Bärle

von Alfred Krieger
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Gerade fünf Jahre mochte ich alt gewesen sein, als das in etwa gleichaltrige Nachbarmädchen eine kleine Puppe – bereits mit „echten“ Haaren – geschenkt bekommen hatte. Ingrid, so hieß die neugebackene Puppenmutti, hatte daran ihre große Freude und viele neue Aufgaben gefunden. Die Puppe stellte schließlich ihre Ansprüche … sie musste gekämmt, gefüttert, gewaschen … also kurz gesagt, rundum versorgt werden!
Plötzlich war er da – mein sehnlicher Wunsch nach einer ähnlichen Puppe, obwohl ich ein eher bescheiden zu nennender Bub war, dem man seine Wünsche oft erst aus der Nase ziehen musste. In der Erwachsenenwelt jedoch stieß mein Anliegen, so ich gewagt hatte, es vorsichtig zu äußern, auf wenig Verständnis. Auch mein Argument, dass ein alter Puppenstubenwagen bereits ohnedies irgendwo - verlassen und seines eigentlichen Sinnes beraubt - herumstand, schien nicht gewichtig genug, die Auffassung der mir nahezu allmächtig erscheinenden, mir nahestehenden Erwachsenen ins Wanken zu bringen, dass eine Puppe durchaus kein geeignetes Spielzeug für einen Jungen sei. Ein Teddybär wurde mir als Alternative vorgeschlagen und mein Opa versprach mir, mit dem Christkind darüber zu reden. Na ja, wenigstens ein Teddybär!

Es gab damals so leuchtend blaue und gelbe Plüschbären, welche mich aus dem Schaufenster des nahen Spielzeuggeschäfts anlachten – so einer wäre herrlich! Ich versuchte, dies meinem Großvater zu erklären, hoffend, dass er meine Vorstellung an das Christkindl weiterleiten möge. Mein Opa war allerdings ein naturkundlich interessierter, sehr belesener Mann und so machte er mich darauf aufmerksam, dass blaue und gelbe Bären in der Natur bis jetzt nicht vorkämen und von der Evolution bestimmt auch nicht vorgesehen seien. Aus basta! Ein Bär ist braun – außer ein Eisbär natürlich – und so werde ich – wenn überhaupt – nur mit einem braunen Bären als Geschenk rechnen dürfen. Er sah mir meine Enttäuschung an und fügte mit Sorgenfalten auf der Stirne und würdigem Ernste hinzu, dass, wenn ich damit nicht zufrieden sei, es vermutlich überhaupt keinen Teddybären gäbe.
So lernte ich frühzeitig im Leben, dass dieses nur mit Kompromissen und zusätzlich mit einem gewissen Maße an Resignation zu bewältigen war: es war einfach besser, einen etwas langweiligen braunen Bären, als gar keinen unter dem Weihnachtsbaume vorzufinden!

Dort saß er denn dann auch! Nicht allzu groß, schokoladenbraun mit freundlich blickenden, treu wirkenden Glasaugen, zottelig befellt bis auf die Innenflächen der Pfoten und die Fußsohlen, welche unbehaart, farblich beige abgesetzt waren. Wenn man das Stofftier nach vorne neigte, ertönte ein Geräusch, welches ein Brummen darstellen sollte, eher aber an das Blöken eines heiseren Schafes erinnerte.

Bärle wurde bald mein großer Freund und Spielgefährte und von mir in nämlicher Weise verwöhnt, ähnlich wie dies Ingrid mir mit ihrer Puppe vormachte. Das Mädchen war eine vorbildhafte Lehrmeisterin für mich … Bären und Puppen schienen glücklicherweise vergleichbare Bedürfnisse zu haben! Der alte Puppenstubenwagen hatte wieder eine ihm würdige Aufgabe gefunden – und ich hatte meinem Pflegling inzwischen verziehen, dass er nur braun war. Zumindest schmutzte er nicht so leicht, was bei meinem unterentwickelten Triebe, mir regelmäßig die Hände zu waschen, zu nicht geringem Vorteile gereichte.

Bärle eignete sich nicht nur zum „normalen“ Spielen. In einem selbstgebastelten Kistchen, welches sich am Lenker meines Fahrrades einhängen ließ, genoss er manchen kurzen Ausflug. Er revanchierte sich für meine Bemühungen um sein Wohlergehen dadurch, dass er ein geduldiger Zuhörer war. Was vertraute ich ihm im Laufe der Zeit nicht alles an – meine kleinen und großen Sorgen … Gefühle, oft nicht richtig verstanden oder ungerecht behandelt worden zu sein, meine Ängste, meine Hoffnungen …! Bärle konnte so wunderbar trösten, vor allem war darauf Verlass, dass er absolut verschwiegen war. Wie glücklich darf sich ein Kind schätzen, wenn es – dank seiner urgrundhaften, reichen Phantasie – wenigstens phasenweise ein solch einfaches Stofftier als gleichermaßen beseelt erleben kann!

Die Jahre brachten neue Interessen mit sich: die Modelleisenbahn, das Basteln im allgemeinen, Fotografie und Mikroskopie, die Haltung von Haustieren, vor allem aber schulische Belange stellten neue Anforderungen. Mein Bärle saß irgendwo auf einem Regal, verriet dadurch, dass es als Staubfänger diente, seine Anwesenheit, war aber eigentlich fast in Vergessenheit geraten …

Als junger Mann – den Verlockungen der Liebe erlegen - gründete ich meinen eigenen Hausstand. Der Umzug aufs Land war relativ unbeschwerlich, denn nur wenige Besitztümer nannte ich bis dahin mein eigen. Mein altes, schon etwas schäbig aussehendes Bärle hatte ich vorläufig zwar mitgenommen, mich in der neuen Wohnung aber bald dazu entschlossen, es nebst anderem Unbrauchbarem demnächst auf den gemeindlichen Schuttabladeplatz zu bringen. Bärle hatte nur noch ein Glasauge, sein Fell machte – bedingt durch abgewetzte Kahlstellen – einen eher räudigen Eindruck. Die Handflächen und Fußsohlen hatte, da sie vom Spielen durchgescheuert waren, meine Großmutter seinerzeit geduldig mit Stoffflicken übernäht, von der Funktion her zwar einwandfrei, aber doch eher in einer Ausführung, welche einem Schönheitschirurgen wenig Ehre gemacht hätte. Da ich schon seit Kindestagen wissen wollte, wie das brummähnliche Geräusch zustande kam, war jetzt endlich die Stunde der Erkenntnis gekommen: So schlitzte ich neugierig dem Freunde aus alter Zeit den Bauch auf, um aus der holzwollähnlichen Füllung einen Pappzylinder zu entfernen, der dank seines Innenlebens für das Brummen verantwortlich war. Die Reste des Bären landeten in einer großen Kiste mit anderem Gerümpel, welches noch am gleichen Tage seine letzte Reise zum Müllplatze antrat.

In der Nacht war ich gerade zufrieden eingeschlafen, als mich ein heftiges Unwetter aufschreckte. Von draußen waren ein Toben und Tosen, ein Pfeifen, Rütteln und Schütteln zu vernehmen, als hätten sich alle finsteren Mächte ein gespenstisches Stelldichein gegeben. Hart prasselte der Regen sturmgepeitscht gegen die ungeschützten Fensterscheiben und auf das Blechdach des wenige Meter vor dem Fenster stehenden Schuppens. Meine Gedanken kreisten um das unwirtliche Geschehen, wie gut hatte ich es doch hier im warmen Bette, wie würde es draußen den bemitleidenswerten Tieren ergehen? ... Wie meinem Bärle, welches jetzt - ich sah ein sehr trauriges Bild vor mir - vollkommen durchnässt mit offenem Leibe im Unrate lag …? „Man kann nicht jeden Mist aufheben“, beruhigte ich mich, „man muss sich auch von etwas Unbrauchbarem trennen können. Außerdem war das Stofftier allzu unansehnlich – man hätte es nicht einmal mehr herschenken können, ohne den Beschenkten zu beleidigen. Schließlich bin ich kein kleines Kind mehr, sondern ein vernünftiger, erwachsener Mensch! Aus – keine weitere Diskussion!“

Gewissenswürmer haben es jedoch bisweilen an sich, recht hartnäckig zu sein, sich vor allem aber selbst vernünftigsten Argumenten zu verschließen, und mit irgendwelchen Anti-Wurmmitteln aus der Pharmazie ist ihnen schon gar nicht beizukommen! „Dein armes, altes Bärle …“, begann mein Gewissen mit klagendem Vorwurfe, „einfach weggeworfen wie ein Stück Dreck. Ist es nicht ein Teil deiner Kindheit, letztlich ein zwar äußerst kleines aber dennoch nicht unbedeutendes Teilchen deiner selbst, zudem ein Teil der Erinnerung an deine lieben Großeltern?“

Die Unbilden der Witterung hatten sich merklich beruhigt. Es regnete nur noch leise monoton vor sich hin. Ich stand auf, schlich aus dem Schlafzimmer, kleidete mich an und wusste, dass mein Ansinnen absolut unvernünftig, eines Erwachsenen möglicherweise sogar unwürdig war. Aber es ging jetzt um mein Bärle – da hatten sogenannte vernünftige Überlegungen nichts, aber auch gar nichts verloren. Sollen doch andere von mir halten, was sie wollen – mag auch ich einmal von mir halten, was ich will! Jetzt war mein Plan gefasst! Ich fuhr zum gemeindlichen Müllplatze, den ein hoher Drahtzaun umgab und welcher um diese nächtliche Stunde – es war gegen 2 Uhr morgens – abgeschlossen war. An einer geeigneten Stelle kletterte ich über die Umzäunung, hoffend, bei meinem verbotenen Tun nicht entdeckt zu werden. Mit einer vorsichtshalber abgedunkelten Taschenlampe suchte ich die Müllkippe ab. Es regnete wieder stärker. Dieser Umstand erschien mir sogar vorteilhaft zu sein, denn wer würde sich bei so einem Wetter, noch dazu um diese Nachtzeit, draußen aufhalten?
Ich war mir sicher, die Stelle, an der ich mich meines Gerümpels entledigt hatte, unschwer zu finden. Hiermit war ich einer Täuschung erlegen, denn bei Nacht und Nässe sieht jegliche Umgebung ziemlich verfremdet aus. Möglicherweise hatte auch nach mir jemand seinen Unrat über meine aufgegebenen Besitztümer entleert? Dann wäre guter Rat teuer gewesen! Ich stapfte, selbst schon gehörig durchnässt, durch Matsch und Pfützen … erfolglos bei meiner Suche, verzweifelt, jedoch mit einer an Verbissenheit grenzenden Entschlossenheit …

Da vorne! Diesen rostigen, henkellosen Eimer kenne ich doch! Ja, daneben streckte mein alter Regenschirm sein verbogenes Gestänge, riesigen Gräten gleich, in die Finsternis! Sie wiesen mir den Weg! Schon glitzerte mir ein nass glänzendes Glasauge entgegen – ich hatte Bärle gefunden! Vollkommen vom Regen durchtränkt bot der Freund aus Kindheitstagen – verstärkt durch die klaffende Bauchwunde – ein Bild des Jammers. Doch noch nie zuvor war mir dieses unansehnliche mit Holzwolle gefüllte Stück Stoff, mein Bärle, so wertvoll erschienen wie gerade jetzt! Wir hatten uns wieder!

Wir fuhren nach Hause. Bärle wurde sorgsamst gereinigt, getrocknet, der Brumm-Mechanismus fand seinen alten Platz im grobfasrigen Gehege der Eingeweide, der Bauch wurde mit chirurgischer Präzision vernäht, die Fellreste wurden gebürstet und zu guter letzt schenkte ich dem in die häusliche Gemeinschaft Zurückgekehrten zwei neue Glasaugen, welche ihn recht optimistisch in die Welt blicken ließen. Ja, Bärle hatte wahrlich Grund zu diesem Optimismus, denn er sitzt heute noch, nach fast 50 Jahren auf einem Regalboden über meinem Bette und nicht selten ertappe ich mich dabei, wie ich ihm im Vorübergehen schmunzelnd einen freundlichen, dankbaren Blick zuwerfe. Bärle hat dies ganz einfach verdient!

Diese wahre Begebenheit schrieb ich am 29. Januar 2018 nieder.

Bärle an seinem 65. Geburtstage
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Kommentare

02. Feb 2018

Ein Bär mit Brumm in seinem Bauch -
Doch brummt das Leben in ihm auch ...

LG Axel