder von uns kann und darf etwas tun und ist damit mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

LG Ekki

14. Nov 2017

Für deine Antwort danke ich dir, lieber Ekki. Ja, eine Jede, ein Jeder bringe sich ein - der eigenen Kraft und Überzeugung entsprechend. Eine Norm, eine Rangordnung der guten Taten gibt es allerdings nicht, das muss man individuell entscheiden. Sich für Flüchtlinge zu engagieren ist lobenswert, es gibt jedoch viele andere Art und Weisen, sich sinnvoll gesellschaftlich zu betätigen - in der Familie, im Freundeskreis, im Beruf ...

LG - Marie

14. Nov 2017

Ich liebe meine Feinde nicht, auch nicht meine "Schweinehunde", ich akzeptiere sie und schlag mich mit ihnen rum, bis ich sie an der Kandare habe, was mir oft nur schwer gelingt, wenn überhaupt. Aber, einfach geht ja immer...

Herzliche Grüße in deinen Abend
Soléa

15. Nov 2017

Geht mir wie dir, ich akzeptiere die, mir gefällt aber der Bibel Vers als Denkanstoß. Danke und lieben Gruß - Marie

15. Nov 2017

Sehr bildhaft und intensiv gelangt Dein Text an diesem grauen Tag zu mir. Es kann schon hilfreich sein, sich ab und zu mit ausgesuchten Passagen der Bibel zu befassen. "Liebe deine Feinde..." Schwierig, sich in der heutigen Zeit darauf einzulassen. Wer ist Feind? Wie kann ich ihn von vornherein erkennen? Geschweige denn lieben? Und - welchen Schutz habe ich? Allerdings finde ich Deinen Text in diesem Portal (auch anderswo) hervorragend, liebe Marie. Danke!

LG Monika

15. Nov 2017

Liebe Monika, danke für deine reflektierten Worte. Ich finde die Forderung, "Feinde zu lieben", auch unerfüllbar, vor allem, weil ich meine, keine Feinde zu haben. Das liegt daran, dass wir so lange schon im Frieden leben wie kaum eine Generation vor uns. Vielleicht machen die Bibelverse im Zusammenhang mit Kriegen aber Sinn. Vor mehr als 70 Jahren sprach man an allen Fronten vom "Feind", sogar von Erbfeindschaft, man hatte den Auftrag, ihn zu töten, obwohl man ahnte, dass er ein ähnlich „liebenswerter“ Mensch sein könnte wie man selbst.

Liebe Grüße - Marie

16. Nov 2017

Das Christentum wird an seinem Werdegang bemessen.
Als solches ist es ein Verbrecherreligion, wie fast jede Sekte.
Und es wird in Zukunft weitere Verbrechen begehen,
um seine gestohlene Macht sich selbst an seinen Gottteufel verkaufen,
die aus den besetzten Kraftorten
durch ihre Leichengott-Kirchen entstand

Monotheismus ist Monokultur.
Und daher ein Feind natürlicher Vielfalt.
Man könnte es auch geistige Inzucht nennen.

Trotz anderer Meinung ist dein Text Klasse!

LG. Waldeck

17. Nov 2017

Danke für das „trotzdem“. Auch, wenn ich dir in der Tendenz recht gebe - Menschen, so, wie sie nun mal sind, ruinieren längerfristig alle im Prinzip guten „Heilslehren“ (siehe auch Kommunismus) – versuche ich nach den Grundsätzen des Christentums (Bergpredigt) zu leben (was selten gelingt), denn ich brauche Halt und Hoffnung zum Überleben ...

Liebe Grüße - Marie

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