Literatur über Glücksspiel: Kulturgeschichte des Spielers in “Va Banque. Über Glücksspieler und Spielerglück” von Michael Kohtes

09. September 2016
Die Spieler von Mathieu le Nain / Rijksmuseum
"Die Spieler" von Mathieu le Nain / Rijksmuseum
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In seinem Buch, das eine Kulturgeschichte des Glücksspiels beschreibt (genauer etwa ab dem Rokoko, also Mitte des 18. Jahrhunderts) führt uns der Autor durch die Casinos von Monte Carlo und San Remo bis Baden-Baden, Bad Homburg und natürlich auch Las Vegas.

Es geht um heilige Riten des Spielens, Gewinnens und Verlierens, um berühmt-berüchtigte Spielernaturen und die Literatur in der Literatur: Natürlich kommt auch Dostojewskis “Der Spieler” zu Wort. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht lesenswert, nicht zuletzt deswegen, weil in jedem Menschen ein Spieler steckt.

Die Protagonisten des Spielerbuchs

Casanova kommt natürlich vor, der das Spiel genauso wie die Frauen liebte, Canada Bill und Thomas Garcia, der erst einige Spielbanken und dann sich selbst in den Ruin spielte, die spielenden Schriftsteller Dostojewksi (“Der Spieler” ist stark autobiografisch), Lessing, Balzac und sogar Friedrich Schiller. Alle diese Heroen der Literaturgeschichte spielten, das Spiel ist so alt wie die Menschheit. Michael Kohtes beginnt seinen geschichtlich-literarischen Exkurs schon in der Antike, um dann den großen Bogen über die Renaissance bis zum Rokoko zu schlagen, wo er etwas breiter zu erzählen beginnt. Das verwundert nicht, ab jener Zeit ist die Geschichte der modernen Casinos gut dokumentiert. Schließlich gelangt Kohtes zu den aktuellen Phänomenen: Die gegenwärtigen Spieler pokern online, sie haben die Börse und das Online-Trading im Visier, nicht selten sind sie für große Banken tätig und verzocken sich auch mal global mit entsprechend weltweit reichenden Folgen. Das Fazit des Autoren lautet: Spielen ist gehört zum Leben, aber es stellt eine seiner extremsten Formen dar.

Der Spieler und der Autor Michael Kohtes

Michael Kohtes spielt selbst “mit schöner Regelmäßigkeit” in Casinos, wie die ZEIT ONLINE herausfand, die ihn zu seinem Buch befragte. Er hält das nicht für schlimm, denn jeder Mensch sei schließlich ein Spieler. Es gehe daher nur darum, inwieweit jemand seinen Spieltrieb auslebt. Dennoch gesteht er ein: Spieler sind Hasardeure im ursprünglichen Wortsinn. Sie setzen ihre Existenz aufs Spiel, was weitaus mehr meint als die materielle Existenz. Spielen heißt an den Zufall glauben, und das ist wahrhaft fatalistisch. Es gehört dazu eine eigene Kultur, welche die gesamte Kulturgeschichte des Spielers seit der Antike prägt: Ein Spieler lebt im Augenblick, er plant sein Leben nicht, er meistert es noch viel weniger. Damit widersetzt er sich auch den Imperativen der bürgerlichen Vernunftkultur. Unter anderem feiert er die Verschwendung bis hin zur Selbstverschwendung. Solche Figuren sind zweifellos faszinierend und lassen den braven Durchschnittsmenschen sehr blass aussehen. Da Kohtes ein Spieler und Philosoph ist, blickt er sehr tief in die entsprechenden Abgründe hinab.

Wahre Spieler und Sonntagsspieler

Es gibt gelegentliche und regelmäßige Casinobesucher und heutzutage auch Online-Spieler, die von Zeit zu Zeit 100 Euro verzocken und dann wieder aufhören. Oder jene, die kostenlose Spielautomaten auf luck.info spielen und gar kein Risiko eingehen. Doch authentische Spieler hören nicht auf, sie hören nicht einmal damit auf, über das Spiel nachzudenken. Sie spielen auch nicht, nur um zu gewinnen. Da sie manchmal binnen Stunden ein kleines Vermögen anhäufen, müssten sie nach so einer Glückssträhne aufhören. Der beobachtende Nicht-Spieler möchte ihnen das zuschreien: Höre jetzt auf! Doch echte Spieler werden den Gewinn erneut dem spielerischen Zufall überlassen. Sie verschwenden zwar gern, wenn sie über alle Maßen gewonnen haben, aber sie planen den Luxus nicht. Auf diesen hoffen nur die Sonntagsspieler. Die wahren Spieler benötigen nur Geld zum Spielen. Dennoch träumen Zocker von der Mutter aller Gewinne. Es muss aber ein Gewinn sein, der alle Ketten sprengt, ein ganz großer Coup. An diesen glauben wirkliche Spieler hartnäckig. Aus dieser Illusion befreit sie nur ein Bankrott. Vorher jedoch treiben sie ihre Einsätze immer weiter, bis zum Äußersten, womit sie ihren Untergang herausfordern. Wenn sie vor dem Nichts stehen, erleben sie eine echte Katharsis, besinnen sich manchmal, gehen unter oder - werden zu Autoren wie Michael Kohtes.

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