Der erste Mai

von Kurt Tucholsky
Aus der Bibliothek

Von Theobald Tiger

Ich falle lyrisch in die Saiten,
klim plum – es sprießt im Blumentopf.
Der Lenz rumort in diesen Zeiten
auch in dem ernsten Denkerkopf.
Ists recht, wenn ich ein Liedlein quarre?
So komm, du Trösterin, herbei,
du buntbewimpelte Gitarre –
am ersten Mai!

Der Tag, da jene bunte Rotte
klim plum – voll Freuden Mordio schrie,
scheint heute fern.
Dem Rachegotte
bleibt treu die alte Kompagnie.
Wer im August so sehr versessen
gewesen ist auf Kriegsgeschrei,
den wollen wir doch nicht vergessen
am ersten Mai!

Wir haben nun bei freien Eiern
klim plum – den neuen Feiertag.
Wir dürfen endlich jenen feiern,
den nie kein guter Landrat mag.
Doch müßt ihr stets Programme stammeln?
Laßt uns, was auch gewesen sei,
zu neuer Arbeit Kräfte sammeln
am ersten Mai!

So horch, Auguste meiner Seele,
wie süß mein Lied die Luft durchzieht!
Was ich mir hier herunterquäle,
kommt aus dem weichesten Gemid.
Und was wir brauchen an Moneten,
verdienst du mit der Filmerei –:
So laß uns in die Ehe treten
am ersten Mai!
Klim plum!
Am ersten Mai!

Veröffentlicht / Quelle: 
Ulk Jahrgang 48. Nummer 18. Seite 62; 1. Mai 1919; Rudolf Mosse Berlin

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