Spaziergang

Bild von ulli nass
Mitglied

unweit jener Kirche
kam ich zur Welt

der Fluß der Zeit
er war so überaus zäh
damals -
es nie würde enden-
dachte ich
in jener Zeit-
gemächlich ging es dahin-
Ewigkeit war vorstellbar

nun geht alles schnell
die Räder drehen sich
in großer Hast-

die Stunden mutieren
zu Wimperschlägen
der Vergänglichkeit,
durch den Isthmus
des Stundenglases
rasen die Sandkörner,
die Frist läuft ab

die Abfolge der Ereignisse
das einst
ganz normale Leben -
längst sind sie
unübersichtlich geworden

dort,
wo man bei Nordost-Wind
das mehrstimmige Geläut
der alten Glocken
gerade noch hören kann ...
werde ich sterben
-vermutlich-
sicher ohne Bedauern

mag die Welt verderben -

ich strebe zum Licht
hin zum ultimativen
schwarzen Loch-
unwiderstehlich sein Sog

und alles, wirklich alles
ist doch

nur
ein
Leben

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Interne Verweise

Kommentare

06. Nov 2020

Danke Axel, vielen Dank Olaf.
Schönes Wochenende.
Stay healthy.
lG ulli

06. Nov 2020

Du beschreibst auf hoch poetische Weise die Flüchtigkeit, das Wesen des Lebens – aus Deiner Empfindung heraus. Ich stimme zu - die Kindheit verging wie im Traum, den man für unvergänglich hielt - und die Abfolge der Erlebnisse ist längst unübersichtlich geworden; und letztlich ist alles doch nur – ein Leben. Dein Leben. Mein Leben. Jedes Leben. Sehr gerne und zustimmend gelesen, lieber Ulli. Überhaupt schön, wieder einmal von Dir gehört zu haben.

LG Marie

06. Nov 2020

Liebe Marie,
ich danke Dir herzlich für den wohlwollenden Kommentar. Er ist wichtig für mich. Ich schreibe nur noch hin und wieder. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass meine Suche nach Antworten auf das Mysterium unserer Existenz zu einer für mich zumindest akzeptablen Lösung geführt hat. Du weißt schon . . . Camus etc. - das kurze Plädoyer von Iris Radisch ( ich hatte den Link mal eingestellt) war tatsächlich zur richtigen Zeit eine Sternstunde im Zweig'schen Sinne . Mein Geist hat dadurch Ruhe gefunden . . .
Ich lese gerne, spiele Gitarre und versuche, meinen Leib in Form zu halten.
Ich denke nicht selten an Dich und all die anderen auf dieser Plattform. Zusammen wart ihr ein fester Bestandteil einer schönen Phase meines Lebens. Das war gut. Ich wünsche Dir aus tiefstem Herzen alles Gute. Irgendwie sind wir uns vertraut,gelle.
Bis demnächst
ulli

06. Nov 2020

Ei Alf,
was ist irgendwie erschütternd?
Eine kurze Erhellung dazu wäre schön.
Du warst wichtig für mich und immer sehr beeindruckend, bis zum heutigen Tag.
ulli

08. Nov 2020

das Streben zum Licht, zum Schwarzen Loch
und schließlich das Sterben selbst...

Im Rahmen meiner Bildhauertätigkeiten
in früheren Zeiten
habe ich oft die kuriose Romantik der Friedhöfe "genossen"...
später war ich auch Nachts auf diesen Plätzen,
um die Stimmen der Toten zu hören
und ich könnte schwören
ich hab sie vernommen -
doch dann bin ich doch ins Gruseln gekommen.

Beim Abnehmen von Totenmasken, bei dem entsetzlichen Gestank
in der Pathologie
hörte ich sie nie,
aber sie kamen dann im Traum zu mir,
weil ich ihnen so nahe gekommen bin...
das ging mir lange nicht aus dem Sinn!

Erschütternd waren für mich die Begegnungen mit dem Tod immer!

Alf

08. Nov 2020

Ich danke Dir Alf. So kann ich es verstehen.
Es wäre übermenschlich, würde ich behaupten, dass Endlichkeit, Sterben,Verwesung und Tod keine Angst machen.
Vernunft und Verstand liegen da in einem nicht befriedigend zu lösenden Konflikt.
Ich habe mich irgendwann entschieden.
Todesangst und (Über)Lebenswille sind die mächtigsten 'Programme', die uns die die
Evolution 'eingeschrieben' hat. Das verletzt meine Würde, macht es doch ohnmächtig, zerstört alle
menschlichen 'Macht-Illusionen'. Dieses archaische biologische Erbe ist unbesiegbar.

Das ist hart, ja Vita brevis, die Fristen sind kurz . . . alles erscheint sinnlos.
Wende das einfach ins Gegenteil.
Das Leben ist kurz.Ja. Wir sterben bald,alle.Ja. Auch die Erinnerungen an uns vergehen schnell. Ja.
Da bleibt nur : diese eigene kurze Existenz selbst zu bestimmen, so weit es eben geht.
Nur eine Chance, also muss man sie nutzen.
Der Rest ist völlig irrelevant. Tot ist tot. Keiner kam je zurück.Transzendenz, Fehlanzeige.
Ist etwas für Verleugner, Schwächlinge, Traumtänzer. Religion ist was für Anfänger, meist nicht wirklich originell,
Alleinherrschaft von Einem. Haha. Geht überhaupt nicht. Da bin ich Anarchist, im Sinne des Worte.
Also trotz allem. Ich akzeptiere das Mysterium, die Absurdität, aber das IST NICHT SCHLIMM.
Den Gedanken kann man üben, er wird dann irgendwann echt, authentisch, zu unserem Wesen.
Bin auf keinem schlechten Weg.
Und nun erstmal Schluss
Ciao und bis demnächst
ulli

08. Nov 2020

Endlich mal wieder ein Ulli Nass!
Sehr tiefgründig, sehr abgeklärt kommt dieser Text daher. Zuerst schien er mir ein wenig resigniert, aber gegen Ende zu meine ich eine gewisse Akzeptanz des Gegebenen erkannt zu haben. Wenn das jeder von sich sagen könnte ...!

08. Nov 2020

Danke Noé,
ich habe ja schon Marie geschrieben dazu. Philosophie kann wirklich letztlich auch zu größt möglicher Akzeptanz führen. Alle Religionen sind für mich keine Option. So ist das. Jede(r) muss eine Lösung für sich finden, aber nur dann, wenn er(sie) von existenziellen Fragen berührt wird.
Akzeptanz ist tatsächlich möglich und (in Demut) ich schrieb es an Marie, ich habe über Jahrzehnte gesucht, bei Philosophen, Literaten, Kenne mich paassabel aus mit Neurophilosophie, Heisenberg, Einstein , von Augustinus bis Luther(bäh) etc. . . Kern- und Astrophysik usw blabla.
Meine persönliche Sternstunde war ein Gespräch über Camus .. . Iris Radisch brachte es in 3 Minuten auf den Punkt. Wie die Faust auf's (mein) Auge. Alles war nun klar. https://youtu.be/-zGA9vmQpeE. (ab Minute 32 die folgenden 5-6 Min.)
Love&Peace und alles Gute für Dich
Eigentlich ist unmöglich, aber Du bist in meinem Herzen
ulli