seine hände

von Walter W Hölbling
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vier tage vor weihnachten
um 6 uhr morgens
läutet das telefon

mein atem stockt

sie sagen mir
mein vater sei heute
um 3 uhr früh gestorben
ich möge vorbeikommen
das begräbnis in die wege leiten
und seine sachen abholen
aus dem pflegeheim
wo er die letzten drei jahre
seines lebens verbracht hat

sie haben ihn schön gebettet
er wirkt friedlich
ich küsse ihn auf die stirn
wie ich es immer tat
am ende meiner besuche
und werfe einen letzten langen blick
auf seine gestalt

plötzlich bemerke ich
wie groß seine hände sind
sie waren mir nie zuvor so gewaltig erschienen

als ob sie mich im tod daran erinnern wollten
wie sehr er seine hände geliebt hat
für arbeit sport spiel
für kampf und überleben
zum deuten und gestikulieren
sie hielten mich nach der geburt
und ab und wann
gab‘s später auch mal einen klaps
sie machten spielzeug wieder ganz
spalteten holz und bauten hütten
steuerten sicher autos und maschinen
waren geduldig und genau
konnten beruhigen streicheln lieben

sie hielten seine welt

sie waren sein leben

die hände meines vaters

* * * * *

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Kommentare

17. Sep 2015

Das rührt mich sehr, da ich es nachempfinde. Mein Vater starb viel zu früh an Krebs, drei Jahre nach unserer Mutter. Vieles trifft auch auf meine letzte Begegnung mit ihm zu. Es dauerte eine Weile, bis die Erinnerungen an sein Sterben wieder denen an sein Leben wichen, welche mir wesentlich lieber sind.
Danke, für diese tiefgehenden Zeilen.
Viele Grüße
Corinna

18. Sep 2015

Danke, Corinna. Es dauerte 5 Jahre, bis ich einigermaßen Worte für den Tod meines Vaters fand. Nicht leicht...
Liebe Grüße, Walter

18. Sep 2015

Die rechten Worte wohl gefunden -
Und fein in ein Gedicht gebunden...
LG Axel

18. Sep 2015

Es berührt, es erinnert , leise Wehmut...
Ein sanfter Blick zurück !
Lieben Gruß
Eva

18. Sep 2015

Mein Vater starb vor 2 Jahren, es schmerzt noch immer zutiefst. Er fehlt mir sehr unendlich!
Deine Zeilen, deine Gedanken, berühren meine Seele!
Liebe Grüße,
Angélique